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Die unendliche Geschichte der Zeit

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Die unendliche Geschichte der Zeit

Auch die Zeit hat ihre Geschichte.

Mit Hilfe von Sonne, Mond, Sternen und Technik versuchen Menschen seit Jahrtausenden, das Wesen der Zeit zu messen, zu ordnen und zu zähmen. Über viele Versuche müssen wir heute schmunzeln. Und es zeigt sich: Auch unser Denken über die Zeit wird bestimmt von der Zeit, in der wir leben.

Die Astrologie ist die Grundlage für die Erfassung der Zeit. Ungefähr 3.000 Jahre vor Christi Geburt wurde unabhängig voneinander der Himmel über Babylonien, Ägypten, Indien und China systematisch beobachtet. Cheops, ägyptischer König der 4. Dynastie, ließ sein Grabmal an den Himmelsrichtungen orientiert bauen. Bei Ausgrabungen in Troja wurde in der ältesten Schicht, datiert auf 2850 v. Chr., ein in den Urnendeckel eingemeißelter Sonne-Mond-Kalender entdeckt. Im 8. Jhd. v. Chr. hatten die Astromomen eine hohe Sicherheit in der Bestimmung der Bewegung der Himmelskörper erreicht. Das Wissen war derart präzise, dass Thales von Milet 585 v. Chr. angeblich eine Sonnenfinsternis im Abendland vorhersagen konnte.

Der Himmel war mysteriös und aufschlussreich zugleich, Zeit war etwas Göttliches. Von daher war es vielfach Priestern vorbehalten, dem Lauf der Zeit „Steine in den Weg zu legen“, so zum Beispiel den großen Stein bei Newgrange, Irland, bei welchem am kürzesten Tag ein Lichtstrahl der Sonne durch einen 25 Meter langen Tunnel auf eine Grabkammer fiel. Oder den majestätischen Steinring in Stonehenge, England, der heute als das steinzeitliche Vorbild eines modernen astronomischen Observatoriums mit Zeitdienst gilt.

Eine besondere Rolle am göttlichen Himmel spielte von jeher die Sonne. Der Sonnenschatten in Form von Körper- oder Gebäude-, später dann von Obelisken- oder Stabschatten wurde beobachtet und systematisiert. Eine der ersten Maßeinheiten war der „Fuß“ oder „Schuh“ – sie hielt sich bis ins hohe Mittelalter. In Aristophanes Komödie „Die Frauenvolksversammlung“, die in das 4. Jhd. v. Chr. datiert wird, wirft eine Bäuerin ihrem Mann vor, nichts zu tun, außer seinen Schatten zu beobachten und, sobald dieser 10 Fuß beträgt, zum Essen zu gehen.

Die Ägypter waren hier „der Zeit voraus“, da sie Tag und Nacht als Teile des gleichen Phänomens begriffen. Sie entdeckten auch den Meridian, da sie bemerkten, dass der Schatten eines Obelisken, wenn er am kürzesten ist, unabhängig von der Jahreszeit immer in die gleiche Richtung fällt. Die heute trivial erscheinende Gliederung der Zeit in Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges „erfand“ der Grieche Parmenides von Elea. Er war es auch, der befand, dass ein Augenblick sich nicht ausdehnen könne, was Zenon von Elea zu seinem berühmten Paradoxon vom fliegenden Pfeil veranlasste. Zenon kam zu dem Schluss, dass das Sein zeitlos sein müsse, da jede Bewegung Zeit braucht, der bewegte Gegenstand jedoch in der Vergangenheit nicht mehr und in Zukunft noch nicht existiert. Heute schmunzeln wir über diesen Gedanken, doch die derart erschlossene Zeitlosigkeit des Seins in der griechischen Antike hat beispielsweise dazu geführt, dass sie keine dem christlichen Abendland vergleichbare Schöpfungsgeschichte kennt.

Aristoteles schließlich knackte die Nuss und entdeckte die Zeit als wissenschaftliches Objekt, welches er in Form eines teilbaren Kontinuums als Zahlenmaß der Bewegung beschrieb. Darüber hinaus mutmaßte er als einer der ersten, dass die Erde nicht flach wäre, weshalb ihn viele Gelehrte seiner Zeit nicht ernst nahmen.

