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Freiraum: Das Grün der Moderne

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Schon lange hatte ich nicht mehr daran gedacht. Nun erinnere ich mich wieder. Ich bin sehr jung, noch ein Kind. Es muss während des letzten Jahrs vor meinem Schuleintritt gewesen sein. Vielleicht war es auch während des ersten Jahrs in der Volksschule. Ich stehe neben meiner Großtante. Ich sehe ihr zu. Ich beobachte, was sie tut. Geduldig bückt sie sich, richtet sich wieder auf, bückt sich wieder, richtet sich wieder auf. Sie streckt ihren Rücken ein wenig nach hinten durch, massiert sich mit dem linken Handrücken die Wirbelsäule, bückt sich wieder. Behutsam und dennoch äußerst energisch reißt sie all das aus, was hier nicht weiter wachsen soll. Sie jätet Unkraut. Sie erklärt mir, wie man, das was wachsen soll unterscheiden von dem, was gejätet werden muß.

Ich erinnere mich, wie stolz ich bin, dass ich in den Augen meiner Großtante alt genug geworden war, sie endlich in den Garten begleiten zu dürfen. Der Garten ist ihr Refugium. Hier schaltet und waltet sie. Nun war ich also für reif genug befunden worden von ihr, das Gärtnern lernen zu dürfen, bei der Arbeit mitzuhelfen. Das war ein wichtiger Schritt in Richtung erwachsener werden. Ich erinnere mich aber auch noch an etwas anderes. Mehr als einmal hat sie mich darauf aufmerksam gemacht, dass der kleine Garten, der ein Teil von ihrem Zuhause ist, schon sehr lange existiert. Der Garten war lebenswichtig, überlebenswichtig für ihre Familie nach dem Ersten Weltkrieg. Damals hatte sie selbst von ihrer Mutter gelernt, wie man im Garten arbeitet, wie man pflanzt, jätet, erntet.

Was hat nun diese biografische Erinnerung an den Nutzgarten meiner Großtante zu tun mit der Suche nach dem Grün der Moderne? Meine Erinnerung an den Nutzen des Subsistenzgartens, der zu dem Haus meiner Großtante, die wir jeden Sonntag besuchten, gehörte, war entscheidend dafür, dass ich überhaupt erst darauf aufmerksam wurde, dass es im kollektiven architekturhistorisch relevanten Bildgedächtnis der Aufnahmen der modernen Architektur Auslassungen, Ausblendungen, Verdrängungen gibt. Die Erfahrung, die ich gemacht hatte, ließ mich darüber nachdenken, was hinter den Häusern liegt, deren Vorderseiten wir durch die Architekturgeschichte prominent kennen.

Eine der Verdrängungen, die durch die ikonisch gewordenen Fotografien der Bauhausmoderne, auf die ich mich hier als exemplarisch für die Entstehung des Bildes der modernen Architektur beziehe, verursacht wurde, ist die des Nutzgartens. Beispielhaft für diese Lücke ist das in der kanonischen Architekturgeschichte zirkulierende Bild der Bauhaussiedlung Dessau-Törten. Von Walter Gropius entworfen und in den Jahren zwischen 1926 und 1928 errichtet, galt die aus 314 Reihenhäusern bestehende Siedlung, die für die Stadt Dessau errichtet wurde, als wegweisend für zukünftigen Massenwohnungsbau.

Der vielfach beschworene Rationalismus der modernen Architektur war nicht nur einer der ästhetischen Struktur, der Formensprache, sondern vor allem einer der Massenproduktion. „Im Rahmen eines Versuchsprogramms wollte die Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen herausfinden, wie man Wohnbauten rational herstellt. Die Baustelle wurde wie eine industrielle Taktstraße organisiert.”, schreibt das Bauhaus Dessau auf seiner Website.

