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Wir zeigen welche besondere Aussagekraft ein Detail für das Ganze haben kann

10 min Lesezeit
Detail als ein Teil des großen Ganzen
Was sagt ein Ausschnitt über das Ganze aus? Eingesprochen von der BEP Redaktion

Mehr als die reine Summe

Es klingt beinahe abgedroschen und doch scheint der Ausspruch Aristoteles’ nach über 2.000 Jahren keine Spur an Gültigkeit verloren zu haben: „Das, was aus Bestandteilen so zusammengesetzt ist, dass es ein einheitliches Ganzes bildet […] ist offenbar mehr als bloß die Summe seiner Bestandteile“ (verkürztes Zitat aus Metaphysik VII 17, 1041b). Was ist es, dass dem Ganzen – über seine Einzelteile hinaus – Dynamik und Lebendigkeit verleiht? Eine Frage, auf die man in unterschiedlichen Disziplinen ganz unterschiedliche Antworten erhält. So verweist man in der Physik auf die Wechselwirkung zwischen den Objekten – auf ihr Verhalten untereinander. Im religiösen Bereich wird man, trotz unterschiedlicher Maximen, auf Glaubensansätze an eine geistige – eine höhere Macht stoßen. Und in der Architektur? Was zeichnet eine gute Architektur aus und was erweckt sie zum Leben?

Man nehme ein Haus, zerlege es in seine einzelnen, baulichen Elemente: Fenster, Treppe, Türen, Wände usw. und gebe es einem anderen Architekten zum Wiederaufbau. Sogar ein Laie wird an dieser Stelle nachvollziehen können, dass sich der daraus entstehende 'Neubau' stets von seinem Vorgänger unterscheiden wird. Wenn es auch nur Nuancen, nur Feinheiten sein werden, so wird kein Bau dem anderen entsprechen. Selbst wenn sich beide Häuser, nach dem modularen Baukastenprinzip, bis auf ihre heruntergebrochenen Stücklisten gleichen sollten, und sogar aus der Hand desselben Architekten stammen würden, wird doch letztlich der unterschiedliche Genius Loci jeder Architektur wiederrum eine Einzigartigkeit verleihen. An dieser Stelle offenbart sich bereits der Stellenwert und die Bedeutsamkeit eines einzelnen Details – hier sogar eines sehr essenziellen, das darüber hinaus noch nicht einmal greifbar ist. Gleichzeitig stellt sich in diesem Zusammenhang die grundlegende Frage: Kann man bei Details überhaupt zwischen bedeutungsvoll und belanglos unterscheiden?

Details entsprechen einem zauberhaften Uhrwerk

Detailreichtum verkörpert nicht zwangsläufig eine Vielzahl – eine Aneinanderreihung mehrerer Details. Meist verhält es sich sogar eher gegenteilig. So zeichnet sich eine detailliert durchdachte Architektur vielfach durch eine sehr reduzierte Optik aus. Fein und leise. Hingegen bedarf eine dezente Ästhetik häufig ein sehr komplexes und detailreiches Innenleben. Diese Ambivalenz ist vielleicht der Grund warum ein Detail innerhalb der westlichen, gesellschaftlichen Auffassung sowohl mit Prunk als auch mit einer gewissen Marginalität verknüpft wird. Bereits die Definition des Wortes beinhaltet eine Art von Dualität. So kann laut Duden ein Detail als unwichtig und als ganz wesentlich zugleich deklariert werden.

Vor diesem Hintergrund wirkt es verständlich, dass 1925 Diskussionen darüber entbrannten, ob nun der liebe Gott oder doch der Teufel im Detail steckt. Ist zu viel Detailhaftigkeit hinderlich und störend oder steckt doch etwas Göttliches, etwas Sinnliches in einem Detail? Entfacht durch den Kunsthistoriker Aby Warburg, der sich in seinem Seminar über italienische Kunst der Frührenaissance mit Mikrostrukturen beschäftigte, rückte der Aspekt einer Bedeutsamkeit selbst im Unscheinbaren in den Fokus. Jedes Detail ist seiner Meinung nach wichtig und betrachtungswürdig – selbst, wenn dies auf den ersten Blick nicht den Anschein hat. Ein Ansatz, der in der östlichen Weltanschauung, speziell in der japanischen Kultur, von immenser Bedeutung ist. Dort existiert die angesprochene, bei uns vorhandene Ambivalenz nicht, denn die hohe Wertigkeit eines Details steht bei diesem Weltbild stets im Vordergrund. So entpuppt sich das traditionelle Gericht Sashimi in seiner Zubereitung und der Schnitttechnik als viel aufwendiger, wie sein eigentliches Endergebnis: einfach geschnittener roher Fisch. Doch die dafür benötigte Ausbildung zum Sushi-Chef umfasst in Japan bis zu 15 Jahre, wobei die ersten Jahre alleine der Erlernung des korrekten Messerschliffs und dem richtigen Waschen des Reises gewidmet werden. Aus westlicher Sicht vermeintlich unbedeutende Details, die jedoch die Perfektion des Endergebnisses bestimmen und beeinflussen