Die unendliche Geschichte der Zeit

Sonnenuhr ging 100 Jahre lang falsch

Sonnenuhren verbreiteten sich ausgehend von Ägypten über Griechenland in das römische Reich. Die Römer glänzten im Bezug auf die Zeitmessung weniger durch Innovationen, als vielmehr durch Eroberung und schriftliche Fixierung. Dies ist insofern überraschend, als ihre präzise Sprache und Rechtssprechung den Schluss nahelegt, dass exakte Zeitmessung und -einteilung vor allem auch aufgrund der Größe des Reiches unabdingbar gewesen wären. Aus Britannien drangen Beschwerden römischer Legionäre aufgrund der deutlich längeren Schichten als im Süden des Reiches. Dennoch bemerkte Julius Cäsar erst 55 v. Chr. bei einem persönlichen Aufenthalt in Britannien, dass britische Sommernächte kürzer sind als italienische. Die vermutlich älteste römische Sonnenuhr, die im 3. Jhd. v. Chr. vor dem Tempel des Quirinus aufgebaut wurde, war laut Überlieferungen ein Beutestück aus dem 1. Punischen Krieg und ging aufgrund des Standortwechsels 100 Jahre falsch, bis dies bemerkt wurde.

In Rom wurde die erste Sonnenuhr 262 v. Chr. aufgestellt. Knapp 250 Jahre später beschrieb der römische Baumeister und Chronist Vitruv in seinem Standardwerk „De Architectura“ bereits 13 verschiedene Arten von Sonnenuhren. Und neun Jahre vor Christi Geburt war die Prestigeträchtigkeit der Sonnenuhr derart gewachsen, dass Kaiser Augustus einen Zeitmesser in Auftrag gab, dessen Stab in Form eines Obelisken 30 Meter hoch war und dessen Skala fast 200 Meter Durchmesser hatte.

Die Nase vorn hatten die Ägypter auch bei der Etablierung des Elementes Wasser als Gegenstand der Zeitmessung. Erst im letzten Jahrhundert entdeckten Archäologen im Ammontempel in Karnak Bruchstücke einer Wasseruhr (genannt Klepsydra = Wasserträgerin), die auf das 14. Jhd. v. Chr. datiert wird. Die Wasseruhren hatten ihren präziseren Konkurrentinnen gegenüber den Vorteil, unabhängig von Wetter und Tageslicht zu sein.

Ungefähr 900 Jahre später erst gelang es den Griechen in Athen, die Sonnen- und die Wasseruhr in Form des „Turm es der Winde“ zu vereinen. Die Wasseruhr boomte in der Blütezeit der Stadt Alexandria. Die ehrwürdige Stadt mit ihren Bibliotheken, Gärten und Lesesälen zog vor allem Gelehrte aus dem Mittelmeerraum magisch an. Unter ihren Besuchern befanden sich Euklid, welcher die Theoreme der Geometrie begründete, und Archimedes, der die Gesetze des Hebels und des Flaschenzuges, des Zahnrades und der endlosen Schraube definierte. Ein Barbier mit Namen Ktesibios wendete hier als erster die Gesetze der Hydraulik und Mechanik auf Uhren an und baute im 2. Jhd. v. Chr. eine Wasseruhr mit Ziffernblatt und Zeiger.

Die Verwaltung der Zeit im Mittelalter

Das mittelalterliche Europa wurde auch im Blick auf das „Phänomen Zeit“ vorwiegend von religiösen Einrichtungen geprägt. Das metaphysische Fundament für die christliche Verwaltung der Zeit lieferte der heilige Augustinus im 4. Jhd.. Für Augustinus beginnt die Geschichte der Zeit mit der Schöpfungsgeschichte – und da es vor der Schöpfung nichts gab, was sich hätte bewegen können, gab es vor der Schöpfung auch keine Zeit. Aus diesem Grund begriff er die Zeit als eindimensionales Kontinuum, das einen festen Anfang – die Schöpfungsgeschichte – und ein bestimmtes Ziel hat: den Jüngsten Tag am Ende der Welt. Hieraus ließ sich hervorragend eine quantitative Messung der Zeit ableiten: man verglich die Dauer einer Bewegung mit der Dauer einer anderen. Die Zeitmessung
war relativ und nicht absolut.

