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Freiraum: Freiräume im Denken

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Freiräume erlauben es Individuen und Organisationen Luft zu holen, Kraft zu tanken und damit letztlich auch fortzubestehen. Gleichzeitig sind sie Sinnbild für die Möglichkeiten, die da kommen könnten. Gerade in Zeiten digitaler Errungenschaften, die sich wie eine zweite Haut über die physischen und psychischen Objekte und Subjekte legen, stellen Freiräume auch immer einen natürlichen Bruch dar. Etwas, dass man sich leisten sollte, ja muss. Während digitale Anwendungen ständig im sensorischen Modus operieren und Daten sammeln, optimieren, verbessern, erscheinen Freiräume eher als etwas Analoges, gegen die Schnelligkeit, Transparenz und Kontrolle gerichtetes Gut zu sein.

Deswegen definiere ich Effizienz als das Gegenteil von Freiraum. Viele Organisationen und Institutionen handeln immer stärker nach dem Effizienzprinzip. Auch in ihrer räumlichen Ausgestaltung und Anordnung. Damit schaffen sie gleichsam Freiräume ab, bzw. verlagern deren Bedeutung. Ein gutes Beispiel sind zeitgenössische Bürokonzepte, in denen der einzelne Mitarbeiter jeden Morgen aufs Neue aufgefordert ist, sich einen Schreibtisch zu suchen und diesen abends wieder leergeräumt zu verlassen hat. Sein privates Hab und Gut wird derweil in Schließfächer verlagert. Da immer mehr Mitarbeiter von zu Hause arbeiten oder im beruflichen Kontext unterwegs sind, stellen die Firmen somit weniger Schreibtische zur Verfügung als es Mitarbeiter gibt. Sie sparen Bürofläche, Ausstattungsmaterialien und haben das Gefühl, innovativ zu sein. Die Mitarbeiter jedoch haben keinen persönlichen Freiraum mehr, sie müssen sich ständig auf die Suche nach geeigneten Arbeitsorten machen, können kaum noch persönliche Netzwerke eingehen, da sie am nächsten Tag mitunter ganz woanders arbeiten müssen. Vor allem für junge Mitarbeiter führt dies zu Schwierigkeiten, eine geeignete Position in der Organisation zu finden. Die Folge ist Unzufriedenheit und noch schlimmer, ein erhöhter Krankenstand.

Freiraum ist deswegen für mich als ein langfristiges Konzept angelegt. Im Gegensatz zur freien Fläche wiederum. Eine freie Fläche kann auch kurzfristig belegt und genutzt werden. Ein Freiraum ist dagegen ein Möglichkeitsraum für zukünftige Nutzungen. Freiräume gibt es im städtischen Kontext immer weniger. Vieles wird im Hier und Jetzt festgelegt und durchdefiniert und letztlich verbaut. Jede Lücke, jedes Grundstück oder jeder Leerstand wird vor den Interessen der kurzfristigen Gewinnmaximierung geprüft und immer häufiger in Wert gesetzt, ohne dass darauf geachtet wird, was an langfristigen Potenzialen realisiert werden könnte. Die natürlichen Feinde von Freiräumen sind in diesem Sinne Investoren, Immobilienentwickler und Spekulanten. Ein Denken in alternativen Zukünften findet zumeist nicht statt.

Gerade das Denken in alternativen Zukünfte möchte ich hier jedoch propagieren. Zumal es mindestens zweierlei leistet: Das Aufdecken von individuell-psychischen Freiräumen, die durch die veränderte Perspektive auf Zukunft entstehen. Sowie das Aufzeigen von realisierbaren, wahrgenommenen Freiräumen im Kontext von Stadt, Raum und Gebäude. Das Denken in Zukünften, im Gegensatz zu Trends und einer prognostizierten Zukunft, ermöglicht das kreative Potenzial des Einzelnen im Großen aufgehen zu lassen. Damit sorgt dieser Ansatz nicht nur für das Zusammentragen verschiedenster Sichten und Meinungen, sondern auch für das Hinterfragen vermeintlicher Gewissheiten.

Aus der Reihe:

FREIRAUM oder: Was verstellt ihren Blick?


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Tatsächlich sind die heutigen Zeiten doch eher von Diskontinuitäten und Ungewissheiten geprägt, als von deren Gegenteil. Dies zu akzeptieren fällt vielen schwer. Eine Planung, die eher spekulativ angelegt ist, erscheint suspekt, obwohl die Forderungen nach neuen Methoden, anderen Denkweisen und Perspektiven allgegenwärtig sind. Darum plädiere ich, dass die Möglichkeiten der Spekulation aufgenommen und häufiger als bisher umgesetzt werden. Denn dies, so zeigen viele gelebte Zukunftsbeispiele, ermöglicht eben doch das Schaffen und Umsetzen von Freiräumen auf vielen Ebenen.

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