Es scheint innerhalb dieser Thematik demnach weniger um die Details an sich und ihre Stellung zu gehen, als vielmehr um deren Wertigkeit und den Anspruch eines perfekten Resultates. Wie viel Mühe und Aufwand lasse ich einem einzelnen Detail zukommen, wenn es 'lediglich' einen kleinen, vielleicht sogar vermeintlich unbedeutenden Teil im Großen ausmacht? Angenommen man lässt den Aspekt der östlichen Weltanschauung außen vor, wäre dennoch zu klären, ob es ganz sachlich und objektiv betrachtet überhaupt 'unbedeutende' Details gibt? Denn das Ganze als Konstrukt existiert ja eben genau aufgrund des Zusammenspiels von Einzelteilen. Wie kann dabei ein Teil unbedeutender sein, als ein anderer oder als das Gefüge an sich? Betrachtet man ein Uhrwerk, wird dieses nicht mehr funktionieren, sobald auch nur eine Schraube ihre zugewiesene Position verlässt. Das Werk wird nach wie vor noch schön und ästhetisch sein, aber durch den Verlust der Funktion, wird es einen Teil seines vorherigen, inhärenten Charmes verlieren. Und macht hierbei nicht gerade das präzise aufeinander abgestimmte Zusammenspiel den eigentlichen Zauber und die Faszination aus? Die verflochtene Interaktion, das Ineinanderfügen vermittelt in der Regel etwas Ausgeglichenes und Vollkommenes. Wenn etwas im Einklang ist, einer gewissen Regelmäßigkeit folgt, spricht es den Menschen an und beruhigt ihn. Dieser Auffassung war auch die deutsche Schriftstellerin Eva Heller, die sich unter anderem intensiv mit Kompositionen von Farben und ihren Wirkungen auf die menschliche Psyche und Gefühlslage beschäftigt hat. Sie sagt, „Wenn das Detail nicht stimmt, stimmt überhaupt nichts.“ Dies erlaubt im Rückschluss, dass wenn etwas im Kleinen nicht stimmt, sich dies auch im Großen zeigen wird. Ein Aspekt, der wiederrum einen ganz grundlegenden Ansatz offenbart. Nämlich dass jedes Teil einen Gegenpart benötigt, um sich selbst und seine Existenz zu definieren. Das Kleine und das Große, Tag und Nacht, laut und leise, warm und kalt. Und eben auch ein Detail und sein Ganzes. Damit wird ein Detail definitiv bedeutsam und erhält eine Wertigkeit. Und zwar eine größere als es vielleicht seinem Namen nach auf den ersten Blick vermuten lässt.

Was sagt ein Ausschnitt über das Ganze aus?

Welche Rückschlüsse lassen sich nun aus der Bedeutsamkeit eines Details für die Architektur ableiten? Beispielsweise für einen kleinteiligen Knotenpunkt innerhalb der gesamten Fassade eines Gebäudes. Meist tritt ja nur das äußere Erscheinungsbild in den Vordergrund, während der Knotenpunkt als Teil der Primärkonstruktion im Verborgenen bleibt. Aber zeigt sich dabei trotz allem das Kleine im Ganzen oder spiegelt sich das Ganze im Kleinen? Oder kann man weder von dem einen noch von dem anderen ausgehen bzw. Rückschlüsse ziehen? „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht“ schrieb Johann Wolfgang von Goethe 1819. Aber was bedeutet das für das Ganze – die Architektur an sich, wenn man ein Detail nicht wahrnimmt oder durchdringt? Wenn man gar nicht alle Details erkennt oder überhaupt erkennen kann und auch keinen Zugang dazu hat. Könnte man das Gebäude dann überhaupt begreifen und als solches verstehen? Dem Rückschluss zufolge nicht. Doch ein Pauschalisieren wäre an dieser Stelle falsch. Denn es gilt abzuwägen, in wie weit man das Ganze wirklich und wahrhaftig begreifen will oder muss – situationsabhängig. Reicht ein Überblick oder benötigt man doch einen tieferen Einblick? Man wird ein Haus als Haus erkennen können, ohne vorab zu wissen, welcher Bodenbelag in der Küche verwendet wurde. Um jedoch das Gebäude als in sich stimmiges Wohnhaus beurteilen zu können, wäre diese Information letztlich jedoch wieder unabdingbar. Der Ausgangspunkt und der übergeordnete Zusammenhang sind damit entscheidend. Darüber hinaus hat sich herauskristallisiert, dass das Eine grundsätzlich nicht ohne das Andere existieren kann und sie in einer fortwährenden Wechselbeziehung stehen. Entscheidend ist jedoch, dass man innerhalb dieser Beziehungen, wie auch in Bezug auf die Betrachtung des Einzelnen und des Ganzen, keine 'falschen' Rückschlüsse zieht, ähnlich eines „Pars-pro-toto-Fehlschlusses“. So steht zwar ein Teil für das Ganze (pars pro toto) aber das Ganze steht nicht zwangsläufig für einen Teil. Ein Ganzes lässt sich nicht einfach auf seine Einzelteile herunterbrechen. Ein Parkett-Boden ist ein Bodenbelag für Innenräume, aber nicht jeder Innenraumbodenbelag ist ein Parkett-Boden.