Die religiöse Prägung der Zeit im frühen Mittelalter ging vor allem von Klöstern aus, da diese mit ihrer starken Disziplin und Regelhaftigkeit eine gut durchdachte „zeitliche Haushaltspolitik“ benötigten. Die Klöster hatten ihr eigenes Zeitsystem, die sogenannten Kolonialstunden, welche die Zeiten für das Chorgebet regelten. Innerhalb der Orden unterschieden sich die Kolonialstunden, sowohl zeitlich als auch räumlich. Die Kolonialstunden basierten auf den Temporalstunden, die, wie bereits der heilige Augustinus in seinen Schriften erwähnte, den Nachteil hatten, dass die Winterstunden im Vergleich mit den Sommerstunden kürzer waren. Aus diesem Grund waren bereits sehr früh Ansätze erkennbar, das Prinzip der Temporalstunden zu durchbrechen und mit Hilfe von Wasseruhren zurechtzurücken. Hierin taten sich vor allem die Benediktiner hervor, die als Verehrer absoluter Pünktlichkeit galten. Ihr Mönch Hildemar erklärt den Zusammenhang von Zeit und Lebenswelt so: „Kein Gebet ist vernünftig, wenn es nicht zeitlich genau geregelt wird durch eine Klepsydra, die bei Nacht oder an einem trüben Tag die Stunden anzeigt“.

Indes waren die Menschen im Abendland in der Gliederung des Tages in gleichmäßige Einheiten nicht untätig. Angeblich war es König Alfred von England, der im 9. Jhd. in Europa die Kerzenuhr erfand. Sein Chronist überlieferte, dass er exakt 8 Stunden für seine öffentlichen Pflichten, 8 Stunden für Studieren, Essen und Schlafen sowie 8 Stunden für das Gebet aufbrachte. Um seinen strukturierten Tages– ablauf durchhalten zu können, benötigte er täglich 6 Kerzen je 4 Stunden Brenndauer, welche er in einer Laterne aufbewahrte, um die Gleichmäßigkeit des Abrennens zu optimieren.

Die Technik-Revolution: Leben in der Stadt braucht Uhren

Nach der Jahrtausendwende bewegte sich das Abendland auf zwei Veränderungen zu, die das „Phänomen Zeit“ gravierend beeinflussten: das Leben in der Stadt und die Erfindung der mechanischen Uhr. Weder das eine noch das andere reicht aus, den fundamentalen Wandel der Zeitordnung zu verstehen. Es gibt wohl keinen technikgeschichtlichen Sachverhalt vor der industriellen Revolution, der weiter und besser erforscht wurde als die Entwicklung bzw. Erfindung der mechanischen Uhr. Dennoch können wir das Ereignis nur vage datieren, irgendwo zwischen dem 9. und 14., vermutlich um die Wende zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert. Wir vermuten, dass erste Uhren mit Gewichtsantrieb bereits um 960 auftauchten. Ab diesem Zeitpunkt sollte es jedoch noch ungefähr 300 Jahre dauern, bis die Konstrukteure astronomischer Instrumente begannen, ihre Probleme mit der Hemmung zu outen. Die Hemmung verhindert eine ungesteuerte, spontane Entleerung des Energiespeichers (Federzug, Gewichtsaufzug) und schaltet das Gehwerk im Rhythmus der Schwingungen. Erst als eine Lösung für die Hemmung gefunden war, begannen sich die Konstrukteure astronomischer Instrumente, Uhrmacher zu nennen.

