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Viel Raum für Verbindungen

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Das Architekturbüro LAVA (Laboratory for Visionary Architecture) hat Büros auf drei verschiedenen Kontinenten und mit der Gestaltung des Deutschen Pavillons für die Expo 2020 in Dubai gerade ein Weltprojekt der Begegnung abgeschlossen. Wir haben mit Bürogründer Tobias Wallisser über persönlichen Austausch, Virtual Reality und soziale Nachhaltigkeit gesprochen.

Drei Männer im T-Shirt stehen vor einer Mauer im Hintergrund ist das Meer

Wie treffen Teams, Projekte und Länder bei LAVA aufeinander?

Wir begegnen uns trotz der großen Distanzen auf einer sehr persönlichen Ebene. Wir sind unterschiedliche Charaktere, die in ihrer Vielfalt eine große Zahl an Qualitäten ins Team bringen. Daraus ergibt sich ein Geben und Nehmen, auf das wir großen Wert legen. Wir haben Mitarbeiter an vier verschiedenen Standorten (Berlin, Stuttgart, Sydney und Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam), verstehen uns aber als große Familie – mit all den Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt. Wir kennen uns sehr gut, und wir leben davon, dass man persönlich einen guten Umgang miteinander hat. Natürlich wird durch die verschiedenen Standorte viel digital zusammengearbeitet, aber wo es denn möglich ist, trifft man sich. Denn das Vertrauensverhältnis, das wir haben, wird erst durch den Austausch „face to face“ aufgebaut. Bei unseren Projekten haben wir einen klaren digitalen Schwerpunkt. Haptisch erfahrbare Handmuster von Materialien haben natürlich einen großen Wert, aber im Prozess lassen sich digitale Modelle leichter überprüfen, und es kann maßstabsübergreifend mit ihnen gearbeitet werden. Bei internationalen Projekten sind noch weitere Spannungsfelder relevant, denn international treffen häufig unterschiedliche Methoden und Stile aufeinander. Wir arbeiten zum Beispiel in Deutschland situationsbedingt sehr analytisch, während in Australien im ersten Schritt viel über Visionen und Bilder erreicht wird.

 

Bilder und Visionen stehen auch in Ihrer Ausstellung bei Ulrich Müller in Berlin im Vordergrund. Wieso haben Sie die Ausstellung konzipiert?

Wir wollten uns bewusst mit unseren Herangehensweisen auseinandersetzen, wofür man im Alltag wenig Zeit hat. Das Vorbereiten einer Ausstellung ist dafür ideal. Gleichzeitig wollten wir besondere Begegnungen fördern, die im regulären Arbeitsumfeld nicht stattfinden. Unser Büro ist keine Ausstellungsfläche. Die Galerie bringt unterschiedliche Menschen zusammen, mit denen ein produktiver Dialog über die Relevanz von Architektur möglich wird. Das gibt uns wiederum Feedback zu unserer Arbeit.

 

Die Ausstellung heißt LAVA N x T, was für Nature meets Technology steht – warum diese Begegnung?

Architektur bewegt sich zwischen Natur und Technik: Wir benutzen technische Hilfsmittel, um eine Umgebung zu erzeugen, die sich natürlich anfühlt, in der man sich gern aufhält. Diese Arbeitsweise wollten wir in der Ausstellung erlebbar machen. Deswegen nutzen wir zur Präsentation auch Augmented und Virtual Reality. Wir geben Einblicke in fünf bisher unveröffentlichte Projekte von uns, ohne dabei in eine konventionelle architektonische Projektdarstellung abzugleiten. Besucher und Teilnehmer der zugehörigen Veranstaltungen sind aufgefordert, einen aktiven Beitrag zu leisten, denn erst durch Mitmachen und -denken eröffnet sich LAVA N x T.

Aus der Reihe:

BEGEGNUNG [#36] oder: Was könnte Sie treffen?


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LAVA N x T
01.11.–14.12.2019
in der Architektur Galerie Berlin
Karl-Marx-Allee 96 · 10243 Berlin
Öffnungszeiten:
Dienstag–Freitag 14–19 Uhr,
Samstag 12–18 Uhr
Eintritt frei

Digitale Technik wird auch beim Deutschen Pavillon auf der Expo 2020 in Dubai eine große Rolle spielen. Ihr Büro ist für die architektonische Gestaltung verantwortlich. Wie haben Sie das Hauptthema „Connecting Minds, Creating the Future“ umgesetzt?

Die Idee des Verbindens impliziert Begegnungen – sowohl digitale als auch persönliche. Unser Anspruch war es, diese zu ermöglichen und Besuchern zu zeigen: „Ihr seid nicht allein.“ Denn die Zukunft ist davon abhängig, wie Menschen miteinander umgehen.

