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Power of Place: die Bedeutung physischer Orte

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Je digitaler die Welt, desto bedeutender der physische Ort. Je mehr wir uns im digitalen Nebel verwirren und einer ausgeprägten Mobilität frönen, desto mehr werden Orte, also physische Plätze und betretbare Gebäude, an Bedeutung gewinnen. Auch wenn in vielen Diskussionen der Anschein entsteht, Orte würde unbedeutender, weil jeder theoretisch von überall alles machen kann, ist das Gegenteil wahr: In Zukunft werden Orte enorm an Kraft gewinnen. Sie sind Lebensgrundlage und Identifikationsraum.

Sie sind mit allen Sinnen erlebbare Umgebung und begreifbar, im wahrsten Sinne des Wortes. Und genau dies fordern die kommenden Jahre mehr denn je: Nur die gekonnte sinnliche Wahrnehmung der Welt sorgt für Orientierung. Sorgt dafür, dass wir uns zurechtfinden im Optionsdschungel einer Globalkultur. Dementsprechend erleben wir auch einen Wertewandel, in dem die aus den 90er Jahren stammenden Werte wie Engagement, Freundschaft, Spiritualität, Authentizität oder Natürlichkeit abgewechselt werden. 

Glückliches Wohnen als Zukunftsparadigma

Auch am Beispiel Glück lässt sich dies gut erkennen: Glück, so eine jüngst erschienene Studie des Zukunftsinstituts Österreich („Österreich 2025“), suchen die Menschen vor allem in der Natur: 32 % der Befragten gaben an, dass sie dort – im Grünen – am glücklichsten sind. Weitere 32 % meinten, dieses Glück in ihrer Wohnung oder ihrem Haus zu finden. Nun wird also händeringend versucht, die Natur dem Haus so nahe wie möglich zu bringen. In den Städten erleben wir ein Aufkeimen von Urban Gardening. Immer öfter gibt es Gärten in Hinterhöfen und auf den Dächern der Stadt.

Immer häufiger beschäftigen sich auch die convenienceverwöhnten Städter mit dem Züchten von Tomaten, Gurken und Kräutern. Und wenn kein Garten im Hof möglich ist, wird schlichtweg die Wohnung zum Gemüsebeet: Indoor Gardening nennt sich das dann. Und auf diesem Wege soll das Glück, das man in der Natur erwartet, ein Stück weit im Alltag landen. Und schon wieder wird der Ort, sinnlich erlebbar und sogar essbar, aufgewertet. Auch der Optimismus wird in den kommenden Jahren verstärkt gefordert: Nicht nur die Diskussion über Probleme, sondern auch über Chancen. Nicht nur Verhinderung, sondern auch Gestaltung. So wie jüngst der kritische Filmemacher Erwin Wagenhofer, bekannt für den Dokumentarfilm „We feed the World“, feststellte: „Vor fünf Jahren haben meine Filme vor allem alarmiert. Das ist heute zu wenig, ich muss auch positive Beispiele zeigen. Das fordert das Publikum.“

Und dies fordert auch die Zukunft der Architektur: Optimismus für die Zukunft. Raum schaffen für neue Verhaltens- und Lebensweisen. Vor allem: Verdichteten Raum schaffen, in dem wir vieles, was ein modernes Leben ausmacht, an einem Ort erfahren und erledigen können. Wohnen, Lernen, Arbeiten, Kinder, Schule, Treffen, Regeneration, Freude und Unterhaltung. Liebe und Spiel. Auch das erscheint etwas paradox: Wir sind hochgradig mobil, wollen aber lieber wieder immobil bleiben. Wir möchten so viel wie möglich auf kleinstem Raum abhandeln können, damit Zeit fürs Leben bleibt und der Ärger des Unterwegsseins sich auf das Notwendigste reduziert.

Wohnen ist in Zukunft also Ausdruck der Suche nach dem Glück im Leben, Wohnen bedeutet in Zukunft ein optimistisches Nahumfeld aufzubauen, in dem man sich Qualität und Zeit fürs Leben gönnen kann.

Individuell vernetztes Wohnen als Basis für Sicherheit und Vertrauen

Folgt man den Werten der Zukunftsgesellschaft weiter, wird Wohnen aber auch die Basis für Sicherheit und Vertrauen – in sich selbst und in das nächste Umfeld. Und damit dieses Umfeld so gefühlt nah wie möglich bleibt, nutzen wir seit einiger Zeit die sogenannten sozialen Medien. Denn wir erleben eine sich immer weiter entwickelnde Individualisierung der Gesellschaft, in der der Einzelne nach Selbstentfaltung strebt. Aber gleichzeitig erkennen wir an, dass wir für dieses Vorhaben immer auch andere brauchen. Es geht also in Zukunft nicht mehr um eine isolierte, sondern um eine inkludierte Individualisierung.

