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Impulse zu einem Streifzug durch Venedig

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Hermann Hesse und Venedig – die Seele eines Malers

Hermann Hesse
„Venedig übte auf mich einen stärkeren Zauber aus als irgendeine andere italienische Stadt, und ich glaube, in den kurzen drei Wochen meines dortigen Aufenthalts nach Möglichkeit in seine Geheimnisse eingedrungen zu sein.“
In den Kanälen Venedigs, 1901

So schreibt Hermann Hesse vor mehr als hundert Jahren, als er 1901, während seiner ersten Italienreise, Halt in Venedig machte. Zu jener Zeit, Hesse war damals vierundzwanzig Jahre alt und seine Gedichtsammlung „Romantische Lieder“ war bereits erschienen (1899), unterbrach er seine Tätigkeit als Buchhandlungsgehilfe in Basel, um in Richtung Süden aufzubrechen – auf der Suche nach der Fremdartigkeit, nach einem Exotismus, den Italien mit seinem Klima, seinen Kunststädten und Menschen für einen jungen Deutschen sicherlich repräsentierte. Diese Erkundungen Hesses sind nicht allzu publik, nicht einmal in Italien, vielleicht auch in den Hintergrund getreten aufgrund seiner bekannteren fernöstlichen Inspirationen, die er, zehn Jahre nach seiner Italienreise, in Indien und Indonesien erfuhr (es genügt, an seine weltberühmte Erzählung „Siddhartha“ zu denken, veröffentlicht 1922).

Jedoch war für Hesse die Reise durch Italien, die er 1903 und in späteren Jahren wiederholte, mit Sicherheit von großer Bedeutung, allein in Anbetracht der Aufzeichnungen, Gedichte und Erzählungen, die uns in seinen Tagebüchern und Reisenotizen überliefert sind. Wem das Werk Hermann Hesses vertraut ist, der wird in diesen Reisen Analogien zu den Figuren des Wanderers und des Vagabunden entdecken, die später auf Papier Gestalt annehmen – als Knulp (1915), Klingsor (1920) und Goldmund (1930). Schließlich erschafft Hesse mit seiner Publikation von 1904 einen Mythos: „Die Kunst des Müßiggangs“.

Wenn auch, wie bereits angemerkt, diese frühen Italienerlebnisse des weltweit am meisten gelesenen deutschsprachigen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts wenig bekannt sind, so sind sie doch eine Betrachtung wert. In seinen Texten über Venedig nehmen die cromatischen Aspekte seiner Reiseerfahrungen viel Raum ein. Die Seele des Malers Hesse (tatsächlich überrascht sein malerisches Werk mit einer großen Zahl an Aquarellen, die ab 1919 im Tessin entstanden) offenbart sich in den täglichen schriftlichen Beobachtungen auf seinen Streifzügen zwischen venezianischen Gassen und den Kanälen der Lagune – allerdings in Worten. „Wer die Lagune kennt, wie sie an sonnigen Tagen ist, wird mich verstehen: das vielfarbige Glänzen des ebenen Wassers, die gegen den tiefblauen Himmel traumhaft aufsteigende Stadt mit dem Dogenpalast im Vordergrund, der blendend leuchtende Globus der Dogana und dahinter die elegante Kuppel der Salute, dazu der herbe Duft des Wassers, der Glanz des roten Segels und das stille Kreuzen der größeren Schiffe – das alles ist von so berückender Schönheit, daß man sich träumend glaubt und beständig fürchtet, das so unwirklich scheinende, auf dem Wasser stehende Bild der Wunderstadt möchte plötzlich wie das Irisspiel einer sonnigen Wolke verschwinden.“ (In den Kanälen Venedigs, 1901)

In Venedig verweilt Hesse vom 1. bis zum 16. Mai 1901 und vom 14. bis zum 23. April 1903, beide Male während des Frühjahrs, wenn der Himmel noch rein ist und das helle Licht vom Wasser in Lagune und Kanälen gebrochen und sanft reflektiert wird.

