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Minimale Sprache – maximale Emotion: Mit wenigen Worten zu viel Gefühl

3 min Lesezeit

Mit allen schweigenden Dingen zusammen
Ihr Wörter
Seid einfach da
Niemals
Dürft ihr schwatzen

 

Dieses Gedicht des japanischen Schriftstellers und Dichters Tanikawa Shuntarõ findet man in seinem Gedichtzyklus „Die schweigenden Dinge“ aus dem Jahr 1960. Es lässt einen kurzzeitig innehalten und über seine Aussage nachdenken. Ist es nicht wirklich so, dass man oftmals glaubt, mit vielen Worten ließe sich mehr sagen als mit wenigen?

Dass es jedoch auch anders geht, zeigt Shuntarõ in seinem 2015 erschienenen, liebevoll gestalteten Gedichtband „minimal“ sehr eindrücklich. Kein Wort in seinen Gedichten ist überflüssig, jedes steht an der richtigen Stelle – an Nüchternheit und Minimalismus wohl kaum zu übertreffen -, und trotzdem ist der Inhalt seiner Gedichte komplex und tiefgründig. Auch Ernest Hemingway braucht nur genau sechs Worte, um eine Geschichte zu erzählen: „For sale: baby shoes, never worn.“ Bei aller Tragik – beeindruckend. Sie zählt zu den kürzesten Geschichten der Welt und ist im Zuge einer Wette entstanden, in der es darum ging, eine Geschichte in weniger als zehn Worten zu verfassen. Dies ist ihm auf sehr bemerkenswerte Art und Weise gelungen – der sogenannte „Six Word Flash“ war geboren. Eines der bekanntesten kürzesten literarischen Gattungen ist jedoch der Haiku:
Ein Gedicht, das lediglich aus drei Zeilen und maximal 17 Silben besteht. Trotz des reduzierten Worteinsatzes in all diesen Texten wird der Leser in den Bann der Worte gezogen – die Bilder dazu entstehen allein im Kopf und schaffen das, was viele Worte manchmal nicht schaffen: ein Feuerwerk der Gefühle hervorzurufen.

Doch nicht in jeder Situation lassen sich Inhalte in Form von poetischen und wortkargen Texten vermitteln, denn jeder Text hat eine andere Aufgabe: So werden wir in manch einem Roman mit Hilfe von lautmalerischen Formulierungen, blumigen Beschreibungen und gefühlsgeladener Worte entführt in eine andere Welt.

Ein Zeitungsartikel hingegen informiert uns auf sachliche Art und Weise über aktuelle Geschehnisse, ohne dabei wie eine Geschichte wirken zu wollen. Hinzu kommt, dass auch die Zielgruppen der Texte verschieden sind und man sich immer fragen muss, an wen sich der Text überhaupt richtet: Ärzte sprechen untereinander anders als Juristen oder Architekten. Diese Fachsprachen haben durchaus ihre Daseinsberechtigung. So können sich Leute vom Fach schnell verständigen, wenn es heißt: „Das Punkthaus an der Ecke mit der grauen Elementfassade braucht eine neue Biberschwanzdeckung.“

Aus der Reihe:

minimum [#32] oder: Darf es etwas weniger sein?


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Was ist aber mit den Bauherren, den Menschen, die sich einfach über ein neu entstandenes Objekt informieren wollen? Oder gar denjenigen, die in diesen Häusern wohnen? Gibt es nicht eine Sprache, die auch für diese Menschen verständlich ist, ohne dass sie die Bedeutung verschiedener Fremdwörter kennen?

Um dieses Problem zu lösen, existiert bereits die sogenannte Leichte Sprache, die versucht, diverse Texte für jeden verständlich zu machen. Durch die Vermeidung von Fach- und Fremdwörtern, die Verwendung eines einfachen Satzbaus und kurzer Sätze werden komplexe Inhalte auf das Wesentliche reduziert. Auf vielen Internetseiten kann man bereits zwischen Standardsprache und Leichter Sprache wählen, sodass sich jeder informieren kann, unabhängig von der eigentlichen Zielgruppe.

Sprache ist also vielseitig. Sie kann kompliziert sein oder einfach, emotional oder sachlich. Wichtig ist nur, dass man bewusst mit ihr umgeht und eine gewisse Sensibilität dafür entwickelt, welche Sprache für welche Zielgruppe geeignet ist. Wenn man dies im Hinterkopf behält (und der Anlass es zulässt), wäre es dann nicht auch einmal reizvoll, (aus den Normen auszubrechen und) einen Text zu verfassen, der Emotionen vermittelt und gleichzeitig in seiner Sprache auf ein Minimum reduziert wäre?

Die Elbphilharmonie in Hamburg wurde Anfang des Jahres eröffnet und erfreute sich in der Presse großer Beliebtheit. Viele Zeitungen, Magazine und Zeitschriften berichteten über sie – und das mit der unterschiedlichsten Wortwahl. Doch lässt sich dieses beeindruckende Bauwerk nicht nur mit Hilfe vieler, ausgewählter Worte beschreiben, sondern auch mit einem Haiku – wortkarg, kurz, aber voller Emotionen:

Wellen spiegeln sich,
glasklar wie das Wasser ist,
im Klang der Musik.

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