Vier Städte, die Architektur umdenken

4 min Lesezeit

Manche Städte erklären Architektur, ohne dass man ein Museum besuchen müsste. Man geht durch sie, und die Geschichte der gebauten Umwelt liegt offen: Brüche, Wiederaufbau, Experimente, Selbstverständnis. Für Architekt:innen und Planer:innen lohnt sich der Blick auf Städte, in denen sich historische Substanz und zeitgenössisches Bauen nicht ausschließen, sondern gegenseitig erklären. Vier Beispiele zeigen, wie unterschiedlich dieser Dialog ausfallen kann.

Chicago: die Geburtsstunde der Hochhausstadt

Kaum ein Ort ist so eng mit der Erfindung des modernen Hochhauses verknüpft wie Chicago. Nach dem großen Stadtbrand von 1871 entstand hier, begünstigt durch neue Stahlkonstruktionen und den Aufzug, das, was später als Chicago School bezeichnet wurde: klare Fassadenraster, konstruktive Ehrlichkeit, der Verzicht auf historisierendes Dekor. 

Photo: Aveedibya Dey on Unsplash
Photo: Muzammil Soorma on Unsplash

Louis Sullivan formulierte mit seinem berühmten Grundsatz „form follows function“ ein Prinzip, das die Architektur des 20. Jahrhunderts weit über Chicago hinaus prägen sollte. Jahrzehnte später setzte Ludwig Mies van der Rohe, der als Direktor des Illinois Institute of Technology maßgeblich zur Ausbildung einer beitrug neuen Architekt:innengeneration, mit Bauten wie den Lake Shore Drive Apartments einen eigenen, radikal reduzierten Akzent. 

Photo: Mariah Hewines on Unsplash

Zwischen diesen beiden Positionen liegt eine ganze Entwicklungslinie der Moderne, die sich in Chicago dicht und nachvollziehbar ablesen lässt. Wer die Skyline vom Chicago River aus betrachtet oder die Architekturbootstour entlangfährt, sieht buchstäblich eine Zeitachse des Hochhausbaus, von den frühen Stahlskelettkonstruktionen bis zu späteren Ikonen wie dem Willis Tower.

Rotterdam: eine Stadt als fortlaufendes Experiment

Rotterdam hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konsequent für eine moderne, nach vorn gerichtete Stadtentwicklung entschieden, anstatt vergangene Stadtbilder zu rekonstruieren. Diese Haltung wirkt bis heute nach: Rotterdam gilt als eine der experimentierfreudigsten Architekturstädte Europas. 

Photo: Micheile Henderson on Unsplash
Photo: Mike van den Bos on Unsplash

Hier gründete Rem Koolhaas mit OMA ein Büro, das internationale Architekturdebatten entscheidend mitgeprägt hat, und auch MVRDV, bekannt für Bauten wie den Markthal, hat seinen Sitz in der Stadt. Charakteristisch für Rotterdam ist eine Offenheit gegenüber ungewöhnlichen Typologien: gestapelte Kubushäuser, aufgeständerte Brückenkonstruktionen wie die Erasmusbrücke, Hochhäuser in dichter Nachbarschaft zu Hafenanlagen. 

Photo: Nicole Baster on Unsplash

Für Architekt:innen ist die Stadt deshalb weniger ein Ort einzelner Meisterwerke als ein fortlaufendes Testfeld dafür, wie sich Wohnen, Arbeiten und öffentlicher Raum in einer Stadt ohne lange bauliche Kontinuität neu verhandeln lassen.

Porto: Handwerk und Zurückhaltung

Porto steht für eine andere Tradition: eine Architektur, die aus der Topografie, dem Licht und dem lokalen Material heraus entwickelt wird, statt sich über eine auffällige Form zu behaupten. Die sogenannte Escola do Porto, geprägt von Architekten wie Álvaro Siza und Eduardo Souto de Moura, beide Träger des Pritzker-Preises, zeichnet sich durch eine reduzierte, kontextsensible Formensprache aus.

Photo: Nick Karvounis on Unsplash

Sizas Bauten, etwa die Fakultät für Architektur der Universität Porto oder die Igreja de Santa Maria in Marco de Canavezes, verhandeln Ort, Licht und Funktion mit großer Genauigkeit, ohne sich in Geste zu erschöpfen.

Souto de Moura führt diese Haltung in seinen Projekten fort, etwa im sensiblen Umgang mit Bestand und Landschaft. Für Architekt:innen ist Porto deshalb ein Gegenentwurf zur ikonischen Großgeste: ein Studienobjekt für Präzision im Kleinen, für die Kunst, mit wenigen Mitteln räumliche Qualität zu erzeugen, und für einen Umgang mit Material und Handwerk, der sich nicht laut, sondern über die Zeit hinweg beweist.

Barcelona: Stadtplanung als politisches Projekt

Barcelona verbindet Antoni Gaudís organische, kaum wiederholbare Bauten wie die Sagrada Família oder den Park Güell mit einer der einflussreichsten Stadtentwicklungsstrategien Europas. Vor allem im Zuge der Olympischen Spiele 1992 nutzte die Stadt das internationale Großereignis gezielt, um öffentlichen Raum, Küstenzugang und Infrastruktur grundlegend neu zu ordnen: verschlossene Uferbereiche wurden geöffnet, neue Plätze und Promenaden entstanden, das Verhältnis der Stadt zum Meer wurde neu gedacht. 

Photo: D Jonez on Unsplash
Photo: Lucrezia Carnelos on Unsplash

Dieses als „Modelo Barcelona“ bekannt gewordene Vorgehen zeigt, wie Stadtplanung über einzelne Bauwerke hinaus wirken kann, und wird bis heute in der internationalen Stadtforschung als Referenzbeispiel diskutiert. Für Architekt:innen liegt der Reiz Barcelonas gerade in diesem Nebeneinander: der individuellen, fast unnachahmlichen Formensprache Gaudís auf der einen und einer strategisch gedachten, auf Jahrzehnte angelegten Stadtpolitik auf der anderen Seite.

Photo: Logan Armstrong on Unsplash

Was diese Städte gemeinsam haben

Chicago, Rotterdam, Porto und Barcelona folgen keinem einheitlichen Rezept. Doch alle vier machen sichtbar, dass große Architektur selten aus dem Nichts entsteht: aus einer technischen Erfindung, einer handwerklichen Tradition, einer politischen Entscheidung oder dem konsequenten Willen zur Erneuerung. Für Architekt:innen liegt der Erkenntniswert nicht nur im einzelnen Gebäude, sondern im Verständnis dafür, unter welchen Bedingungen Stadt und Architektur einander formen. Wer diese vier Städte gesehen hat, hat vier sehr unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage kennengelernt: Wie entsteht eine Stadt, die man versteht, ohne sie erklären zu müssen?

Lookbook bestellen