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DAS WESENTLICHE IST FÜR DIE AUGEN UNSICHTBAR – Wahrnehmung von Architektur

8 min Lesezeit

„Braucht Auffälliges, um aufzufallen, nicht den Kontrast eines Unauffälligen, das unbemerkt bleibt? Liegt im Unauffälligen und Unscheinbaren nicht eine Form der Zurückhaltung, die auf ihre lautlose und heimliche Weise aufmerken lässt?“ (Philosoph Bernhard Waldenfels)

Das Bild zeigt zwei Häuser aus der Froschperspektive. Dazwischen steht ein Baum mit Herbstlaub.

Die Wahrnehmung des Umfelds geschieht im Verborgenen. Äußeres wirkt auf das Innere ein, wird gefiltert durch persönliche Prägung, Lebensumstände, Herkunft und aktuelle Situation. Die Wahrnehmung steuert sich selbst, passiert einfach. Assoziationen entstehen, formen Geschichten und Bilder im Kopf, wecken Gefühle, sorgen für Komfort oder auch Unwohlsein.

Alexandra Abel hat Philosophie und Psychologie studiert, lehrt an der Bauhaus-Universität in Weimar zum Thema Architekturwahrnehmung und publiziert zu Themen innerhalb der Trilogie Architektur, Philosophie und Psychologie. „Architektur wahrnehmen“ lautet der Titel ihres 2018 veröffentlichten Buches, „Bedürfnisorientierte Architektur“ wird der Titel des nächsten heißen. BerührungsPUNKTE hat sich dem ersten Wahrnehmungskapitel gewidmet und mit Alexandra Abel gesprochen. Im Folgenden werden die Kategorien der verschiedenen Wahrnehmungen wiedergegeben.

„90 Prozent unserer Zeit verbringen wir in Architektur und die restlichen 10 Prozent fast ausschließlich in ihrer unmittelbaren (Sicht-)Nähe....“
Alexandra Abel

Architektur und Aufmerksamkeit

„90 Prozent unserer Zeit verbringen wir in Architektur und die restlichen 10 Prozent fast ausschließlich in ihrer unmittelbaren (Sicht-)Nähe. Alles, was unser Leben ausmacht, (...) geschieht unter den Vorgaben von Architektur. Architektur gestaltet die Realität unserer Existenz. Sie ist der Raum, in dem sich unser Leben vollzieht. Ihre und unsere eigene Identität sind miteinander verwoben, hängen voneinander ab.“ Mit diesem Einstieg beginnt Alexandra Abel die Bewusstmachung unserer Umwelt. Auch wenn das Gebäude, der Raum nicht im Fokus der eigenen Wahrnehmung steht, so wirken sie dennoch auf uns ein. Unbewusst. Nicht sichtbar. Nicht deutbar. Aber in der Regel spürbar. Architektur beeinflusst das Sein immens – und wenn die Aufmerksamkeit ihr gegenüber zunimmt, bewusster, gezielt gesteuert wird, dann erschließt sich uns ihre Bedeutung.

Alexandra Abel ermuntert dazu, die intellektuellen Barrieren einzureißen, Architektur nur beurteilen zu dürfen, wenn man sich auskennt. Warum sollte nicht jeder, der von Architektur umgeben ist, sie auch beurteilen dürfen? Für eine ganzheitliche Beurteilung ist allerdings eine bewusste Wahrnehmung nötig, die eine Differenzierung zulässt: eine Differenzierung zwischen dem äußeren Einfluss und dem, was man innerlich mitbringt. Bin ich selbst zutiefst deprimiert, werde ich auch die qualitätvollsten Gebäude, die schönsten Räume nicht wahrnehmen können. Bestenfalls haben sie eine heilende Wirkung, aber der Ort wird negativ konnotiert sein. „Architekturwahrnehmung meint die Fähigkeit, uns selbst und unser Gegenüber (er)lebend in und mit ihr wahrzunehmen.“