Die Ära der Wasseruhr ging langsam aber beständig ihrem Ende zu. Schleichend aber unübersehbar begann die Mechanik an der Vorherrschaft der Elemente und des Kosmos zu nagen. 1292 wird in Sens eine monumentale Räderuhr erwähnt, 1300 sind in Beauvais urkundlich Zahlungen für diese nachzuweisen. Im 14. Jahrhundert tauchen in Italien öffentliche Uhren auf, 1337-39 baut Roger v. Stoke die berühmte astronomische Uhr für die Kathedrale von Norwich. 1344 berichten Chronisten über den Bau der Uhr für denn Paduaer Stadtherrenpalast, welche für die 24 Stunden mit automatischem Schlag bekannt ist.

Auf ein weiteres Glas – mit Eierschalen

Während die mechanische Uhr sich anschickte, ihren Siegeszug anzutreten, tauchte die Sand- oder Stundenuhr als zunächst ernstzunehmende Konkurrentin auf. Die erste Darstellung dieses Zeitmessers tauchte auf einem Fresko aus dem Jahre 1337 in Siena auf. Sanduhren gingen grundsätzlich genauer als Wasseruhren, denn die Menschen entdeckten, dass die Dynamik dieser Uhr nicht von der Höhe des Sandes abhängt, wenn die konische Form der Gläser den richtigen Winkel hat. Sie verwandten darüber hinaus keinen Sand, sondern feingemahlene Eierschalen, da diese einen gleichmäßigeren Fluß garantierten. Aus diesem Grund heißen die Stundengläser im Volksmund auch heute noch Eieruhren. Sanduhren waren preiswerte, geräuschlose, zuverlässige und billige Alternativen zur Wasseruhr und fanden Einsatzbereiche auf Schiffen und in zahlreichen Türmerstuben, wo sie die Gangkontrolle übernahmen und die Wächter animierten, in regelmäßigen Abständen die Glocke zu schlagen. Vor allem aber wurden sie in den Stuben und auf den Kanzeln kirchlicher Einrichtungen gesichtet: Der Ausruf „Brüder, auf ein weiteres Glas“ ist nicht auf die Trinkgewohnheiten der Mönche zurückzuführen, sondern auf das Drehen der Uhr, welches eine neue Predigtsequenz „einläutete“. Geistliche, Literaten und Geschäftsleute empfahlen die Sanduhr als Mittel zur Befristung und Selbstkontrolle, denn es gärte bereits der Verdacht, „dass untätige Hände Schaden anrichten“.

Den metaphysichen und technologischen Rahmen für das Zeitverständnis jedoch lieferte die mechanische Uhr. Sie verbreitete sich derart epedemisch über ganz Europa, dass wir geradezu einen Beschaffungsboom annehmen müssen. Bereits in den 80-er Jahren des 14. Jahrhundert verfügten alle größeren europäischen Städte über mechanische Uhren. Die Uhr war nicht nur Symbol für Innovationsbereitschaft und Tatkraft, sondern auch für Reichtum und Prestige. Das erklärt den Boom. Viele Städte beschafften sich eine Uhr, da andere eine hatten. Das erste Dokument bei diesem ehrgeizigen Wettlauf tauchte 1368 in Piemont auf, 1391 verpflichtet die Stadt Lucca einen Uhrmacher, die Uhr für den Pallazo Pubblico genauso oder besser zu machen als jene in Pisa.

Die öffentliche Uhr avancierte zum städtischen Attribut, Zeitregelungen schlagen sich in vielen Bereichen des sozialen Lebens nieder, so zum Beispiel im Handwerk, im Handel, auf Märkten, in Schulen. Sitzungszeit und Gremienzeit werden selbstverständlich, Arbeitsordnungen setzen die neue Stundenordnung als selbstverständlich voraus. 1410 gar wird der Turmwächter in Montpellier wegen wiederholter Trunkenheit seines Amtes enthoben und durch eine Uhr mit Schlagwerk ersetzt – der erste Bericht, in dem ein Mensch von einem Automat wegrationalisiert wird. Dennoch gibt es auch Instanzen, die sich der Übernahme der neuen Zeit heftig wiedersetzen – vor allem die Kirche. Sie halten nach wie vor an der göttlichen Ordnung und den temporalen Stunden fest.

