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Der Palazzo Contarini Polignac heute: ein Ort für Kultur und für die Familie

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Der Palazzo Contarini Polignac heute

Ein Ort für Kultur – und für die Familie

Heute gehört der Palazzo Contarini Polignac einer Eigentümergemeinschaft aus Nachfahren der Familie Singer. Bikem und Roger de Montebello, ein Nachfahre einer Schwester Winnaretta Singers, wohnen permanent im Palazzo. Jeder ist auf seine Weise mit dem Gebäude verbunden: Bikem kümmert sich um den Erhalt und das Programm, für Roger ist der Palazzo Ort seines künstlerischen Schaffens.

Bikem de Montebello – füllt den Palazzo mit Leben

Geboren in Rheinfelden (D) als Kind eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter, verbrachte Bikem de Montebello ihre Kinder- und Jugendjahre in der Türkei. Deutsch lernte sie vor allem in den Sommerferien bei ihrer deutschen Oma. In Nürnberg begann sie ein BWLStudium, das sie in der Türkei abschloss. Nach langen Jahren in der Kosmetikbranche und Aufenthalten in Deutschland, der Schweiz und Frankreich studierte de Montebello schließlich Mode – und lernte Roger de Montebello kennen, mit dem sie vor vier Jahren zusammen nach Venedig zog. Seitdem ist der Palazzo Contarini Polignac ihr Lebens- und Arbeitsmittelpunkt.

Was verbindet Sie mit diesem Gebäude?

Bikem de Montebello: Ich kümmere mich um die Erhaltung und Verwaltung des Palazzo. Für mich ist das eine Mission. Erstens ist der Palazzo ein Familienhaus, alle Familienmitglieder sollen hier Zeit verbringen können. Das heißt, alles hier, jeder Tisch und jedes Bett, ist in Gebrauch. Zweitens soll das Haus ökonomisch unabhängig sein. Es muss genügend Programm stattfinden, um mit den Einnahmen das Haus instand zu halten. Drittens soll es ein Ort für Kultur, Kunst und Musik sein, denn das ist die Geschichte und Seele des Hauses. Meine Aufgabe ist es, diese drei Dinge miteinander zu kombinieren. Hat sich Winnaretta Singer neben Musik und Kunst auch mit Architektur beschäftigt? Bikem de Montebello: Nicht nur Winnaretta, sondern die Singers im Allgemeinen. Das Unternehmen Singer und der Mitbegründer Edward Clark haben zur Architekturgeschichte und wichtigen Gebäuden beigetragen, zum Beispiel mit dem Singer Building und dem Apartmenthaus The Dakota in New York oder dem Singer-Haus in Sankt Petersburg. Winnaretta selbst machte Projekte mit Le Corbusier. 1929 beauftragte sie ihn mit der „Cité du Refuge“. Unser Palazzo ist auch ein Singerhaus.

Einen solchen Palazzo zu erhalten ist eine Lebensaufgabe. In Venedig arbeitet man bekanntlich immer gegen den Verfall …

Bikem de Montebello: In Venedig herrschen ganz besondere klimatische Bedingungen. Ein Problem sind Feuchtigkeit und Salz. Das Salz frisst alles auf. Nach nur einem Jahr müssen wir das Androne jetzt schon wieder restaurieren, weil alles abblättert. Zur Behandlung der Mauern wird Cocciopesto verwendet. Es ist ein natürliches Material, damit die Mauern atmen können. Unser größtes Projekt war die Restaurierung der Fassade 2007. Sie stammt aus der frühen Renaissance und hat sowohl Elemente aus der byzantinischen als auch aus der toskanischen Architektur. Sie ist sehr wichtig für Venedig und diente als Vorbild für die Fassaden anderer venezianischer Paläste.

Was wünschen Sie sich für diesen Ort?