„Wir können nicht neutral und objektiv wahrnehmen.“
Alexandra Abel

Die Dimension unserer Existenz

„Mensch sein heißt, im Raum sein und in der Zeit. Diese Dimensionen definieren die Bedingung unserer Existenz.“ Ein grundsätzliches Intro differenziert zunächst Wahrnehmbares und Wahrnehm- und Steuerbares. Die Zeit vergeht, ganz gleich wie wir dazu stehen. Die Wahrnehmung mag individuell sein, doch die Sekunden verfliegen im immer gleichen Takt. Anders verhält es sich mit dem Raum. Er lässt sich von uns gestalten, ihn können wir durchschreiten, bemessen, erkunden, optimieren, verlassen. Alexandra Abel schreibt: „Geborgenheit gibt es für uns nur im Raum. Nicht im grenzenlosen Weltall, das wir im nächtlichen Sternenhimmel erahnen.“ Eine schützende Behausung, die geprägt ist von der eigenen Identität, die sich mit dem geschaffenen Raum verbindet und – hier kommt dann doch der Faktor Zeit ins Spiel – weitergereicht werden kann. An die nächste Generation beispielsweise. „Die abstrakte Dimension Raum umgibt uns in Form eines realen Raumes, der ganz wesentlich von Architektur geprägt ist.“ Dieser reale Raum ist der Ort unserer menschlichen Existenz. Ihn können, müssen wir erspüren, ihn nehmen wir wahr, um uns wahrzunehmen, durch seine Umfänglichkeit erfahren wir etwas über uns und wachsen daran. Es wird deutlich: Architektur ist nicht nur eine Ansammlung von Gebäuden, die als schön oder unschön, gelungen oder fragwürdig verurteilt wird. Sie ist unser Resonanzkörper. Sie spiegelt uns wider, lässt uns uns selbst wahrnehmen, gibt uns Fragen auf unsere Antworten.     

Wahrnehmung als Wirklichkeitsrelativierung

Versuchen Sie, Ihre Wahrnehmung zu verstehen! So ungefähr lautet Abels Aufruf an alle. Nehmt wahr. Reflektiert. „Die Funktionsweise und die Auswirkungen (aller) Begegnungen (...) erschließen sich uns nur durch das Verständnis unserer Wahrnehmung. Denn die Wahrnehmung ist unser Bezug zur Wirklichkeit. Sie ist realer für uns als die Wirklichkeit selbst.“ Am Beispiel des Sonnenaufgangs an jedem einzelnen Morgen erläutert sie die Prinzipien der Wahrnehmungs-Tools. Wir nehmen wahr, dass die Sonne am Horizont, hinter der Häuserzeile, bestenfalls im Streifen zwischen Horizont und Meer, aufgeht. Dass sich die Erde um die Sonne dreht und sich stets hälftig der Sonne ab- und wieder zuwendet, ist nicht in unserem Bewusstsein. Und so ist es mit vielem. „Unser Bewusstsein ist beschränkt, selektiv, individuell, komplex, konstruktiv und kreativ.“

„Zitronenpresse“, Kuppel der Hochschule der Bildenden Künste Dresden von Constantin Lipsius
Dach der Kapelle Notre-Dame du Haut in Ronchamp von Le Corbusier 1950–55
Dach der Kapelle Notre-Dame du Haut in Ronchamp von Le Corbusier 1950–55

Unsere Wahrnehmung ist beschränkt ...

... und hängt von unserer Vorstellungskraft ab – und natürlich von der Ausstattung unserer Sinnesorgane. Radioaktivität, Frequenzen bis 2.000 Hz oder ultraviolettes Licht können wir einfach nicht wahrnehmen. „Man sieht nur, was man kennt“ ist eine allgemein gültige Aussage. Was soll an abstrakter Kunst, Fotografie oder Inszenierungen wahrgenommen werden, wenn man nichts über Historie, Entwicklung, Hintergründe weiß? Nur der persönliche Geschmack, das Gefühl, das beim Betrachten entsteht, entscheidet über positive oder negative Resonanz. Doch wie oft ändert sich die Einstellung zu einem Kunstwerk, zu einer Künstlerin, zu einem Text, wenn man weiß, wer warum wann was erschaffen hat?! Plötzlich finden Identifikation und Wiedererkennung statt, die Wahrnehmung wird gefüttert durch das Abrufen von schon vormals Wahrgenommenem, in der Vorstellungskraft Verankertem. Alexandra Abel schreibt dazu: „Vorstellungen im Sinne solcher Wahrnehmungserweiterungen unterscheiden beispielsweise Architekten von Nicht-Architekten. Kann ein Nicht-Architekt die Konstruktion eines Hauses wahrnehmen, wenn er keine Vorstellung davon besitzt? Sieht er eine Dachtraufe? Ein Gesims? Eine Gebäudefunktion hinter der Fassade? Um Dinge wahrnehmbar zu machen, muss man sie vorstellbar machen.“

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Unsere Wahrnehmung ist selektiv ...

