In unserem Kulturkreis würde man bei der Betrachtung der Innenaufnahmen der beengten Wohnschachteln eher von einem Dahinvegetieren sprechen, eher von einem Existieren, einem Dasein – aber Leben?

lis_06Michael Wolf geht diesem Phänomen nach, er hinterfragt und relativiert einiges.Auch unsere Definition von Leben und Existenz. Unser Wertesystem, unsere Prioritäten. Er sagt zu seiner Serie „100 x 100“: „Das Problem des Platzmangels ist in Hongkong wohl bekannt und alle paar Monate fotografiert jemand diese Kisten und verbreitet sie im Netz. Nachdem ich die Serie ‚Architektur der Dichte’ veröffentlicht hatte, stellten die Betrachter Fragen: ‚Wie können Menschen auf so eine Art leben? Wie sieht das innen drin aus?’ Das gab den Impuls, auch das herauszufinden.“ Michael Wolf erlangte zwei Monate vor dem Abriss des Gebäudes im Jahr 2006 Zugang zu den Innenräumen des Shek Kip Mei. Während andere schockiert waren über die Lebensverhältnisse, die Enge und die räumliche Beschränktheit, fühlte Wolf sich inspiriert und gab den fotografierten Personen einen Fragebogen, um herauszufinden, warum die Bewohner so leben (können). Die Antworten waren bemerkenswert. 80 Prozent der Befragten gaben die „Hausgemeinschaft“ als Grund an. Sie machten ihm klar, dass der Platz keine Rolle spielt. „Es ist besser, auf knapp 10 Quadratmetern zu leben und 50 Freunde zu haben als auf 500 Quadratmetern zu leben – ohne Freunde.“ (aus einem Interview in „Local izz – Hong Kong’s community“ im Januar 2014)

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Shek Kip Mei ist ein Bereich in New Kowloon im Nordosten der Halbinsel Kowloon von Hongkong. Ein Großbrand am 25. Dezember 1953 zerstörte die Shek Kip Mei Elendsviertel der Einwanderer vom Festland China, die nach Hongkong geflohen waren – 53.000 Menschen wurden obdachlos. Nach dem Brand startete der Gouverneur Alexander Grantham ein öffentliches Wohnungsbauprogramm, um die Idee des „mehrstöckigen Gebäudes“ für die zugewanderte Bevölkerung einzuführen. Die neuen Gebäudestrukturen sahen feuersichere und hochwasserfeste Konstruktionen vor. Das Programm umfasste den Abriss der verbliebenen provisorische Häusern und den Bau des Shek Kip Mei als Low-Cost-Siedlung an ihrer Stelle. Die Wohnungen waren klein, sie maßen in etwa 10 bis 30 Quadratfuß mit gemeinschaftlich zu nutzenden Sanitäranlagen. Jede Einheit konnte bis zu fünf Personen beherbergen, und jedes Gebäude hatte eine Kapazität von 2.500 Einwohnern. Ein großer Teil der Wohnblöcke ist seit den 1970er-Jahren abgerissen worden. Das einzige aus den 1950er-Jahren existierende  Wohngebäude, der Block 41, wird seit 2013 als Jugendherberge (Hong Kong Youth Hostels Association) genutzt.

 

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Fotos: wikipedia.org