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Versteckte Schätze im venezianischen Ghetto #veniceclassics

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Das venezianische Ghetto ist das älteste Judenviertel der Welt. Der Ausdruck stammt von dem italienischen Wort "geto", auf Deutsch „Gießerei“, die es in dieser Gegend früher gab. Aufgrund der zunehmenden Bevölkerungsdichte wurden die Häuser immer weiter in die Höhe gebaut und die Höhe der Stockwerke immer mehr reduziert. Heute ist das Ghetto mit seinen fünf Synagogen und dem Jüdischen Museum ein lebendiges und beliebtes Viertel im Stadtteil Cannaregio.

Geschichte

Schon vor der Gründung des Ghetto Nuovo lebten Juden in ganz Italien und Venedig. Venedig befand sich im 14. Jahrhundert in einer wirtschaftlichen Krise – Kriege und Pestepidemien führten zu Misswirtschaft und hohen städtischen Ausgaben. So entstand die Idee, jüdische Pfandleiher anzusiedeln, um Geld und Bewegung in den Markt zu bringen. Als sich die wirtschaftliche Situation in Venedig jedoch stabilisierte, begannen Spannungen zwischen den verschiedenen Kulturen den Alltag zu prägen.

Das Ghetto im XVIII Jahrhundert Gelb=Ghetto Vecchio mit 2 Synagogen, Rot= Ghetto Nuovo mit 6 Synagogen, Orange=Ghetto Nuovissimo

Daher wurde 1515 beschlossen, dass sich Juden in einem bestimmten Viertel, dem Ghetto Nuovo, das sich auf dem Gelände einer stillgelegten Gießerei befand, niederlassen durften. Nachts wurde das Viertel mit Toren verschlossen und patrouilliert. Nur äußerst wichtige Personen, wie z.B. Ärzte, durften es nachts verlassen. 1541 wurde das Gebiet durch das Ghetto Vecchio erweitert. Es dauerte nicht lange, bis auch dieses Viertel zu klein wurde. Im Jahre 1633 kam das Ghetto Nuovissimo hinzu. Dort wurden jedoch Häuser und Paläste für die Oberschicht gebaut. Insgesamt hatte die jüdische Bevölkerung zu dieser Zeit fast alle Rechte wie alle anderen Bürger Venedigs.

Bild © Massimo Adami / Unsplash

Die folgenden Jahre waren von wirtschaftlichen und politischen Spannungen geprägt, die Finanzen litten enorm und damit die jüdische Bevölkerung. Viele von ihnen lebten infolge der Repression in Armut. Als Napoleon Venedig eroberte, wurden die Tore des Ghettos 1797 verbrannt. Doch erst 1848 erhielten die Juden mit der Gleichstellung alle Rechte wie die übrigen Bürger Venedigs. Bereits 1938 wurden den Juden durch die Verkündung der faschistischen Rassengesetze die Bürgerrechte jedoch wieder entzogen und die nationalsozialistischen Verfolgungen begannen. 246 Juden wurden aus Venedig deportiert, von denen nur acht aus den Todeslagern zurückkehrten.

Fassaden im Ghetto
Bild © Andreas H. / Pixabay
Straßenschild
Bild © Andreas H. / Pixabay

Das Ghetto heute

Die Geschichte des Bezirks ist bis heute überall im Ghetto-Viertel spürbar. Das Museo Ebraico ist der ereignisreichen Geschichte und den Traditionen der Gemeinde in den vergangenen Jahrhunderten gewidmet. Fünf prächtige Synagogen aus dem Mittelalter stehen der Öffentlichkeit für Führungen zur Verfügung. Auch der alte Friedhof der San Nicolò di Lido-Kirche kann besichtigt werden. Sie wurde wie viele andere Gebäude in der Gegend in den letzten Jahren restauriert und vor dem Verfall bewahrt.

Das Ghetto-Viertel von Venedig ist immer noch vom jüdischen Leben und der jüdischen Kultur geprägt, auch wenn die Gemeinde mit rund 500 Mitgliedern deutlich kleiner ist als früher. Es gibt eine Bäckerei (Panificio Giovanni Volpe, Calle Ghetto Vecchio, 1143, 30121 Venezia), die die beliebten Matzen herstellt, einen koscheren Metzger und ein koscheres Hotel (Koscheres Haus Giardino dei Melograni, Cannaregio 2874, Venedig).

Im Jüdischen Museum

Das Jüdische Museum

Das Jüdische Museum von Venedig – Museo Ebraico – befindet sich auf dem Platz des Ghetto Nuovo, zwischen den beiden ältesten venezianischen Synagogen. Es ist ein kleines, aber sehr vielfältiges Museum, das 1953 von der Jüdischen Gemeinde von Venedig gegründet wurde. Die ausgestellten Objekte sind wichtige Zeugnisse der Goldschmiedekunst und der Textilherstellung aus der Zeit zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert.

 

Die Synagogen

Die Synagogen sind die „Seele“ des Ghettos. Sie wurden in den obersten Stockwerken der bereits bestehenden Gebäude des Ghetto Novo errichtet und sind außen nur schwer zu erkennen – im Innern sind die kleine Juwelen.

Die Deutsche Synagoge war die erste Synagoge des Ghettos, die 1528 gebaut wurde. Der Architekt bemühte sich, aus dem asymmetrischen Saal mit Hilfe von dekorativen Elementen ein harmonisches Gotteshaus zu schaffen. Im Laufe der Jahre wurde die Synagoge mehrmals restauriert.

 

 

Die Deutsche Synagoge - Scola Grande Tedesca

Die Canton Synagoge (Synagoge der Ashkenasen) befindet sich nur wenige Meter entfernt. Ursprünglich gab es im jüdischen Viertel sechs Synagogen, die diesem Glaubensritus folgten. Die 1531 erbaute Canton Synagoge ist kleiner als die Deutsche Synagoge. Acht Holztafeln, die biblische Episoden aus dem Buch Exodus zeigen, sind einzigartig. Auch diese Synagoge wurde mehrmals restauriert.

Die Italienische Synagoge wurde 1575 im Ghetto Nuovo erbaut. Wie die Deutsche Synagoge ist sie von außen an den fünf Fenstern erkennbar. Sie ist die einfachste unter den venezianischen Synagogen und zugleich die hellste.

Die Canton Synagoge – Scola Canton

Die 1541 gegründete Levantiner Synagoge wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts neu aufgebaut. Auch wenn es keine eindeutigen Belege gibt, geht man davon aus, dass der italienische Architekt Baldassarre Longhena sowie der italienische Bildhauer Andrea Brustolon am Umbau beteiligt waren.

Die Spanische Synagoge wurde um 1580 gegründet und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wiederaufgebaut. Sie ist die größte und eindrucksvollste der venezianischen Synagogen. Über eine breite Doppeltreppe gelangt man in einen Kulturraum, der von einer ovalen Frauenempore überragt wird.

Die Spanische Synagoge
Ghetto-Platz
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