Kanonengießer + Schlosser = Uhrmacher

Das Uhrmacherhandwerk entsteht aus der Grobschmiede, genauer aus den etablierten Berufen des Kanonengießers und des Schlossers. Handwerker, die Uhren herstellen konnten, waren im Mittelalter Reisende, die von Stadt zu Stadt zogen und Aufträge übernahmen. Mitte des 16. Jhd. gelingt das Bläuen bzw. die künstliche Oxidation von Stahlteilen, die Bronze findet im Bereich des Dekos wachsende Beliebtheit und das Messing wird zunehmend für Teile der Uhrwerke und Gehäuse eingesetzt. Die Uhr wird ein begehrtes Schmuckstück. Die „Nürnberger Eier“, berühmte deutsche Taschenuhren, kommen in Mode und haben ihren seltsamen Namen nicht aufgrund ihrer Form, sondern aufgrund des Übersetzungsfehlers eines Philologen, der die Rabelais’schen „Ueurlein“ mit „Eierlein“ verwechselt.

Im 17. Jhd. erfindet Galileo Galilei die Stiftnockenradhemmung, welche den Gang der Turmuhr des Palazzo Vecchio in Florenz beeinflusst. Es ist die genaueste Hemmung, die bis ins 18. Jhd. gebaut wird. Sie gerät aus Gründen, die heute nicht nachvollziehbar sind, in Vergessenheit und wird 1741 in Frankreich neu erfunden. Weiterhin bastelt Galilei am Turm zu Pisa an den Fall- und Pendelgesetzen und hat im Hintergrund das Problem der Längenmessung auf See, für dessen Lösung der spanische König 1598 eine Belohnung in Höhe von 1.000 Kronen ausgelobt hatte. Im Verlauf seiner Studien, die er auch nach seiner Erblindung fortführt, gelingt es ihm eine Pendeluhr zu konstruieren. Er überlässt den Bau dieser Uhr seinem Sohn Vincenzo, der sie jedoch erst nach dem Tod des Vaters fertigstellt und einige Jahre später in einem wahnhaften Anfall zerstört.

„Die himmlische Maschine ist wie eine Uhr“

Aus diesem Grund gebührt die Ehre, die Pendeluhr erfunden zu haben, dem großen niederländischen Astronomen Christian Huygens, der Galileis Theorien weiterentwickelt, die Pendeluhr baut und 1657 als Patent anmeldet. Galileis Schüler Viviani provoziert daraufhin einen Urheberstreit, den er mit Pauken und Trompeten verliert. Indes gilt er heute als rehabilitiert, denn 80 Jahre später bemerkt ein Professor, dass die Fleischwaren seines Metzgers in Galileis Manuskripte eingewickelt sind: Sie belegen eindeutig, dass Galilei tatsächlich eine Pendeluhr konstruiert hatte.

Im Mittelalter war die Uhr noch ein Werkzeug, welches Zeit misst, in der Neuzeit ist sie nun eine Maschine, die Zeit produziert. Der Mensch der Neuzeit sieht sich erstmals in der Lage, sich unabhängig von Gott und anderen übersinnlichen Instanzen die Zeit zu eigen zu machen. Diderot bringt es auf den Punkt: „Die Welt ist kein Gott mehr. Sie ist eine Maschine mit ihren Rädern, Seilen, Rollen, Federn und Gewichten.“ Das sind schöne und kluge Worte, die Wirklichkeit sieht nicht so harmonisch aus. Die Neuzeit ist nicht nur durch die Produktion einer eigenen Zeit geprägt, sondern wie immer, wenn es um Eigentum geht, durch Kämpfe. Die gregorianische Kalenderreform, von Papst Gregor XIII. 1582 angezettelt, da der julianische Kalender bis dato eine Verspätung von zehn Tagen eingefahren hatte, führt zu heftigen Protesten, angefangen von „Bürgerinitiativen“, über Expertenkritiken bis hin zur totalen Verweigerung in protestantischen Ländern – gegenüber England gar musste sich der Vatikan bis 1752 zehn Tage Verspätung gefallen lassen.

