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Team 2038: Nicht utopisch, eher im Nachhinein versöhnend

8 min Lesezeit

Ein Beitrag zum Konzept von Team 2038 für den Deutschen Pavillon anlässlich der Architektur-Biennale in Venedig 2020

Um was wird es gehen?

Der Titel 2038 erzählt die Geschichte einer Vergangenheit, die wir heute noch Zukunft nennen, auch wenn nicht allzu ferne Zukunft. Optimistisch und rückblickend werden die „vergangenen 18 Jahre“ dokumentiert, nach dem Motto: „Trotz oder gar dank der großen Krisen in den 2020er- und 30er-Jahren fand ein Umdenken und -handeln statt, das uns so gerade eben gerettet hat.“ Erreicht wurde das unter der globalen Beteiligung aller Gesellschaftsmitglieder und eben auch der Architekten und Planer, die durch ganzheitliche und interdisziplinäre Ansätze die nötigen Veränderungen bewirken konnten. Eine neue Ära der „Neuen Gelassenheit“ ist angebrochen – aufgezeigt durch Expertinnen und Experten aus Politik, Kunst und Wirtschaft, aus Ökologie, Technologie und Architektur, die eher Antworten geben, als Fragen stellen.

Jeder kennt gerade jetzt die Situation, in der eine wie auch immer geartete Krise einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Doch vielen wird auch der Moment aus früheren Erfahrungen bekannt sein, in dem man, einige Zeit nach einem Tiefpunkt, zurückblickt, zwar in der Erinnerung daran innerlich erschaudert, aber sich eingesteht: „Puh, das war heftig damals, aber zum Glück hat sich alles zum Guten gewendet. Es ist noch einmal gut gegangen. So gerade eben.“  Doch woher nehmen die Kuratoren diesen Optimismus, dass aus den heutigen politischen Tiefgründen, desaströsen Klimaentwicklungen, ungerechten gesellschaftlichen Entwicklungen etwas Gutes hervorgehen kann?

„Wir arbeiten immer ganz gern mit Utopien. Wenn man sich eine positive Zukunft vorstellt, kann man daraus eher Strategien für die Gegenwart ableiten, mit denen man dann zu wünschenswerten Zukünften gelangen kann“, sagte Helene von Schwichow von Team 2038 anlässlich der Präsentation des Konzepts im Februar 2020 in Berlin.

Bedeutungslos ist hier gar nichts: ExRotaprint

Die Präsentation des Konzepts fand an einem ganz bewusst ausgewählten Ort statt: Seit der Gründung 2007 ist ExRotaprint ein Modell für eine Stadtentwicklung, die Profit mit Eigentum ausschließt und einen heterogenen, offenen Ort für alle gesellschaftlichen Gruppen schafft. ExRotaprint setzt auf eine soziale Mischung, die neue Impulse und gegenseitige Akzeptanz in einer prekären Nachbarschaft möglich macht – für und mit den Menschen, die hier leben. Vielleicht ist dieser Ort schon eine erste Antwort, die 2038 uns offenbart. Ursprünglich war die Firma Rotapint ein deutscher Druckmaschinenhersteller. Aufgrund neuer elektronischer Entwicklungen, die den Kleinoffsetdruck verdrängten, konnte der Konkurs der Firma 1989 nicht verhindert werden.

Der Schoß dieses Optimismus ist interdisziplinär und international. 2038 ist ein internationales Team aus den Bereichen Architektur, Kunst, Literatur, Ökologie, Ökonomie, Politik und Technologie. Arno Brandlhuber, Olaf Grawert, Nikolaus Hirsch und Christopher Roth initiierten es eigens zu diesem Anlass. 

Die Heterogenität des aus zur Zeit mehr als 100 Personen und Institutionen bestehenden Teams war bei ExRotaprint spürbar. Unprätentiös, freundlich, aufgeschlossen und mit Spaß an der Diskussion wurde erklärt, widersprochen, ergänzt und zugehört. Ohne Barriere zwischen Team und Zuhörer, ohne Berührungsängste zwischen den unterschiedlichen Disziplinen, ohne Anspruch an Perfektion, ohne Endgültigkeit des Gesagten, aber energiereich, überzeugend und gelassen. 

A woman with long dark blonde hair talks

Hauptmedium Film: bewegte Bilder ohne Ende

Keine Texte, keine Bilder, keine Modelle, keine Installationen werden im Deutschen Pavillon zu finden sein. Direkt gegenüber des Eingangs wird es eine große Film-Projektion geben. Dieser Hauptfilm mit drei verschiedenen Architekten und ihren entsprechend unterschiedlichen Geschichten sollen die Besucher in den Pavillon, in das Thema, in den Bann ziehen. Dass die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne bei solchen Filmen in der Regel kaum 2 Minuten beträgt, irritiert das Team 2038 nicht. Sie versprechen mutig – und optimistisch – Großes.

