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Haute Sculpture: die Kreationen der Modedesignerin Iris van Herpen

3 min Lesezeit

Wild und gefährlich, skulptural und abgehoben: Während die internationale Modeszene Iris van Herpen als angesagte Newcomerin feiert, empfindet manch einer bei den extravaganten Arbeiten der 29-jährigen Holländerin auch Aversionen. Stars wie Björk, Lady Gaga und Tilda Swinton hingegen lieben ihre Kostüme. Iris van Herpens Mode gilt als untragbar und ist für den Alltag nicht geeignet – doch keine Angst, sie will nur spielen. Mit ihren turbulenten, fantasievollen und glamourösen Kreationen spannt sie einen Bogen zwischen Mode, Kunst und Architektur: Haute Couture wird Haute Sculpture. Das zeigt auch ihre fünfte Kollektion. Zusammen mit Rem D. Koolhaas entwarf sie Schuhe, die aus dem 3D-Drucker kommen.

Es ist die Jagd nach unmöglichen Formen, die Künstler wie sie vorantreibt. Iris van Herpen interessiert sich nicht für Prêt-à-Porter. Warum? Sie hat keine Lust auf die ständigen Wiederholungen der Mode-Branche. „Es gibt schon so viele gute und tragbare Sachen, das ist keine echte Herausforderung für mich“, erklärt die junge Amsterdamer Designerin. Ähnlich wie der Brite Alexander McQueen, bei dem van Herpen nach ihrem Abschluss 2006 an der ARTEZ Kunstakademie Arnheim gearbeitet hat, hat auch die junge Niederländerin an ihre Arbeit keinen kommerziellen, sondern einen kreativen Anspruch. „Alles muss immer schon für die nächste Saison fertig sein. Wenn es keine Plattformen für neue Ideen gäbe, gäbe es auch keine Mode. Damit ist für mich Haute Couture in gewisser Weise die Zukunft.“

by M. Zoeter, © Iris van Herpen

3D-Drucker und Laser Cutter anstatt Nadel und Faden

Als sie auf der Fashion Week in Paris ihre neue Kollektion vorstellte, war es nicht das erste Mal, dass ihre Kleider und Schuhe aus dem Drucker kamen. Gemeinsam mit Rem D. Koolhaas, Neffe und Namensvetter von Rem Koolhaas, experimentiert und perfektioniert sie digitale Techniken, die Architekten für die Planung aufwendiger Konstruktio-nen nutzen. Schwarz glänzende Wurzeln schlängeln sich zu klobigen Schuhen, mit denen die Models über den Laufsteg huschen – düster und morbide ist ihre Mode. Auch wenn es nicht so aussieht, innen sollen sie bequem und weich sein – zwölf Paar haben Iris van Herpen und Rem D. Koolhaas in Kooperation mit den Firmen United Nude und Stratasys Ltd. zunächst für die Show in Paris anfertigen lassen.

Die Kleider ihrer Kollektion „Voltage“ sind ebenfalls gedruckt, gefaltet und mit dem Laser geschnitten worden. Das Resultat: flexible Kleiderhüllen, die unter Strom standen. Zusammen mit dem kanadischen Architekten Philip Beesley, der österreichischen Architektin Julia Koerner und dem neuseeländischen Künstler Carlos van Camp hat van Herpen es geschafft, dass sich die sonst statischen Hüllen bewegen, als wären es eigene Lebewesen – oder laufende Skulpturen. Die passenden Schuhe dazu kann man bei dem Designunternehmen United Nude kaufen.

by M. Zoeter, © Iris van Herpen

Die Natur ist wild

Van Herpens Mode ist das Gegenteil von Coco Chanel und Jil Sander, dennoch ist sie immer zu einem Teil traditionell angehaucht. Und auch wenn ihre Kleider für viele ungewohnt und visionär aussehen, sind ihre Entwürfe ganz natürlich – Iris van Herpen lässt sich hauptsächlich von der Natur und ihren Phänomenen inspirieren. Blumen findet man aber wenn nur als abstrakte Formen, wie zum Beispiel die zu einer Blüte geformten Dornen in den schwarzen Schuhabsätzen der Serie Thorn. „Die Natur ist wild“, sagt die Designerin. „Meine Kreationen haben einen starken Bezug zur Natur, ich arbeite gerne mit organischen Schnitten.“ Sie liebt außerdem die Mischung aus Instinkt und Verstand – vieles in ihren Kollektionen entsteht intuitiv. „Gleichzeitig gibt es Aspekte, die klar durchdacht sind, so wie zum Beispiel meine 3D-Prints aus Hartplastik. Bei dieser Technik muss jedes Detail am Computer genau geplant werden, bevor es hergestellt wird.

Ähnlich wie in der Natur aus Zufall neue Arten, Lebewesen und Formen entstehen, nutzt die Modedesignerin ihre Arbeit als permanentes Experiment. Sie entwickelt unterschiedlichste Strukturen und Oberflächen, die teilweise an gefaltete Fassaden, skulpturale Lamellenwände oder die parametrischen Formenspiele von Zaha Hadid erinnern – ein Spagat zwischen traditioneller Handarbeit und modernster Technik.

www.unitednude.com

Auch von der Architektur lässt sich van Herpen gerne inspirieren. Einen ihrer Entwürfe nennt sie das „Kirchen-Kleid“, weil es an eine Kathedrale erinnert. Es ist aus dem gleichen Material wie die weißen 3D-Modelle. „Nach dem Druck wurde dieses in England mit einer Kupferschicht überzogen“, erklärt die Designerin. „Die Färbung ist so unterschiedlich, weil sie sich mit dem Luftkontakt dauernd verändert.

“Wenn Mode ins Museum gestellt wird, wird sie zum Kunstwerk. Viele der Kostüme und Schuhe aus den Kollektionen von Iris van Herpen sind nicht nur auf dem Laufsteg, sondern auch in Ausstellungen zu sehen. Nachdem im letzten Jahr ihre erste große Einzelausstellung im Groninger Museum gezeigt wurde, sind aktuell im nordfranzösischen Calais und in London ihre avantgardistischen Kleider und Schuhe in 3D-Optik zu bewundern – die Modekunst wird auf diese Weise einem breiteren Publikum zugänglich.

Bei Iris van Herpens vielfältigen und schillernden Kollektionen wird deutlich: Mode entsteht wesentlich intuitiver, mutiger und schneller als die Planung eines ganzen Gebäudes. In der Modebranche sind deshalb Experimente möglich, von denen auch Architekten lernen können – für Fassaden als Add-on, als gebaute Skulpturen oder als integrierter Entwurfsbestandteil. Ob die Städte dafür bereit sind, ist eine andere Frage.

Designerschuh
www.unitednude.com
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Iris van Herpen (* 1984), niederländische Modedesignerin, studierte in Arnheim, volontierte in London (Alexander McQueen) und Amsterdam (Claudy Jongstra), eigenes Label seit 2007, seit 2011 Gastmitglied der Pariser Chambre Syndicale de la Haute Couture. www.irisvanherpen.com

Rem D. Koolhaas, niederländischer Designer und Neffe des Architekten Rem Koolhaas, gründete 2003 gemeinsam mit Galahad JD Clark das Unternehmen United Nude – das Label ist spezialisiert auf Highheels.

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