Weshalb wir über Facebook und Co. zeigen, wer wir sind, uns eine eigenständige Identität bilden – die aber mit anderen vernetzen. Die sozialen Medien sind dabei kein Widerspruch zum Örtlichen. Im Gegenteil. Über soziale Netze wie Foursquare oder auch Facebook werden Orte digital aufgewertet. Man checkt ein – zu Hause, im Büro, in der Kneipe – und sagt seinen Freunden damit: Ich bin da! Über die Möglichkeit, sich schnell und einfach zu unterhalten, ohne das Haus verlassen zu müssen, entsteht auch die Chance auf Immobiliät.

Denn wir leben in einer realdigitalen Realität, in der beide „Zustände“ verschmelzen. Wie der Ex-Google-Boss Eric Schmidt unlängst sagte: „Meine Kinder kennen nur zwei Zustände, online oder schlafen.“ Die realdigitale Alltagswelt prägt in den kommenden Jahren unser Leben. In ihr werden wir uns orientieren und zurechtfinden (müssen). Vieles wird dadurch vereinfacht oder erst möglich. Denken wir an die Fernsteuerbarkeit von Häusern oder den Einsatz von Mood-Management in den eigenen vier Wänden. Gerade für die Architektur beginnt die spannende Zeit der Digitalisierung erst.

Die digitale Zukunftswelt bringt Neues für die Architektur

Die Vernetzung der Menschen (via Facebook und Co.) war die zweite große Welle im Internet – zuerst war das Internet ein Netz von Webseiten, also Wissen. Heute ist es ein Netz von Meinungen. In Zukunft wird es ein Netz von automatisierten Abläufen werden. Denn wir haben einen Grad an Digitalität erreicht, der es ermöglicht, völlig neue Einsichten durch die schiere Menge an Informationen zu gewinnen. 

Das ist ein Verdichtungsprozess von Datenmengen. Sensoren, Kameras, Steuereinheiten, … umfassen das digitale Universum, und durch das Internet können wir all dies abbilden, nachverfolgen und zeigen. Augmented Reality, also die digitale Erweiterung der Welt, ist heute schon technisch möglich: Man stellt sich auf einen beliebigen Platz, startet beispielsweise die App Wikitude auf dem iPhone, und schon kann via Kamera des Telefons und der automatisiert verorteten Daten auf dem Display nachgelesen werden, auf welches Objekt man gerade blickt.

Erste Programme können auch schon Architektur vorwegnehmen: Stellen sie sich vor, Sie stehen vor einem Baugrund mit ihrem iPad in der Hand und auf dem Display sehen sie das Gebäude vor sich stehen. Sie wandern rundherum, schauen sich jedes Detail an. Verändern Farben und Formen. Sie kommen am Abend wieder, um es auch in der Abendsonne zu sehen. Dies ist keine große Utopie, sondern sehr real, schon heute. Und diese Art von digitaler Revolution, die in der Automatisierung von Daten steckt, wird auf Architektur und Wohnraumgestaltung einen enorm großen Einfluss nehmen. Mehr als Social Media imstande wären. Die digital-reale Welt führt also den physischen Ort zurück in den Mittelpunkt des Interesses. Denn der physische Ort zeigt Möglichkeiten auf und schafft Raum für eine Gesellschaft, die sich im Wertewandel entwickeln will. Hin zu Verantwortung, Selbstentfaltung, aber auch Glück und Optimismus.

Harry Gatterer, geb. 1974, ist Trendforscher, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts Österreich und Experte für „New Living“. Seine Domäne: Die Zukunft von Leben und Arbeit, neue Lebensstile und ihre Wirkung auf Gesellschaft, Unternehmen, Konsum und Freizeit. Dabei kommt Harry Gatterer vom Design her, das er als Brücke zwischen Oberfläche und Kern nutzt, um Themen und Thesen zu transportieren. Mit dem Wohnen verbindet ihn seine persönliche Geschichte: Sein erstes Unternehmen gründete er im Alter von 20 Jahren, ein Wohnatelier.

Menschen scannen und bilden ihre Umwelt in Zukunft auf Basis von Werten wie Verantwortung, Vertrauen, Sicherheit, Glück oder Optimismus. Also auf Basis von Werten, die letztlich danach trachten, sich im Leben zu orientieren. Denn Werte wirken immer intrinsisch: Sicherheit beispielsweise suchen die Menschen nicht nur im Außen, sondern in der Selbstsicherheit. Glück und Optimismus wirken als Kontrapunkt zur allgemeinen Angstpolemik, die sich in einer stark mediengeprägten Umwelt in das Grundbewusstsein einer ganzen Generation gebohrt hat. Diese sich etablierenden neuen Werte brauchen aber auch Ausdruck im Umfeld, so wie in der Gestaltung des Lebensraums.

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