Die Entdeckung der Zeitverschwendung

Die Menschen gewöhnten sich daran, um Zeit zu streiten: um ihre Definition, um ihre Verbreitung und um das Recht, sie zu besitzen. Das protestantische Milieu trug seinen Teil dazu bei. Die protestantische Ethik entdeckte den Zusammenhang zwischen Sünde und Zeitverschwendung. Es galt, keine Minute zu verlieren und den normierten 1440-minütigen Regeltag einzufordern. Der Blick auf die Uhr wurde zum Symbol der Selbstkontrolle. Benjamin Franklin brachte den Geist des Kapitalismus 1748 auf eine einprägsame Formel: „Zeit ist Geld.“ Die Zeit beginnt, an Gott zu nagen.

Im 18. Jhd. kommt die Digitalanzeige in Mode in Form von auf einer drehenden Scheibe angebrachten Ziffern, die durch einen Ausschnitt zu sehen sind. Der „Hundertjährige Kalender“ von Hellwig aus dem Jahre 1701 erlaubt erstmals eine langfristige astrologische Wettervorhersage. Uhren werden präziser und kleiner, Taschenuhren erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Trotz aller Genauigkeit war das Problem des Zeitnormals noch nicht gelöst. Ein Zeitnormal ist eine extrem genau gehende Uhr, deren Zeit zum Einstellen anderer Uhren verwendet wird. John Harrison stellte 1762 seinen Schiffschronometer H4 vor, welcher in Fachkreisen als einer der bemerkenswertesten Zeitmesser der Menschheit gilt.

Auf der Probefahrt nach Jamaika wettete Harrisons Sohn Williams am neunten Tag mit dem Kapitän, dass man am nächsten Morgen Madeira erreichen würde. Harrison behielt recht; in Jamaika angekommen ging der Zeitmesser gerade mal fünf Sekunden nach, was zur damaligen Zeit dermaßen sensationell war, dass man Harrison gar des Schwindels verdächtige. Doch auch die zweite Probefahrt nach Barbados, die von vier Mathematikern kontrolliert wurde, bestätigte die Präzision von H4.

In Paris wächst der berühmteste französische Uhrmacher heran, der legendenumwobene Abraham Louis Brequet. Seine Kundenliste liest sich wie ein Geschichtsbuch: Marie Antoinette, Napoleon, Josephine, der russische Zar, Ludwig XVI, und die Romanfiguren von Jules Verne, Dumas, Stendhal, Balsac und Puschkin besaßen Uhren von Brequet. Eine Schätzung besagt, dass zwischen 1790 und 1820 auf jede echte Brequetuhr, die aus Paris exportiert wird, 500 Fälschungen kommen.

Bereits Brequets erste Erfindung, die Taschenuhr mit Selbstaufzug, macht ihn berühmt, begehrt und teuer. Er legt nach und entwickelt die Repetierung auf Tonfedern, den Tourbillon und Uhren für Blinde. Er erfindet die nach ihm benannte Brequet-Spirale, eine Unruhspirale, welche ihren Schwerpunkt nie verlagert. Und schließlich entwickelt er den freien Ankergang soweit, dass er sich nur geringfügig von jenen, die heute millionenfach am Arm getragen werden, unterscheidet.

Die erste maschinelle Produktion von Uhren gelingt vermutlich in East Hartford, Connecticut, wo die Gebrüder Pitken eine Serie von 50 Uhren bauen. Die britische Produktionskapazität lag Mitte des 19. Jhd. bei 150.000 Taschenuhren, 33.000 in Gold, der Rest in Silber. Ungefähr 10.700 Arbeiterinnen und Arbeiter waren mit der Herstellung dieser Menge beschäftigt. In Amerika löste A.L. Dennison viele Probleme bezüglich der Massenproduktion, das Wissen wurde bis zur Waltham Watch Company durchgereicht, die zwischen 1925 und 1957 34 Mio. Taschenuhren produzierte. Mit der Masse sanken die Preise. 1896 bauten die Gebrüder Ingersoll aus Delta, Michigan, die erste Ein-Dollar-Uhr, von denen sie in einem Jahr eine Mio. Stück absetzten.

