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Der Dialog: ein Gespräch zweier Architekten

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Ein Vorraum, zwei Architekten warten darauf, ihre Wettbewerbsarbeit vorzustellen, die Luft riecht nach Kaffee, lange Zeit ist Stille.

in Vorraum, zwei Architekten warten darauf, ihre Wettbewerbsarbeit vorzustellen, die Luft riecht nach Kaffee, lange Zeit ist Stille.

Architekt „I“: Verzeihen Sie, aber irgendwie kommen Sie mir bekannt vor.

Architekt „M“: Vielleicht von einem anderen Pitch?
Ich komme vom Architekturbüro Mainstream & Co.

Architekt „I“: Ach! Dann habe ich Sie verwechselt. Mein Büro heißt
Individualität & Architektur. Ist Ihnen ja sicher ein Begriff.

Architekt „M“: Ehrlich gesagt nicht.

Architekt „I“: Guter Mann, Sie haben Humor.

Architekt „M“: Nein, nein. Ich habe noch nichts von Ihnen gehört.

Architekt „I“: Wir sind ja auch keine Musikgruppe, Sie müssen auch nichts von uns hören, wenn Sie mir den Scherz erlauben. Aber ernsthaft: Sie müssen von uns schon einiges gesehen haben. Dem Kenner fallen wir auf. Wir stechen hervor, aus der Masse heraus. Wir sind ausgefallen, besonders, nicht von dieser Welt.

Architekt „M“: Ach, das tut mir leid.

Architekt „I“: Bitte?

Architekt „M“: Dann stehen Sie sicher kurz vor der Pleite.

Architekt „I“: Was? Wieso denn das?

Architekt „M“: Mit so einem Credo werden Sie nicht viele Aufträge haben. Geld verdient man, indem man die Masse anspricht. Architektur ist für die Menschen und nicht nur für einen, der sich ein Denkmal damit setzen will.

Architekt „I“: Architektur ist Kunst. Neben der Funktion gibt es auch immer die Form.

Architekt „M“: Form follows function.

Architekt „I“: Ansichtssache. Sie essen ja schließlich auch nicht nur mit dem Mund. Auch das Auge isst mit. So wie es beim Essen nicht nur darum geht, satt zu werden, geht es bei der Architektur nicht nur darum, im Warmen zu sitzen.

Architekt „M“: Und was wollen Sie gleich pitchen? Eine Leuchtturm-Idee? Ausgerechnet für dieses Projekt? Damit werden Sie den Zuschlag sicher nicht bekommen.

Architekt „I“: Es braucht einen Hingucker. Wir wollen ein stilistisches Zeichen setzen. Durchschnitts-Architektur gibt es zuhauf.

Architekt „M“: Was vielen gefällt, kann nicht schlecht sein.

Architekt „I“: Ja, pitchen Sie gleich ruhig, was man schon tausend Mal gesehen hat. Umso besser für uns.

Architekt „M“: Individualität ist nicht zwingend ästhetisch. Wenn jeder seine Haustür in seiner Lieblingsfarbe streicht, dient das nicht der Schönheit. Und was die Masse begeistert, hat immerhin viele Einzelne überzeugt.

Architekt „I“: Hach, was ist Schönheit? Eine große Frage. Wir kämpfen auf jeden Fall gegen den Einheitsbrei. Mit uns gibt es keine 08/15-Architektur. Wir wollen einzigartig sein.

Architekt „M“: Haben Sie jetzt einzigartig oder eigenartig gesagt? Ich habe
das nicht ganz verstanden.

Architekt „I“: Was wollen Sie denn gleich pitchen, wenn ich fragen darf?

Architekt „M“: Einen Entwurf, der sich eingliedert, der ins Stadtbild passt,
der zu der Bebauung drumherum passt, der von den Menschen angenommen wird.

Architekt „I“: Gähn! Eigentlich müssten Sie runde Häuser bauen. Da kann man nicht anecken. Aber das wäre wahrscheinlich zu innovativ.

Architekt „M“: Sie erinnern mich an Eltern, die ihren Kindern einbläuen, etwas total Besonderes zu sein. Eltern, die ihren Kindern immer wieder sagen: Du kannst alles sein und werden, was du willst. Natürlich würden alle sagen, dass nicht jeder Häuptling sein kann, es muss auch Indianer geben. Ja, aber mein Kind, ja mein Kind wird sicher mal Häuptling. Wieso wollen alle so besonders sein?

Architekt „I“: Man lebt nur einmal. Man sollte alles aus sich machen. Und auch aus der Architektur sollte man alles herausholen.

Architekt „M“: Ja, und man kann sich jeden Tag neu erfinden. Und irgendwann weiß man gar nicht mehr, wer einem eigentlich im Spiegel entgegenblickt. Das ist doch ein Wahn.

Architekt „I“: Das ist eher das Nutzen von Möglichkeiten. Noch nie gab es so viele. Wir haben die Chance zu gestalten. Der Individualität zu folgen bedeutet, seinem eigenen Geschmack zu vertrauen, sich selbst überhaupt erst einmal zu erkennen. Sie wollen doch sicher auch nicht in einer Wohnung leben, die wie die Ausstellungs-fläche eines Möbelhauses aussieht, wie eine auswechselbare Kulisse.

Architekt „M“: Meine Wohnung ist ein Ort, an dem ich mich in erster Linie
wohlfühlen will, und keine Visitenkarte. Ich will dort nicht etwas darstellen oder ausdrücken müssen, sondern einfach ich selbst sein können.

Architekt „I“: Aha!

Architekt „M“: Aha was?

Architekt „I“: Da war es: das kleine Wörtchen ich. Sie wollen Sie selbst sein können. Ich wette, auch bei Ihnen stehen besondere Teile, vielleicht sogar Design-Klassiker.

Architekt „M“: Solche Teile stehen vermutlich auch bei 90 Prozent unserer Freunde und Kollegen. Da stellt sich eher die Frage, ob man nicht individueller wäre, würde man darauf verzichten.

Architekt „I“: Solange es einem gefällt, ist es auch ein Ausdruck des eigenen Selbst. Womit ich mich umgebe, ist ein Spiegel meiner Persönlichkeit.

Architekt „M“: Stile und Design-Klassiker werden aber auch nachgemacht, und plötzlich kann jeder sie preiswert im Möbelhaus erwerben.

Architekt „I“: Da sehen Sie es. Das Einzigartige setzt sich durch. Die Menschen wollen das Besondere.

Architekt „M“: Genau dann wird es aber zu einem Produkt für die Masse.

Architekt „I“: Worüber streiten wir eigentlich?

Architekt „M“: Ich bin mir nicht mehr ganz sicher.

Eine große Holztür geht knarrend auf. Ein Kopf lugt hervor.
„Als Nächstes bitte das Büro Mittelweg & Partner.“
Die beiden Architekten gucken sich verdutzt an.

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