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Architektur-Wettbewerb: Von der Nischen-Intervention zur Stadtverwandlung

7 min Lesezeit

72 Stunden, 120 Fremde und ein gemeinsames Ziel können ein Stadtbild verändern. Der Architekturwettbewerb 72 Hour Urban Action (72 HUA) gründet auf Begegnungen. Aus ihnen entsteht ein Interaktionsnetzwerk, das Raum und Menschen gleicher­maßen verändert.

Ein Mann der auf einer Holzkonstruktion steht im Hintergrund sieht man einen Baum und Wohnhäuser

Der Echtzeit-Architekturwettbewerb 72 Hour Urban Action

Die internationalen Teams aus jeweils 12 Teilnehmern haben 72 Stunden Zeit, um an bestimmten Plätzen in einer Stadt eine Architektur zu errichten, die lokalen Herausforderungen entgegentritt und Anwohnern ein Stück Lebensqualität zurückgibt. Hier treffen Amateure auf Experten, Menschen auf urbanen Raum und Anwohner noch mal ganz neu auf ihr Viertel. Begegnungen, die nachhallen, da sind sich die Organisatoren Kerem Halbrecht, Gilly Karjevsky, Lukasz Lendzinski und Markus Nießner sicher. In Jena-Lobeda, wo das Festival auf Einladung der Stadt Jena hin Anfang Mai Station machte, haben die Bewohner die Architekturen bereits ins Herz geschlossen. Viele von ihnen sollen im Stadtviertel bleiben.
5 Thesen zu einem Architekturprojekt mit Ausnahmecharakter.

 

Wenn sich verschiedene Disziplinen in Teams mit einem gemeinsamen Ziel begegnen, wird aus Trennung Verbundenheit.

Sprachbarrieren, Berufsblindheit, Fachchinesisch – bei der Zusammenarbeit von heterogenen Teams gibt es viele potenzielle Schwierigkeiten. Ansteckende Begeisterung kann diese überwinden. Der Ausnahmezustand bei 72 HUA setzt positive Energien frei. „Während des Festivals herrscht ein ganz besonderer Geist, ein Teil davon zu sein beflügelt. Nicht umsonst haben wir so viele ‚Wiederholungstäter‘, die auch in Jena wieder alles gegeben haben“, ist sich Gilly Karjevsky sicher. 

Es ist aber auch die gemeinsame Arbeit am Objekt, die zusammenschweißt. „Das Festival bietet die Möglichkeit, sich praxisnah mit Ideen auseinanderzusetzen. Dadurch verlieren sprachliche Grenzen und kulturelle Unterschiede ihre Bedeutung“, erklärt Kerem Halbrecht. „In Jena wurde gemeinsam gelacht, gebaut, gegessen und geschuftet. Dafür brauchte es nicht viele Worte, keinen ähnlichen Hintergrund, sondern nur das gemeinsame Ziel.“

Wenn Architekten und Designer einer Stadt begegnen, sehen sie immer auch das Potenzial und nicht nur den Ist-Zustand.

Zu jeder Realität gibt es Alternativen. Diese wahrzunehmen heißt, die Zukunft mitgestalten zu können. „Als Architekten und Designer ist es unsere Aufgabe, uns vorzustellen, was sein könnte“, findet Kerem Halbrecht. „Das heißt jedoch nicht, dass andere nicht ebenso großes Vorstellungsvermögen beweisen können.“
Bei 72 HUA verschmelzen Visionen von Laien und Experten.

Vor Ort versucht das Organisationsteam tief in Stadtviertel einzutauchen. „Auch in Jena wollten wir architektonische Strukturen und geschichtliche Zusammenhänge begreifen“, erklärt Markus Nießner. So findet das Team die Räume, in denen Architekturen ihr Veränderungspotenzial voll entfalten können.
„Bei 72 HUA können Ideen mit den Menschen, denen sie dienen sollen, in kürzester Zeit prototypisiert werden“, so Kerem Halbrecht. Das schafft (wieder) ein Bewusstsein dafür, dass man selbst mit begrenzten Mitteln Veränderungen bewirken kann. „Stadtteile wie Jena-Lobeda werden oft auf ihr graues Plattenbau-Image reduziert. Mit 72 HUA konnten wir sichtbar machen, wie lebendig das Viertel in Wirklichkeit ist“, freut sich Nießner.

Wenn Menschen dem urbanen Raum begegnen, werden Lebenskonzepte geschmiedet und nicht bloß Strukturen errichtet.  

Wer in einer Stadt ein Bauwerk errichtet, will nicht nur ihr Aussehen verändern. Das Leben darin und darum schwingt immer mit. „Die Installationen bei 72 HUA sind nicht das Ziel, sie sind ein Vorwand, um sich mit sozialen Fragen und dem Verhältnis zur Stadt auseinanderzusetzen. Wir verwenden Architektur als Linse, um zu sehen, wie Menschen ihre Umwelt beeinflussen wollen“, veranschaulicht Kerem Halbrecht. In Jena wurden ein Parkplatz zum Nachbarschaftstreffpunkt, ein Kiesstreifen zur Verweilstation, eine Rasenfläche zum Spielort.