Die Eisenbahner forderten einheitliche Zeit

1780 gelingt es dem Schweizer Astronom Mallet erstmals, die wahre Ortssonnenzeit zu berechnen, die 1780 mit Hilfe der Glocke von St. Pierre in Genf verkündet wird. In der Folge wird vor allem durch die zunehmende Transportgeschwindigkeit und wachsende Kommunikation der Mangel an einer Einheitszeit zu einem Problem. 1873 existieren in Amerika 71 verschiedene Eisenbahnzeiten, in Deutschland wurde nach den mittleren Ortszeiten von Berlin, Köln, Königsberg, Lübeck, Oldenburg, Elmshorn, Gießen, Frankfurt, München usw. gefahren. Die norddeutschen Eisenbahner reagierten als erste in Deutschland und einigten sich nach zähen Verhandlungen auf die Berliner Zeit als Maß für den inneren Dienst. 1893 wurde in Deutschland auf Drängen der Eisenbahner ein Gesetz betreffend „der Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung“ verabschiedet.

Die ersten Rufe nach einer universellen Einheitszeit kamen aus den Vereinigten Staaten von Amerika, die erste Reaktion kam aus England: Nachdem J. Pond 1833 in Greenwich, England, den sogenannten Zeitball installierte und die mittlere Zeit begründete, wurde 1880 die mittlere Sonnenzeit von Greenwich per Gesetz als offizielle Zeit in Großbritannien erklärt. Vier Jahre später reagierte die Welt und findet sich auf der internationalen Meridiankonferenz wieder, auf der die Universalzeit- Konvention beschlossen wird.

Indessen treibt die Verbesserung und Perfektionierung der Zeitmesser immer neue Blüten. 1862 gelingt es der Wissenschaft in Person von L. Foucault, die Geschwindigkeit des Lichts im Labor zu messen. 1929 entdeckt W.A. Morrison das Kristall als hochwertigen Ersatz für das Pendel und legt den Grundstein für die Quarzuhr. 1948 erfinden William Shockley und Kollegen den Transistor.

Heute sind wir nicht mehr in der Lage, unsere Zeit körperlich zu erfahren. Unser Zeitgefühl und die messbare Zeit haben nichts mehr miteinander zu tun. Seit 1967 ist die Sekunde nicht mehr, wie 1345 vereinbart, der 86.400ste Teil des mittleren Sonnentages, sondern reine Physik: Sie ist nach den 9.192.631.770 Schwingungen des Cäsiums-Atoms geeicht. 1993 konnte die Junghans Uhren GmbH die erste funkgesteuerte Solararmbanduhr der Welt präsentieren, welche durch zeitlose Qualität fasziniert: Die Funkuhr läuft mit natürlicher Lichtenergie „ewig“, funkgesteuert geht sie immer richtig.

Die unendliche Geschichte der Zeit

„Wir machen eine sehr gute Zeit“

Nach den Astronomen, die im Altertum dem Kosmos die Geheimnisse abschauten und den Klerikern, die im Mittelalter die Zeit verwalteten, sind es heute Wissenschaftler, die die Zeit produzieren. Thomas Heindorff, Experimentalphysiker an der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig, meint dazu: „Wir machen die Zeit der Bundesrepublik Deutschland.“ Er erfüllt damit eine Aufgabe, die der Paragraph 2 des Bundeszeitgesetzes, ZeitG, vorschreibt. Doch die Braunschweiger Physiker machen mehr, als gesetzlich vorgeschrieben – ihre Zeit ist nicht nur Gesetz, sondern gilt in Fachkreisen als das Maß aller Uhren: „Wir machen eine sehr gute Zeit“, meint Heindorff, „zur Zeit wohl die beste.“ Der Prestigekampf um die genaueste Zeit ähnelt dem Prestigeduell der Städte um die schönste Räderuhr im Mittelalter. Auch wenn wir es nicht mehr wahrnehmen, der Kampf um die beste Zeit geht weiter. In der Geschichte der Zeit ist kein Ende absehbar…

Quelle Text: www.phaenomen.de, eine Internet-Seite von Harald Fetzer zum „Phänomen der Geschichte der Zeit“, basierend auf einem Projekt der Fachhochschule Furtwangen. Die Site ist mehrfach preisgekrönt und als multimediale CD-ROM im Handel erhältlich.

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