„Venedig wäre nicht Venedig, wenn es im freien Meere läge; an jenem Morgen empfand ich den enormen Unterschied von Meer und Lagune. Die leuchtend frischen, jubelnden Farben des bewegten Meeres würden Venedig seinen eigensten Schmuck rauben: das Verschleierte, Traumhafte, verborgen Schillernde der Farben.“ (Die Lagune, 1901)

Die Beobachtungen des Dichters verlagern sich von den naturalistischen zu den künstlerischen Aspekten einer Stadt, die einerseits Inspirationsquelle für zahlreiche Maler ist, andererseits Ort einer besonderen Kunstform – der Glasbearbeitung. Diese konnte aus der Aufgliederung und Neukomposition des Lichtes und der Transparenz Bedeutsames erschaffen.

Venedig stellt für Hesse auch eine außerordentliche Gelegenheit dar, sich der Kunst des müßigen Umherstreifens zu widmen, sowohl aufgrund der labyrinthischen Ausformung der Stadtstruktur als auch der langsamen Rhythmen der Lagune, die dem Wechsel der Gezeiten ausgesetzt ist. Hesse lernt dies intensiv kennen, indem er eine Woche an Bord eines Fischerbootes aus Murano verbringt.

„Wege zu Fuß zu finden ist in Venedig im Anfang fast unmöglich. Ich schreibe dies in einem Wirtshaus und weiß noch nicht, wie ich an mein Haus kommen werde, in dem ich dann noch extra reichlich Gelegenheit haben werde, mich zu verirren.“ (1. Mai 1901)

„Das träge Gassenbummeln ohne Ziel ist wohl die beste Methode für Venedig […].“ (16. April 1903)

Noch mehr als ein Jahrhundert später ist es interessant, Hesse auf seinen Streifzügen durch Venedig, beim Besichtigen von Kirchen, Palästen und Museen zu folgen. Die Anmerkungen in seinen Notizbüchern können wir noch heute in der Begegnung mit den Kunstwerken vor Ort nachempfinden. Es ließe sich eine Art Route Hesses durch Venedig nachzeichnen, die uns, von seinen Worten geleitet, eine Besichtigungstour eröffnet: sehr bekannte Orte (wie Markusdom, Dogenpalast und Barockkirche Santa Maria della Salute) wie auch abgelegenere Monumente, wahrhafte Schätze der Kunstgeschichte (wie die Kirchen San Sebastiano und Santa Maria dei Miracoli) oder zentrale Orte, die aber weitgehend unberührt von Touristenströmen sind (Chiostro Santo Stefano).

Als Hesse 1903 erneut nach Venedig reist, wird er Zeuge der Auswirkungen des entsetzlichen Einsturzes des Campanile von San Marco im Jahr zuvor. Ihm wird deutlich, dass auf dem gesamten Markusplatz das Fehlen des Glockenturms ein schmerzlicher Verlust ist und es keineswegs, wie von ihm anfangs erwartet, zu einer vorteilhaften Schlichtheit führte.
Der Literat schenkt uns zudem scharfsinnige Kommentare, wie die Monumente und Kunstwerke Venedigs am besten zu bewundern und verstehen sind, als er beispielsweise vom Dogenpalast spricht und bekräftigt: „Den Dogenpalast kann man nur hier, vom Meer aus, verstehen, indem man seine auf den Kopf gestellte Architektur als eine Art Pfahlbau wahrnimmt.“ (8. Mai 1901)
Oder er empfiehlt, eine Besichtigung der Gallerie dell’Accademia erst vorzunehmen, nachdem man durch Venedig geschlendert ist: „Unbewußt habe ich die große Klugheit begangen, erst ein paar Tage venezianische Sonne zu sehen und hiesige Luft zu atmen, ehe ich die venezianische Malerei zu betrachten anfing. Nun verstehe ich Bellini, Giorgione, Palma, Tizian und Veronese, die mir sonst fremder geblieben wären […].“
Das Licht der Lagunenstadt war für Hesse schon das wichtigste Element, als er von Padua aus einen Abstecher nach Venedig machte. Dies berichtet er in seinem Gedicht über die Stadt des Heiligen Antonius:
„Hier möcht ich bleiben – wäre drüben nicht/ Ostwärts die freie Luft so seltsam licht./ Dort weiß ich warten zauberhaft und hell/ Mein Ziel – Venedig! Und ich reise schnell.“
Der Eile bei der Abfahrt nach Venedig stehen in seinen drei Wochen später verfassten Schriften die Ruhe, die Gelassenheit und eine gewisse Melancholie gegenüber, als, indes unaufschiebbar, der Moment des Abschieds von der Lagunenstadt ansteht – das Licht, die Lagune und die Farben bilden die Elemente, die dem Schriftsteller (und werdenden Maler) als Eindruck verbleiben:

