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Raumpioniere – Modefotografie und Architektur

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Der Mode kann man nicht entgehen, der Architektur auch nicht. Mit beiden kleiden wir uns ein. Jeder zieht Mode an und jedermann bezieht Architektur, sei es zum Leben, Wohnen oder zum Arbeiten. Mode, Architektur und Design begleiten uns durch das ganze Leben. Sie sind Ausdruck eines Lebensgefühls, Teil unserer Kultur und Wirtschaftsfaktor zugleich.

 

Raumpioniere – Modefotografie und Architektur

Richard Huelsenbeck, Dada-Poet und Psychoanalytiker bezog diese eng verknüpften Phänomene in seine ästhetische Betrachtung der Weimarer Zeit ein: „Das Knappe, Schnelle, Präzise der modernen Frauenerscheinung findet hinreichende Vergleichsmöglichkeiten in der modernen Architektur.“ Auch hier fielen die Hüllen, Fassaden wurden aufgebrochen und durch große Glasfronten ersetzt, die Licht und Luft in die Wohnungen strömen ließen. Das Neue Bauen in den 1920er-Jahren war funktional, funktionsgerecht, kubisch, dynamisch, die Mode der Zeit nicht anders. 

©Foto: Mercedes-Benz Classic Archive

Eine der ersten Fotografien, die diese Parallelität gezielt als neuen Lebensstil verkörpert, ist eine Werbeaufnahme für Mercedes Benz, aufgenommen 1927 in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung des Deutschen Werkbundes. Als Sinnbild für den Aufbruch der Moderne wird die Neue Frau als „Herrenfahrerin“ vor dem Doppelhaus des avantgardistischen Architekten Le Corbusier inszeniert.

Licht, Material und Form der gebauten Umgebung als neuer Look

Architektur und Urbanität als Raum für freiere und bewegtere Präsentationen von Mode entdeckte die Modefotografie in den 1930er-Jahren. Licht, Material und Form der gebauten Umgebung wurden als Kontrast oder in Einheit mit der Sprache der Mode und der Pose der Models eingesetzt. Mal ist Architektur für Modemacher und Fotografen Hintergrund für eine Anekdote, mal ein ganz sensibel gewählter Ort, um einen neuen Look, eine aktuelle Kollektion, neue Farben und Stoffe gelungen in Szene zu setzen.

©Foto: Anja Schlamann

Surreale Bilderwelten

Mit den Bildern von Regina Relang, Walde Huth und F.C. (Franz Christian) Gundlach begann sich die deutsche Modefotografie in den 1960er- und 1970er-Jahren zu professionalisieren und zu etablieren. Location und Look wurden von ihnen zu unzertrennbaren, oftmals surrealen Bilderwelten kombiniert.

Legendär sind F.C. Gundlachs Bademodeshooting in der Wüste vor den Cheopspyramiden oder eine Serie vor den Bauten Oscar Niemeyers in Brasilia. Regina Relang orderte ihre Models zwar in geografisch weniger entlegene Orte, inszenierte neue Kleidung dennoch wie von einem anderen Stern.

Shootingstars

Das Shooting für die Mantelkollektion von Jobis 1963 arrangierte sie als weibliche Apollomission mit Spaziergang auf dem Mond neben dem von Gerhard Weber und Wolfgang Ende im Jahr 1957 fertiggestellten Atomei in Garching bei München. Nicht ganz ohne Ironie trifft futuristische Architektur, technische Innovation auf ebenso puristisch interpretierte weibliche Form und damenhafte Attitüde. Der elegante, zweireihig geknöpfte Mantel gleicht einem Gehäuse, dessen weiche und natürliche Oberfläche aus Wolle mit der glänzenden, metallenen Hülle der Architektur kontrastreich in Szene gesetzt ist. 

©Foto: Anja Schlamann

Pelzmütze, lederne Handschuhe unterstreichen die Distanz der eleganten femininen Erscheinung zu der von Technik dominierten Umgebung. Der Schwung in die Moderne, den die Architektur ganz offenkundig federleicht wie ein gerade gelandetes Raumschiff in frei fließender Form zelebriert, scheint die Frau mit ihren vorsichtig tastenden Bewegungen nicht zu teilen. Es ist eher eine Flucht nach vorn.

Subtile Selbstinszenierung

Dieses bei Regina Relang subtil herausgearbeitete Beziehungsgeflecht Mensch, Raum, Zeit und Mode charakterisiert auch die Serie von Modeaufnahmen der Kölner Architektin und Fotografin Anja Schlamann. Sie beschreitet dabei einen ganz eigenen, weit von der von der glatten und hyperästhetisierten Werbe- und Modefotografie entfernten Weg. In ihrer über drei Jahre laufenden Serie „Sie“ inszeniert Anja Schlamann Mode in nicht alltäglich sichtbaren, spektakulären Räumen als Grenzüberschreitung zwischen Kunst, Mode- und Architekturfotografie. „Sie“, das ist Anja Schlamann an selbstgesuchten Orten, in selbstinszenierten Situationen und eigenhändig ausgewählten Entwürfen der Kölner Modemacherin Johanna Lutz. Anja Schlamanns Blick ist geschult aus der Perspektive der Gestalterin und der Idee, dass klassische Schönheit aus Proportion und Material entsteht.

Rebellion gegen standardisierte Situationen

Anja Schlamann rebelliert mit ihren künstlerischen Aufnahmen nicht nur gegen die Rolle des standardisierten Modeling und seinen Posingsituationen. In groß dimensionierten, hallenartigen Räumen des Untergrundes, Wasserspeichern, nicht genutzten U-Bahn-Stationen, stillgelegten Hallenbädern, Kirchenräumen, Treppenhäusern oder Bunkern inszeniert sie sich selbst, starr, mit beiden Füßen fest auf dem Boden stehend, ruhend wie die Architektur um sie herum. 

©Foto: Anja Schlamann

Ihre Position im Raum wählt sie selbst, abhängig von den Proportionen, den Maßen des Raumes, dem Licht. Die Kreationen der Designerin Johanna Lutz – Wickelkleider, Blusen, Hosen, Mäntel, Accessoires, bequem, tragbar und urban – werden entsprechend der Atmosphäre des Raumes eingesetzt und unterstützen die klare und selbstbewusste Haltung der Künstlerin und Fotografin.

Gleichberechtigung für gestaltete Form

Gestalteter Form sei es der Architektur, der Mode, Fotografie widerfährt in den Bildraumkonstruktionen von Anja Schlamann Gleichberechtigung. Die Schönheit der Architektur, auch der nicht mehr genutzten, und die ihrer ursprünglichen Funktion entleerten Räume, werden zur Bühne einer Mode, die befreit sein will von der Taille, natürlich, alltagstauglich, in einer Sprache der leisen Töne. Eine Tendenz, die sich übrigens auch wieder in der zeitgenössischen Architektursprache und im Design durchsetzt.

Autorin: Dr. Ute Maasberg (Kunsthistorikerin, Braunschweig)

Erstveröffentlichung unter www.goethe.de

©Foto: Anja Schlaman
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