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Ähnlich verhält es sich mit einer Konstruktion oder einem Gefüge: Eine Fuge ist Teil eines Fliesenspiegels, aber ein Fliesenspiegel besteht nicht nur aus Fugen. 'Man braucht auch Fliesen' wird der Eine oder Andere sagen, aber auch das ist nur bis zu einem gewissen Grad aussagekräftig. Betrachtet man beispielsweise die faszinierenden Innenräume der Alhambra in Spanien, wird deutlich, dass ein Großteil ihrer Innenräume von beeindruckenden, filigran arrangierten Fliesenkompositionen bestimmt werden. Doch zerlegt man diese wiederrum in ihre Einzelteile, werden sie von ihrer Faszination nur noch wenig behalten. Dies offenbart die Wertigkeit des Zusammenspiels. Ist dies in sich stimmig, harmonisch und austariert, scheint das jeweilige Konstrukt eine Zugabe on top zu erlangen, die ihm eine unerklärliche aber wahrnehmbare Anziehungskraft verleiht. Die Fuge hat dabei keine höhere Priorität, als die Fliese oder der Fliesenspiegel selbst. Vielmehr sind sie gleichwertig. Selbst der Kitt beeinflusst das Fliesenbild – hält es zusammen und an seinem Platz. Allerdings muss man nicht wissen aus welcher genauen Zusammensetzung dieser Kitt besteht, um wahrzunehmen, dass es sich bei der Alhambra um ein beeindruckendes Bauwerk handelt. Vielleicht wäre ihr Eindruck noch bedeutender, wenn man genau wüsste, welche Einzelteile alle vorhanden und verbaut worden sind. Vielleicht entsteht diese Überwältigung aber auch gerade durch ein gewisses Maß an Unerklärlichkeit – etwas das geheimnisvoll dazwischenliegt. Etwas, dass es für den Menschen zu entdecken und zu erforschen gilt – ähnlich eines Rätsels. Man möchte Dahinter schauen – aufdecken, was im Dunklen, im Verborgenen liegt. Dieses Dazwischen, das Unerklärliche und Unbekannte wird bei jeder Person wiederrum von etwas Anderem verkörpert. Gerade vor dem Hintergrund, dass Wahrnehmungen und Blicke durch Erfahrungen geführt werden und aufgrund des subjektiven Backgrounds beeinflusst und geprägt sind, betrachtet jede Person Gebäude, Landschaften und die Welt an sich auf unterschiedliche Art und Weise.

 

Greift man an dieser Stelle erneut das Einstiegsbeispiel 'desselben' Hauses auf – also ein Haus zweimal durch die Hand desselben Architekten errichtet, geht aber von zwei unterschiedlichen Betrachtern aus, werden beide Personen vermeintlich das gleiche Haus sehen, aber über den unterschiedlichen Genius Loci hinaus, Unterschiedliches wahrnehmen und empfinden. Denn ihr Fokus wird stets ein anderer sein. Selbst eineiige Zwillinge würden auf Nachfrage differente Assoziationen und Beschreibungen nennen, da jeder Mensch in seiner Kindheit, selbst innerhalb der gleichen Familie, unterschiedliche Prägungen erfahren und als solche wahrgenommen und empfunden hat. Die Wahrnehmung bleibt subjektiv und für jede Person aus ihrer ganz eigenen Sicht 'wahr'. Dies bedeutet aber gleichzeitig auch, dass jede Person unterschiedliche Dinge wahrnehmen und fokussieren wird, sobald eine Konstruktion betrachtet wird. Verschiedene Assoziationen werden erzeugt und demnach auch mannigfaltige Details aus einem Gefüge gefiltert. Ein Detail bleibt somit ein Ausschnitt aus einem Ganzen. Aber wo ein Ausschnitt seine Begrenzung erlangt, bleibt schlussendlich individuell. Ebenso, wie die Einteilung eines Details und seinem Verhältnis zum Weiteren. Ein Fenster kann damit zum Detail eines Hauses werden. In gleicher Weise wie eine Glasscheibe für ein Fenster und auch der Quarzsand für das Glas einer Scheibe ein Detail darstellt.