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Alle im Pavillon gezeigten Filme zahlen auf Antworten ein, die auf die Frage gegeben werden, wie es denn geschafft wurde, dass im Jahre 2038 rückblickend alles noch einmal gut gegangen ist. Und wer bitte soll das nicht wissen wollen? Caroline Nevejan, eine der Protagonistinnen in den Filmen, sagt 2038 im Teaserfilm: „Wir, die Menschen, haben uns verändert. Wir, die Menschen, haben heute die Freiheit zu tun, was wir wollen – und wir übernehmen die Verantwortung dafür, wohin uns dieser gemeinsame Weg führt.“ 

Eine Person die verschwommen ist

30.000 Magazine weltweit: kostenlos statt Katalog

Die offizielle Publikation des Deutschen Pavillons entsteht in Kollaboration mit Arts of the Working Class, einer internationalen, vor zwei Jahren in Berlin gegründeten Straßenzeitung für Kunst und Gesellschaft, Armut und Reichtum. Arts of the Working Class erscheint alle zwei Monate und enthält mehrsprachige Beiträge von Künstlerinnen und Künstlern sowie Denkerinnen und Denkern aus verschiedenen Feldern und Ländern. Mit ihrem Verkauf auf den Straßen trägt sie zur Meinungsvielfalt einer offenen Gesellschaft bei und redefiniert das Territorium der Künste, deren Lebensraum die Architektur ist. Verkäuferinnen und Verkäufer auf den Straßen behalten den vollen Verkaufspreis von 2,50 Euro.

Das Besondere an der eigentlich 12., im Rahmen des Rückblicks allerdings 120sten Ausgabe ist, dass alle Beiträge auf das Jahr 2038 datiert sind. Rückblickend und weiter vorausschauend werden sie aus unterschiedlichen Perspektiven die Geschichten erzählen, warum denn nun alles noch mal gut gegangen ist. Und ja: Diese Zeitung wird auf Zeitungspapier gedruckt und händisch auf den Straßen der ganzen Welt verteilt. Denn das Team ist sich einig: Print stirbt sicher nicht aus.

Gestaltung und Upcycling werden untrennbar und ohne Ausnahme eins

Die Gestaltung und Ausstattung des Deutschen Pavillons entsteht in Kollaboration mit Rebiennale, einer Plattform, die von einem Netzwerk venezianischer Bürger-innen und Bürger, Studierender, Architektinnen und Architekten, Künstlerinnen und Künstler und politischen Aktivistinnen und Aktivisten geschaffen wurde. Mit dem Ziel, Abfallmaterialien für ein gemeinsames Projekt der Stadterneuerung wiederzuverwenden, konzentrierte sich ihre Praxis von Anfang an auf die enorme Menge an Müll, die bei den Biennale-Ausstellungen anfällt. Ihr Anliegen ist, Methoden, Fähigkeiten und Know-how im Bereich des Selber-Bauens und der Wiederverwertung auszutauschen.

Team 2038 hat auf der Basis der zum Ende der Kunstbiennale durch die Organisation „Rebiennale“ eingesammelten Materialien und Einbauten das Ausstellungskonzept entworfen.So werden sich beispielsweise 
Fragmente des koreanischen Pavillons neben von der Stadt geliehenen Bänken finden.

Inhalt für die breite Masse?

Zugegebenermaßen ist einiges an Vorstellungsvermögen gefragt, um weniger skeptisch und eher optimistisch dem deutschen Beitrag entgegenzufiebern. Das Thema ist ernst, der Anspruch an Reflexion hoch, die Inhalte visionär, die Präsentation fiktiv … Wie erfolgt die Vermittlung an diejenigen, die nicht in Venedig sind, sich nicht auseinandersetzen, nicht reflektieren? Olaf Grawert, Team 2038, erklärt: „Nun, wir inspirieren die, die wir erreichen. Es ist unbestritten, dass sich unser Denken und Handeln radikal ändern muss! Die Sache ist komplex und anspruchsvoll und wir können niemanden zwingen, sich damit auseinanderzusetzen. Wir können die Komplexität reduzieren, aber wir können sie nicht verschwinden lassen. Und neu ist das alles ja auch nicht. Der BDA hat letztes Jahr ein neues Leitbild formuliert, das sich ‚Haus der Erde’ nennt und verlangt, unsere Handlungsweise zu hinterfragen. Wenn sich Architekten heute damit nicht freiwillig befassen, müssen sie das nicht. Aber es wird künftig Regularien geben, die ihnen einfach keinen Spielraum mehr des Nicht-Handelns einräumen. An den Unis wird diese Thematik mit in die Lehre einfließen, so dass die nächste Generation mit einem ganz anderen Bewusstsein ins Architektenleben tritt.“

Das Haus der Erde _ Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land _ Prolog

„Der Traum vom ewigen Wachstum ist geplatzt. Reduktion ist keine modische Attitüde, sondern Überlebensnotwendigkeit. Ökologisches Umsteuern braucht Ideen und Kreativität. Was wollen wir hinterlassen? Wir haben nur diese eine Welt. Für ihren Erhalt tun auch wir als Architektinnen und Architekten, als Stadtplanerinnen und Stadtplaner zu wenig. Dabei ist unsere Vorstellungskraft, unsere Phantasie zur Beantwortung der Frage, wie wir zukünftig leben wollen, von großer Bedeutung. Diese Zukunft gestalten wir jetzt. Eine Konzeption von Städten, Infrastrukturen, Wohnhäusern, Fabrikations- und Bürogebäuden entscheidet, ob Menschen ihr Leben besser in Einklang mit der Umwelt bringen können. Architekten und Stadtplaner sind Impulsgeber, und ihre gebauten Werke können Katalysatoren für ein Umdenken sein.“

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