Wir leben in einer Zeit, in der auch Einzelpersonen eine entscheidende Rolle im Lauf der Welt spielen können – umso wichtiger ist es, die Fragilität anzuerkennen, die dieser Umstand beinhaltet. Architektonisch haben wir den Pavillon als Campus gestaltet, denn in der Wissensgesellschaft ist dies der Ort, wo Erfahrungen und Informationen ausgetauscht werden. So konnten wir Infotainment und Kommunikationsförderung bestmöglich integrieren. Wir haben einen vertikalen Campus konzipiert, bei dem ein großer Innenraum die einzelnen, teils offenen, teils geschlossenen, Informationseinheiten verbindet. So weiß jeder Besucher immer, wo er sich befindet, und fühlt sich als Teil des großen Ganzen.

 

Wie wollen Sie Begegnungen im Innern des Campus fördern?

Wir nutzen physische Qualitäten der Raumbildung, aber auch digitale Technik. Zum Beispiel werden auf den Namensschildern digitale Daten zu Herkunft und Sprache gespeichert, die jeder Besucher bei der Immatrikulation angibt. Es geht dabei nicht um Datensammelwut, sondern um lokale Hilfestellung, denn diese Informationen erlauben eine ganz andere Interaktion zwischen Besucher und Gebäude sowie zwischen Personen im Raum. Besucher können zum Beispiel sofort Informationen in ihrer Muttersprache abrufen, aber dadurch auch leichter in Kontakt mit anderen Menschen treten. Auch Entscheidungsfragen werden in den Besuchsablauf integriert, sodass Besucher am Ende ihre Entscheidung im Kontext anderer Meinungen erleben können. Das fördert ein Verständnis für Gemeinsamkeiten und das Gefühl, mit Ansichten und Ideen nicht allein zu sein.

 

Die Expo als Ort der Begegnung – ist das das größte Potenzial der Weltausstellung?

Es ist auf jeden Fall ein enorm wichtiges. Man kann die Welt nicht erziehen, aber man kann Anregungen geben, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Allein der Deutsche Pavillon kann es schaffen,
in sechs Monaten drei Millionen Menschen zu erreichen. Dazu trägt auch der Austragungsort bei, denn Dubai ist eine Schnittstelle zwischen Europa, Asien und Afrika. An den Flughäfen in Dubai und Abu Dhabi steigen täglich Tausende Menschen um. Sie sind ein Drehkreuz unterschiedlichster Kulturen und aus zahlreichen Ländern gut zu erreichen.   

 

Sechs Monate Lebensdauer ist für ein Gebäude eine unglaublich kurze Zeit.
Wie rechtfertigt man den Aufwand, es zu errichten?

Vom reinen Materialaufwand betrachtet wäre es natürlich am nachhaltigsten, man würde gar keinen Pavillon bauen. Aber man muss die Frage anders stellen: Wie definieren wir Nachhaltigkeit, und können wir dazu einen Beitrag leisten? Denn wenn es nicht nur um materielle Ressourcen, sondern um soziale Nachhaltigkeit geht, dann ist der Pavillon ein produktives Element.
Er schafft für eine möglichst große Zahl von Menschen einen Ort, an dem sie sich mit wichtigen – auch unbequemen – Themen auseinandersetzen und sich darüber austauschen können. Was das genau bewirkt, kann man nicht im Vorfeld determinieren, aber es ist eine große Chance. Deshalb ist es für uns nachhaltig, mit möglichst wenig Verbrauchs- und viel wiederverwertbarem Material möglichst viel Raum für Begegnungen zu schaffen. Damit diese nachhallen, ist ein Raumeindruck, der in Erinnerung bleibt, wichtig. Wir haben uns also bewusst dazu entschieden, nicht möglichst wenig zu bauen, sondern so zu bauen, dass viel Raum entsteht, der die Inhalte und Ansprüche des Campus unterstützt.


Foto: LAVA
www.l-a-v-a.net
www.architekturgalerieberlin.de
www.expo2020germany.de

Expo 2020 in Dubai
20.10.2020–10.04.2021
Deutscher Pavillon: CAMPUS GERMANY
Unterthema: Sustainability
Größe des Grundstücks: rund 4.600 m2
Erwartete Besucher: bis zu 3 Millionen

Im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) verantwortet die Koelnmesse GmbH Organisation und Betrieb des Deutschen Pavillons auf der Weltausstellung 2020 in Dubai. Konzept, Planung und Realisierung des Deutschen Pavillons liegen bei der „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Pavillon EXPO 2020 Dubai“ aus den beiden Unternehmen facts and fiction GmbH und NÜSSLI Adunic AG. Dabei zeichnet facts and fiction für das inhaltliche Konzept sowie die Ausstellungs- und Mediengestaltung verantwortlich, NÜSSLI Adunic für die bauliche Umsetzung. Die Architektur und das räumliche Konzept verantworten die Architekten von LAVA.

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