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„Die spontanen Architekturen liefern natürlich keine vollständigen Antworten auf strukturelle Probleme“, ergänzt Gilly Karjevsky. „Darum geht es aber auch nicht. Das Festival bietet einen Ort, an dem architektonische und politische Herausforderungen reflektiert werden können. Menschen begegnen sich im öffentlichen Raum, das ermöglicht Perspektivwechsel. Das Projekt verlangt Vertrauen von allen, dadurch erwächst das Gefühl, gemeinsam etwas erreicht zu haben. Idealerweise beginnt so eine neue Art der Stadtplanung ‚von unten‘“, präzisiert Markus Nießner.

Sicht auf viele Wohngebäude mit Berge im Hintergrund

Wenn ein Objekt dem Raum begegnet, nimmt es Einfluss auf dessen gesamte Struktur und nicht nur auf die unmittelbare Nähe.  

Die Wirkung eines einzelnen Bauwerks kann ganze Straßenzüge verändern. „Die Installationen bei 72 HUA haben eigentlich einen temporären Charakter. Sie sind Impulsgeber und stehen für einen zurückeroberten öffentlichen Raum“, erklärt Markus Nießner. Nach ihrer Umsetzung wurden sie jedoch häufig Teil der Stadtgeschichte.

„In Jena wurden allein vier der Installationen in einen dauerhaft nutzbaren Zustand überführt, zwei weitere werden von Nachbarn gepflegt und wieder zwei bleiben, solange sie stabil sind“, berichtet der Organisator. Ein bedeutsamer Prozess: „Wenn Beamte und Bewohner beschließen, ein Projekt zu behalten, müssen Fragen der Identität, des Eigentums, der Pflege und der Nutzung verhandelt werden“, erläutert Kerem Halbrecht. „Auf diese Weise inspiriert 72 HUA Veränderungen in der materiellen und immateriellen Realität jenseits der begrenzten Blase, die das Festival schafft.“ In Jena-Lobeda laden die Architekturen nun zum Verweilen ein, sind Kommunikationsort und Attraktion in einem.

Wenn Anwohner ihrem gewohnten Umfeld durch eine Veränderung plötzlich neu begegnen, werden unvermittelt Beziehungen geschaffen.  

Veränderungen setzen Energien frei. „72 HUA verändert die Wahrnehmung der Bewohner: Sie bauen eine neue, positive Verbindung zu ihrem Stadtteil auf“, erzählt Gilly Karjevsky. „Das ist eines unserer Ziele. Denn dadurch entdecken sie, dass sie die Macht haben, den Ort persönlich zu beeinflussen. Wir möchten dazu beitragen, dass Veränderung wertgeschätzt wird.“

In Jena halten Beziehungen, die durch das Festival entstanden sind, weitaus länger als 72 Stunden. „Für viele Nachbarn und Partner war 72 HUA so lange abstrakt, bis 120 Menschen angefangen haben, die Nächte durchzubauen.
Die Energie überträgt sich sofort. Eine Nachbarin erzählte uns, dass sie spontan 50 der 72 Stunden auf den Beinen war, um die Teams nachts mit Kaffee und Keksen zu versorgen und Passanten zu erklären, was dort passiert“, berichtet Markus Nießner. „Das verbindet. Auch zwei Musik-
institutionen im Stadtteil Lobeda haben sich erst durch 72 HUA kennengelernt und initiieren jetzt gemeinsame Projekte.“
Festival und Installationen haben es geschafft, ganz neue Verbindungen in alten Mustern entstehen zu lassen.

Der Boden wurde mit verschiedenen Wörtern besprüht und im Hintergrund machen vier Personen einen Handstand

Kerem Halbrecht ist Architekt und Urban Producer. Er hat den Architektur-in-Echtzeit-Wettbewerb 72 Hour Urban Action initiiert und ist seitdem Organisator und Regisseur des Festivals.

Gilly Karjevsky ist seit 2010 als Co-Direktorin von 72 HUA tätig und arbeitet auch als unabhängige Kuratorin für Kunst, Architektur und kritische urbane Praxis.

Markus Nießner ist Grafiker, Designer und Theaterproduzent. Er hat das Kommunikationskonzept von 72 HUA entworfen und ist zuständig für Marketing, Dokumentation und Social Media.

Lukasz Lendzinski arbeitet als Architekt und Dozent. Er ist für Design und Aufbau des 72 HUA Camps zuständig und hat die mobilen Skulpturen entworfen, die als Werkstatt, Bühne und Ausstellungsfläche dienen.

Holen Sie 72 HUA in Ihre Stadt!

Das Organisationsteam freut sich auf Ihre Einladung und steht gern für Fragen zu Projekt und Umsetzung zur Verfügung:

info@72hoururbanaction.de
www.72stundenlobeda.de

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