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Das Wasser ist viel zu tief: die Wallace Line

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Das Wasser ist viel zu tief

Unüberwindbar: Die Wallace Line

Nur 35 Kilometer Wasser trennen die australische und die asiatische Natur, und doch konnten sie sich nicht vermischen.

Die Wallace Line ist eine unsichtbare, zoogeographische Trennlinie zwischen den Inseln Bali und Lombok, entdeckt von Alfred Russel Wallace während seiner Reise von 1854-1862 durch den indonesischen Archipel und deshalb nach ihm benannt. Obwohl die zwei Inseln nur durch eine ungefähr 35 Kilometer breite Meeresenge voneinander getrennt sind, unterscheiden sie sich laut Wallace in Flora und Fauna fast schon mehr als „England von Japan“. Bis auf wenige Tier- und Pflanzenarten weisen die Inseln komplett unterschiedliche Naturwelten auf – und das bei gleichen klimatischen Gegebenheiten. Auf Bali und westlich davon hat sich die asiatische Tier- und Pflanzenwelt ausgebreitet, zu der beispielsweise auch der Orang-Utan gehört. Auf Lombok und östlich davon findet man hingegen schon viele australische Arten und Gattungen. Eine besonders beeindruckende Spezies ist der Komodowaran, mit bis zu drei Metern Länge die größte lebende Echse.

Zuerst ging man von der naheliegenden und simplen Begründung aus, dass die Tiere, zumindest die Säugetiere, keine Möglichkeit haben von den Inseln wegzukommen und schlichtweg durch das Meer isoliert sind. Diese Theorie hält einer genaueren Betrachtung allerdings nicht stand, denn auch Bali ist in westlicher Richtung von Java getrennt und trotzdem besitzen sie die gleiche asiatische Fauna, ebenso verhält es sich mit Lombok und Sumbawa im Hinblick auf die australische Naturwelt.

Heute, 150 Jahre nach der Entdeckung dieses geheimnisvollen Naturphänomens, können Forscher eine Erklärung für die unsichtbare Trennlinie liefern. Die entscheidende Rolle spielte dabei die Eiszeit.

Während dieser sank der Meeresspiegel auf der Welt um fast 100 Meter und legte das Gebiet um die indonesischen Inseln trocken. Dabei entstanden die Landmassen Sunda, die an den asiatischen Kontinent grenzt, und Sahul, die an den australischen Kontinent grenzt. Getrennt wurden beide durch einen Meeresgraben, der trotz des tiefen Wasserstandes nicht trocken fiel. Heute liegen die Landmassen zum größten Teil wieder unter dem Meeresspiegel und bilden Sockel für die Inseln. Bali und alle Inseln westlich davon liegen auf dem Sunda-Sockel; Lombok und alle östlich gelegenen Inseln befinden sich auf dem Sahul-Sockel. Doch während der Eiszeit konnten sich Tiere und Pflanzen problemlos auf den Landmassen ausbreiten. Einzig der tiefe Meeresgraben zwischen den Landmassen konnte nicht überwunden werden. Eine Vermischung der asiatischen und australischen Tier- und Pflanzenwelt fand also nicht statt.

Doch wie so oft liegen Freud und Leid dicht beieinander. Der tiefe Meeresgraben trennt nicht nur die asiatische und australische Fauna und Flora, sondern verbindet gleichzeitig den Pazifischen und den Indischen Ozean. An den steilen Seitenwänden des Grabens kommt es zu starken Strömungen, die viel nährstoffreiches Wasser und Plankton transportieren – ideale Lebensbedingungen für Filtrierer. Diese in unseren Augen exotischen Lebewesen filtern ihre Nahrung aus dem Wasser. Unterscheidet sich diese Art der Nahrungsaufnahme bereits gravierend von allem, was uns vertraut ist, verwirrt die daraus resultierende Artenvielfalt vollständig. Tiere sehen aus wie Pflanzen, Pflanzen verhalten sich wie Tiere und Riesenhaie mit einer Körperlänge von bis zu zehn Metern ernähren sich ausschließlich von winzigstem Plankton. Gibt es einen besseren Beweis für die Kraft der Evolution?

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