Die Siedlung Dessau-Törten war also eine groß angelegte Versuchsbaustelle in Sachen Fordismus. Die hellen Fassaden der Serie von Reihenhaus-Kuben haben Architekturgeschichte geschrieben. Sie verkörpern par excellence, dass die Versprechen des modernen Massenwohnbaus einlösbar sind: gesunder Wohnalltag, ausreichend Licht, Luft, Sonne, für alle leistbar, ästhetisch rational. Die fotografischen Aufnahmen, die in Architekturgeschichtsvorlesungen eingesetzt werden, in Überblickswerken zur Geschichte der modernen Architektur gezeigt werden, auf Websites oder auf Pinterest zu finden sind, stammen aus den späten 1920er Jahren, sind von Emil Theis gemacht worden.

Immer und immer wieder ist die Vorderseite zu sehen, die straßenseitige Front. Aber was ist hinter den Häusern, so frage ich mich und denke an den kleinen Garten, in dem ich als Kind mit meiner Großtante pflanzen und jäten und ernten gelernt habe. Was mich auch als Kind bereits faszinierte, ist dass man den Garten von der Straße aus nicht sehen konnte. Der Garten war geschützt, den Blicken der Allgemeinheit entzogen. Nur wenn man meine Großtante besuchte, dann konnte man von der Existenz ihres Gartens wissen. Ähnlich ist es auch in der Bauhaussiedlung Dessau-Törten.  Es gab Nutzgärten. Jedem der Reihenhäuser war ein solcher zugeordnet.

Die 350 bis 400 Quadratmeter Gartenfläche sollten dem Gemüseanbau dienen und der Kleintierhaltung zur Selbstversorgung. Auch das kann man auf der Website des Bauhaus Dessau nachlesen. Der Nutzgarten ist nicht in das offiziell tradierte, in das hegemonial gewordene Bild der weißen Bauhausmoderne aufgenommen worden. In diesen Nutzgärten wurden Kartoffel und Karotten angebaut. Grüne Bohnen und Grünkohl. Kraut und Rüben. Letztere haben als Sprichwort Karriere gemacht. Sie stehen für das Ungeordnete, für das Durcheinander, für das Chaotische. Also, nicht für die Idee, nicht für die Wertvorstellungen, die durch die moderne Architektur verkörpert werden sollen.

Der Nutzgarten ist die Lücke im Bildgedächtnis der Architekturgeschichte der Bauhausmoderne. Das vormoderne Paradigma der Subsistenz ist aus dem Bild verdrängt worden.  Diese Verdrängung hatte weitreichende Folgen. Die Vorderseite der Moderne, die öffentliche, die der Straße zugewandte, verkörperte die Idee des Fordismus. Die Rückseite der Moderne, die private, die von der Straße abgewandte, hingegen verkörperte die Idee der Subsistenzwirtschaft. Diese Seite der Moderne wurde nicht tradiert. Der Freiraum der Subsistenz — also gleichermaßen der Freiraum für die Subsistenzwirtschaft wie der Freiraum, der dadurch entsteht, dass der Nutzgarten für die Bewohnerinnen und Bewohner die Möglichkeit der Selbstversorgung in ihren Alltag bringt — verschwand aus der Rezeption der Architekturmoderne.

 

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PS: Erst seit der Wirtschafts- und Finanzkrise der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts wird das Bild der Stadt zunehmend mehr vom urbanen Gärtnern geprägt. Das Gärtnern hat seinen versteckten, seinen unsichtbar machenden Ort hinter dem Haus verlassen und findet nun in den Zentren von Städten auf Restflächen genau so statt wie auf jenen manikürten Rasen, welche die Hochhaussiedlungen der modernen Architektur, die seit dem Zweiten Weltkrieg errichtet worden sind, umgeben. Nutzgarten, Subsistenzwirtschaft, Urban Gardening, das sind die Richtungen der Nutzung, die dem Freiraum in Zukunft sichtbar den Weg weisen.

www.elkekrasny.at

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