„[…] die helle Stadt mit ihren drei grünen Baumgärten lag schweigend in der heißen Sonne, die Lagune, von bunten Segeln bevölkert, schimmerte matt, die Schlammbänke brannten in unbeständigen, kräftigen Farben. Mehr als alle Kunstgenüsse lag diese leuchtende Stunde und jene vormittägliche Lagunenfahrt mir im Sinn, als ich am Ende meiner Reisezeit schweren Herzens von Venedig und Italien Abschied nahm.“ (1901)

Paola Piffaretti, Architektin

Hermann Hesse – Sein Leben

Hermann Hesse wurde 1877 in Calw (Baden-Württemberg) geboren und verbrachte sein Leben in Deutschland und in der Schweiz. 1946 erhielt er den Goethepreis der Stadt Frankfurt und den Nobelpreis für Literatur. Die meiste Zeit lebte er in Montagnola im Tessin, wo er 1962, im Alter von 85 Jahren, starb. Er wurde auf dem Friedhof von St. Abbondio in Gentilino beigesetzt.

Hermann Hesse, das Museum und die Stiftung in Montagnola (CH)

Als sich Hermann Hesse 1919 von der Familie trennte und ins Tessin zog, fand er nach wenigen Wochen Unterkunft in der Casa Camuzzi in Montagnola, in der Nähe von Lugano. Hermann Hesse erlebte im Tessin die Sinnlichkeit des Südens in einer nie gekannten Intensität. Inspiriert von der Umgebung unternahm der Schriftsteller ausgedehnte Wanderungen, auf denen unzählige Aquarelle entstanden. In der zum Komplex der Casa Camuzzi (jetzt Privatbesitz) gehörenden Torre Camuzzi befindet sich seit 1997 das Museum Hermann Hesse, wo neben der Dauerausstellung ein reichhaltiges Programm präsentiert wird. Wechselausstellungen, Vorträge, Konzerte, Filme, Wanderungen und wöchentliche zweisprachige Lesungen lassen diesen Ort zu einem lebendigen Begegnungszentrum für ein internationales Publikum werden.
Seit dem 1. Januar 2000 wird das Museum von der Fondazio-ne Hermann Hesse Montagnola getragen, die auch für die auswärtigen Projekte verantwortlich ist. Anlässlich des 50. Todestages von Hermann Hesse hat das Kunstmuseum Bern, in Zusammenarbeit mit dem Museum Hermann Hesse Montagnola, die Aufarbeitung seines künstlerischen Werkes vorgenommen und zeigt eine repräsentative Werkauswahl aus dem immensen künstlerischen Oeuvre (bis zum 12.8.2012, danach im Museum Hermann Hesse Montagnola und im Museo Cantonale d’Arte vom 31.8. bis 21.10.2012).

Museum Hermann Hesse Montagnola
Tel. 0041 91 993 37 70
www.hessemontagnola.ch

Kleine Fotos: Archiv der Fondazione Hermann Hesse Montagnola
Copyright: Hermann Hesse-Editionsarchiv
Volker Michels, Offenbach am Main

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