Teil des Ganzen als Form von Demut

Grundsätzlich zeigt sich, dass jedes Detail für sein Ganzes von Bedeutung ist. Wie groß dabei seine jeweilige Wertigkeit angesehen wird, bleibt abhängig vom Blickwinkel und liegt bis zu einem gewissen Grad sprichwörtlich im Auge des Betrachters. Wechselt man nun die Perspektive und verlässt den Standpunkt des außenstehenden Beobachters und identifiziert sich mit dem Detail selbst, könnte man sich seiner eigenen Wertigkeit für das große Ganze bewusstwerden. Ohne die eigene Existenz innerhalb eines Gefüges, würde eben dieses einen Teil seiner Funktion verlieren. Man erfüllt als Teil demnach eine wichtige – eine existenzielle Aufgabe. Gleichzeitig hat, Teil des großen Ganzen zu sein, auch etwas mit Demut zu tun. Man wird sich seiner eigenen Stellung innerhalb des Gefüges bewusst und steht nicht über diesem, sondern ist 'lediglich' ein Teil unter Vielen. Auch man selbst wird beeinflusst und wird etwas verlieren, wenn die Funktion und damit auch der Zauber des Ganzen verloren gehen wird, sobald dessen Einklang auseinanderbricht. Es bedarf also einem Interagieren aller Teile, um den Status quo aufrecht zu erhalten. Dieser Status quo stellt in den meisten Fällen wiederrum kein in sich abgeschlossenes System dar. Leben ist ein fortschreitender Prozess, eine Weiterentwicklung. Es ist schwierig dabei klare Grenzen zu ziehen und einzelne Bereiche als in sich abgeschlossen zu betrachten. Denn ähnlich der Schwierigkeit einen Ausschnitt festzulegen, ist es schwer, einzelne Systeme zu definieren, da stets übergreifende Interaktionen vorherrschen. Das Eine beeinflusst das Andere – im Kleinen wie im Großen. Dies symbolisiert die eigene Abhängigkeit. Das bekannte Sprichwort, dass die Stärke jeder Kette von der Stärke des schwächsten Gliedes abhängig ist, ist damit genauso zutreffend, wie der Ausspruch, dass Verbunden, auch die Schwachen mächtiger werden. Beides sind Ausgangspunkte, die nach wie vor in Team Building-Maßnahmen gerne genutzt werden, um Zusammenhalte zu schärfen und das gegenseitige Auf-einander-Acht-Geben zu fördern. Gerade in Bezug auf die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen erlangen diese Ansätze eine bedeutsame Präsenz. Selbstverständlich kann es – im übertragenen Sinn – nicht darum gehen, dass immer die gleichen Teile, hier also immer die gleichen Personen(-gruppen) Anstrengungen leisten, um das Konstrukt, in diesem Fall die Gesellschaft zusammen und aufrechtzuhalten. Doch vielleicht sollte sich jeder Einzelne vor Augen führen, dass man auch selbst etwas verlieren wird, wenn das Ganze als solches nicht mehr funktionieren und existieren sollte. Das Mehr, das Dazwischen, das bei einem harmonischen Ganzen gewissermaßen on top dazu kommt, bleibt zwar unsichtbar und nicht greifbar, aber als Besonderes stets wahrnehmbar und faszinierend. Etwas sehr Erstrebenswertes, was auch jedem Einzelnen, jedem Detail einen zauberhaften Mehrwert schenkt, sobald alle gemeinsam ein in sich stimmiges, funktionierendes Ganzes bilden. Vielleicht steckt dann weder der Teufel noch der liebe Gott im Detail. Vielleicht hat es Theodor Fontane ganz treffend auf den Punkt gebracht, indem er sagte, dass der Zauber immer im Detail steckt.

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