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Lost and (re)founded: Wenn Architektur Geschichte erzählt

3 min Lesezeit

Historische Gegenstände faszinieren aufgrund ihrer Geschichte und verkörpern etwas Mystisches und darüber hinaus auch etwas Beständiges. Das kennt jeder, der im Schrank das Porzellanservice der Ur-Großmutter aufbewahrt und zu besonderen Anlässen aufträgt. Ähnlich verhält es sich mit der Architektur: Erhält ein Gebäude eine neue Funktion, ist es spannend, wie Alt und Neu miteinander verknüpft und verwoben werden und auf diese Weise in der Zukunft weiterhin überdauern. Doch wie verhält es sich mit verlassenen Gebäuden? Gerade, wenn sie sich selbst und damit ihrem stetigen Verfall überlassen werden?

Verlassene Halle, Lost Places
Ähnlich wie diese alte Industriehalle erzeugt auch die ehemalige Fabrik des Porzellanunternehmens Arzberg Faszination.

Fabriken erzeugen Faszination

Vor allem alte Fabrikhallen haben große Anziehungskräfte auf den Menschen. Sie geben Einblicke in ein Stück Geschichte und vermitteln eine zurückliegende Betriebsamkeit, die in ihrem auferlegten Stillstand Schritt für Schritt von der Natur zurückerobert wird. So auch bei der ehemaligen Fabrik des Porzellanunternehmens Arzberg. Seit mehr als 130 Jahren steht die Marke – inzwischen unter dem Dach der Rosenthal GmbH -  für Qualität Made in Germany und seit nunmehr 90 Jahren ziert Arzbergs bekannteste Linie „Form 1382“ nicht nur deutsche Esstische. Die Kollektion von Dr. Hermann Gretsch zählt zu den nationalen und internationalen Porzellan-Klassikern, und sollte laut seinem Schöpfer den Verbrauchern fortlaufend zeitlos und praktisch Freude bereiten.

Diese Intention spürt man nach wie vor in der alten Produktionsstätte im oberfränkischen Arzberg. Das Werk der Marke war bereits vor etwas mehr als zehn Jahren stillgelegt worden. Alte Maschinen und Werkzeuge, Gießformen und Restbestände an Porzellan sind dabei vor Ort verblieben und wirken an dieser Stelle nun beheimatet und verlassen zugleich. Das grobe Ambiente mit seinen beeindruckenden Maschinen und weitläufigen Hallen wirkt konträr zu dem filigranen und zerbrechlichen Endprodukt, das an diesem Ort gefertigt wurde. Das noch nachklingende geschäftige Treiben und das Ausmaß des hergestellten Produktsortiments steht der detailgetrauen Fertigung gegenüber. Es entsteht ein (Zwischen-)Raum für Interpretationen und Neugierde, die befriedigt werden will.  

Bild © Bastian Frank, Kaffeekanne arzberg 1382, CC BY-SA 3.0

Verlassen bedeutet nicht Vergessen

Zurückgelassene Hallen dieser Art geraten also nicht zwangsläufig in Vergessenheit. Wenn Sie keine neue Funktion erhalten, aber auch nicht abgerissen werden, entwickeln Sie sich vielerorts zu Schauplätzen für Fotoshootings und Ausstellungen. Das Neue und Moderne erstrahlt vor historischem Hintergrund umso deutlicher und das eigentliche Motiv vor ehemaliger Geschäftigkeit umso ausdrucksstärker. Hier entwickelt sich ein spannungsvolles Spiel aus Gegensätzen. Spannung ist dabei auch ein weiteres essentielles Stichwort. Durch den Anschein des „plötzlichen“ Zurücklassen wird an dieser Stelle die Phantasie angeregt: Was hat zum Aufbruch geführt? Wie kann ich mir den zurückliegenden Alltag vorstellen? Was für Menschen mit ihren Schicksalen haben an diesem Ort gearbeitet? Wie unterschied sich der damalige Alltag von den aktuellen Arbeitsstrukturen? Der Mensch versucht dabei – ähnlich einem Rätsel – Parallelen zu ziehen und Unterschiede aufzudecken, sprichwörtlich hinter die Oberfläche zu schauen. Diese Faszination zeigt sich zum einen in der Szene von Eroberern, die sich zunehmend etabliert. Einzig mit der Kamera ausgestattet, verschaffen sich diese Fotografen teilweise auch unerlaubt Zugang zu leerstehenden Gebäuden, um deren aktuellen Zustand sprichwörtlich erneut in den Fokus der Gesellschaft zu rücken. Zum anderen zeigt das Angebot an Führungen sowie temporäre Mietoptionen historischer Architekturen dieser Art ihre Anziehungskraft. Auch wenn Sie nicht durch Luxuriösität und Pompösität punkten können, wie es bei anderen berühmten Gebäuden der Fall ist, beeindrucken sie mit ihrer historischen Alltäglichkeit und ihrem bestaunbaren Zustand, der wiederum ein Eigenleben zu entwickeln und zu verkörpern scheint. Eine Dynamik im Statischen.

Porzellanarbeiter bei der Arbeit, zieht Dekorlinien an einer Tee-Kanne
Porzellanarbeiter bei der Arbeit, Formt eine Teekanne

Historische Bildaufnahmen © Rosenthal GmbH

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