Bikem de Montebello: Dieser schöne Palazzo soll nicht nur als Gebäude mit vier Wänden, sondern als lebendiger Ort mit Seele erhalten bleiben. Es soll nicht nur ein Ort für die Familie sein, sondern auch ein Teil der Stadt, ein Teil der Biennale und der Kultur und Musik. Deshalb suchen wir diese Verknüpfung zu anderen Projekten. Es kommen z.B. Food-Blogger, die hier kochen und fotografieren. Diese Dinge halten den Palazzo lebendig. Im Vordergrund steht für uns aber immer die Musik – der Palazzo war schon immer ein Ort für Musik und soll dies auch bleiben.

Interview mit Roger de Montebello

Roger de Montebello – verbrachte als Kind seine Sommerferien im Palazzo Contarini Polignac 

Obwohl er in einer Künstlerfamilie aufwuchs, hatte Roger de Montebello zunächst andere Interessen. Mit 16 zog er mit seiner Familie nach New York – und entdeckte dort Jackson Pollock, der ihn inspirierte. Nach einem Studium der Malerei an der Facultad de Bellas Artes of Seville in Spanien und an der Harvard University in New York machte er seinen Abschluss in Kunstgeschichte und -theorie. 1992 wählte er Venedig als Laboratorium für seine weitere künstlerische Entwicklung. Es folgten intensive Reisen durch Spanien und Aufenthalte in Paris – heute liegt sein Lebensmittelpunkt (wieder) in Venedig. Venedig war für viele Künstler eine Inspirationsquelle.

Welche Aspekte der „Serenissima“ inspirieren Sie am meisten?

Ich liebe Venedig als eine Stadt der Spiegelungen – wo die Architektur im Wasser reflektiert wird. So dringt die Kultur in die Natur ein. Da ist dieses Gefühl der Vollständigkeit, das man in Venedig hat. Das ist eine wunderschöne Harmonie und Balance zwischen Architektur, Kultur und Mensch und den Elementen Wasser und Himmel.

Roger de Montebello, Megachromia „Rainbow Water“
Roger de Montebello, Megachromia „Rainbow Water“

Wenn Sie in Venedig sind, arbeiten Sie im Palazzo Contarini Polignac – wie wirkt dieser spezielle Ort auf Sie?

Wenn ich in meinem Studio bin, habe ich einen großartigen, ausgedehnten Ausblick auf Venedig, aus diesen wunderschönen Fenstern. Ich stehe in permanentem Kontakt mit der Stadt, dem Wasser und dem Himmel. So fühle ich mich ein wenig wie auf der Brücke eines großen Schiffes. Ich bin in einem Haus und gleichzeitig in intensivem Kontakt mit der Außenwelt. Sie haben das Konzept Megachromia entwickelt.

Ein Ort für Kultur – und für die Familie

Was können wir uns darunter vorstellen?

Megachromia verwendet eine Fotografie, die sehr stark vergrößert wird. Ich fotografiere ein kleines Detail eines Bildes, das ich selbst gemalt habe. Es ist ein Prozess, der Malerei und Fotografie verbindet. Die Vergrößerung wird in einem Leuchtkasten gezeigt. Dadurch, dass ich vergrößere, zeige ich den Bezug zwischen dem abstrakten und dem figuralen Gemälde. Megachromia macht Dinge sichtbar, die im Gemälde existieren, aber fast nicht sichtbar sind. Sie möchten mit Ihren Bildern im gesellschaftlichen Leben verloren gegangene Verbindungen wiederherstellen … In vielen meiner Bilder geht es um Harmonie. Harmonie bringt oft Dinge zusammen, die nicht zusammengehören. Harmonie schenkt mir Glaube. Venedig ist eine Stadt der Harmonie. Dadurch, dass in Venedig jeder Mensch, ob arm oder reich, zu Fuß geht und die öffentlichen Verkehrsmittel, die Vaporettos, nutzt, gibt es keine sozialen Unterschiede, und dies trägt zur Harmonie des täglichen Lebens bei. In meinen Gemälden geht es oft um Architektur und wie diese in der Natur reflektiert wird. Es geht mir letztlich um die Harmonie zwischen Mensch und Natur.

www.montebellopaintings.com

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