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Origami: Falten unterstützt das Gleichgewicht

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Falten unterstützt das Gleichgewicht

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Stillstand, Architektur und Origami – wie passt das zusammen? Sehr gut, finden wir. Im Moment verweilen, die Zeit gar vergessen, sich in nahezu meditativer Ruhe dem Falten eines sorgfältig ausgewählten Papiers widmen, die Form wachsen sehen, langsame, bedachte  Bewegungen der Finger, die über die geknickten Ränder des Blattes streichen … Die papiernen Skulpturen können teils simpel in ihrer Form, teils atemberaubend in ihrer Komplexität sein.

Für Paulo Mulatinho ist Origami, das Falten von papiernen Skulpturen, Lebenselixier. Der gebürtige Brasilianer lebt seit über 20 Jahren in Freising und netzwerkt seitdem weltweit für die Etablierung der Origami-Kultur. Er will sie rausholen aus der Bastelecke, weil sie für ihn so viel mehr ist als das.

„Man muss im Gleichgewicht sein, um zu falten. Anders geht es nicht. Und Falten unterstützt dieses Gleichgewicht unglaublich.“
Paulo Mulatinho

Die Auseinandersetzung mit den Formen ist für „den Falter“ Mulatinho Inspiration, Ausgleich, Herausforderung und Kommunikation zugleich. Die folgenden Zitate des Künstlers, die einem Online-Interview der Journalistin Julia Rehder (www.portraets-im-netz.de) entnommen wurden, bringen uns „Nicht-Faltern“ diese Kunst, diese Beschäftigung, ihren Wert und ihren Sinn näher.

„Jedes Leben ist eine Explosion. Wir tragen das, wohin wir uns entfalten werden, in unserem Inneren: die gefaltete Tänzerin, die gefaltete Schriftstellerin, der gefaltete Fußballspieler …
Ich falte also, um mich zu entfalten. Das Leben ist immer Entfaltung. Es geht gar nicht anders. Manchmal dauert es länger, manchmal geht es schnell. Aber am Ende werden wir uns entfalten.“

„Origami ist Leben. Als Ausdrucksform, manchmal sogar als Abbild des Lebens in Miniatur. Denn Origami ist vom Menschen gemacht. Von seinen Händen geformt. Die Hände liegen so nah beim Gehirn, dass nach meiner Vorstellung meine Gedanken, die während ich falte entstehen, Ausdruck im Ergebnis finden. Während ich falte, senden meine Hände Informationen zum Gehirn. Ich drücke mich aus. Ganz wörtlich: Ich greife, ich zerstöre, ich biege und knicke, und dabei konstruiere ich. Manchmal ist mein Denken sogar komplett ausgeschaltet. Deshalb ist Handarbeit etwas so Großartiges für die Menschen. Sie funktioniert direkt und schafft immer etwas Neues.

„Zu sehen, was die anderen Menschen falten, wofür sie sich entscheiden (fasziniert mich ungemein). Jeder faltet etwas anderes. Manche mögen dekorative Dinge, andere falten lieber sehr komplexe Dinge. Damit sagen sie: Ich falte was, was du nicht kannst. Also: Ich bin größer als du. Man erkennt dann ganz schnell: Wer redet hier mit mir, wer ist mein Gegenüber. So wie beim Spielen. Im Spiel entfaltet man eine ganz andere Zuneigung, weil man die Person besser erkennt. Plötzlich sieht man: Oh, der ist ja sehr ehrgeizig, das habe ich noch gar nicht gewusst. Oder sieht, wie gemütlich der Mensch ist, wie großzügig und so weiter. Bevor man nicht miteinander gespielt hat, hat man die Person nicht ganz erfasst.“

Falten unterstützt das Gleichgewicht

„(Wenn man sich zum Origami-Falten trifft,) entwickelt sich eine Dynamik, die sehr, sehr angenehm ist. Es herrscht eine große Stille, und die Einsamkeit, die wir Menschen so fürchten, ist für den Moment verschwunden. Denn es gibt ein gemeinsames Ziel. Jeder ist für sich und trotzdem sind wir gemeinsam – das ist ein sehr erstrebenswerter Zustand.“ „Der Mensch ist das Bindeglied zwischen Origami und dem Leben. Die Japaner haben dem Papier einen göttlichen Namen gegeben: Kami bedeutet als allererstes ‚Seele’ und dann erst ‚Papier’. Oru heißt ‚falten’. Zusammengezogen wird aus Oru und Kami dann Origami. Indem der Mensch faltet, gibt er seine Persönlichkeit mit hinein. Seinen Ausdruck. Der ist mal stärker und mal schwächer. Aber immer ist eine gefaltete Sache geladen mit Energie. Sie ist Ausdruck des Lebens.“

Die Ebenen, auf denen Mulatinhos Beobachtungen beruhen, sind  vielfältig und nachvollziehbar zugleich. Nach dem Motto „Zeige mir, was du faltest, und ich sage dir, wer du bist …“ schaut er in die Seelen der Menschen. Wer mit ihm gesprochen hat, schätzt seine Ruhe, seine Freundlichkeit, den warmen Klang seiner Stimme – und würde wahrscheinlich gern einmal mit ihm zusammen falten.

SPIRAL ist eine Herzensangelegenheit von Paulo Mulatinho. Ungefähr zwei Jahre trug er mit Tomoko Fuse, der Origami-Expertin schlechthin, und der Mitherausgeberin Silke Schröder die Inhalte zusammen, konzipierte das Layout und verlegte 2012 im eigenen Viereck-Verlag dieses umfassende Werk.

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