... aber steuerbar, zumindest in Teilen. „Zum Teil werden wir auf Faktoren aufmerksam, automatisch und ohne unsere Zustimmung. Aber wir können auch selbst entscheiden, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.“ Von außen erzeugte Aufmerksamkeit wird durch Impulse aus der umgebenden Umwelt erzeugt, innere oder endogen erzeugte Aufmerksamkeit basiert auf der eigenen Entscheidung. Die erste Variante ist, nebenbei bemerkt, die dominierende, also sie trumpft, sollten beide Arten miteinander konkurrieren. In der Gewohnheit des Alltags sind wir übrigens keine sehr guten Wahrnehmer, wohl aber auf Reisen, wenn uns Neues umgibt.

Das mag an dem Modus liegen, in dem wir uns befinden, aber auch an der Tatsache, dass Neues mehr auffällt, unsere Aufmerksamkeit erregt. Ein weiterer Aspekt scheint hier relevant: „Auffallen basiert auf dem Kontrast zum Nichtauffallen.“ Etwas, das von uns in den Fokus genommen wird, setzt ein Ausblenden anderer Dinge voraus oder aber die Unscheinbarkeit des Umgebenden. Also geht mit unserer Fokussierung auf etwas Bestimmtes die Unsichtbarkeit des Umgebenden einher. Das Zitat von Bernhard Waldenfels zu Beginn bringt es auf den Punkt.

„Mensch sein heißt, im Raum sein und in der Zeit. Diese Dimensionen definieren die Bedingung unserer Existenz.“
Alexandra Abel

Unsere Wahrnehmung ist subjektiv ...

... und wird beeinflusst von allem, was uns als Individuen ausmacht: unsere aktuelle Gemütsverfassung, unsere Herkunft, die kulturelle Prägung, die wir durch Elternhaus, Schule und Freunde erfahren haben – je nachdem, in welchem Modus wir uns befinden: im stressigen Arbeitsmodus, in Schlenderlaune, verliebt, krank oder auf der Suche nach irgend-etwas. Alexandra Abel verdeutlicht das am Beispiel einer Kirche. Fünf Personen betreten eine Kirche. Eine ist müde und alt, die zweite an alten Grabmälern interessiert, die dritte ist Architekt*in, die vierte Tourist*in und die fünfte ein kleines Kind. Jedem dürften die unterschiedlichen Betrachtungsweisen, die Unterschiede ihrer Wahrnehmung schon bei diesen Angaben deutlich vor Augen sein. Sie alle befinden sich in demselben Gebäude und alle nehmen Dinge wahr, die den anderen verborgen bleiben. „Wir können nicht neutral und objektiv wahrnehmen“, schreibt Alexandra Abel und hat wohl recht damit.

Unsere Wahrnehmung ist komplex …

… denn wir erfassen nicht nur mit den Augen. Akustische Faktoren sind essenziell, wenn man an den Klang in einer Kirche, einer Kongresshalle, im Kämmerchen oder gar draußen denkt. Die Bewegung durch einen Raum, das Berühren von Gegenständen, Oberflächen und Formen ermöglicht es, ein ganzheitliches Bild zu formen, der Wahrnehmung Input zu liefern, um eine echte Vorstellung und auch eine Haltung zu etwas zu entwickeln. „Das Sehen ist ein Fernsinn, intellektuell, dem Denken näher als dem Fühlen. Wirklich dicht in Kontakt treten mit ihr können wir nur, wenn wir beginnen, sie auch zu hören, zu fühlen, zu riechen. Wenn wir unsere Hand nach ihr ausstrecken und anfangen, sie zu berühren. Wenn wir beginnen, mit ihr zu kommunizieren, mit unseren Schritten und dem Widerhall unserer Schritte von der Wand.“ Das ist der Grund, warum die Ausstellung von Architektur so schwierig ist. Wenn ein Gebäude nicht im Maßstab 1:1 betretbar ist, nicht aus echten Materialien besteht, die ihm Kraft und Kühle, Raum und Atmosphäre verleihen, bedarf es abstrahierender, konnotativer Mittel, die vergleichbare Wahrnehmungssegmente schaffen.

Unsere Wahrnehmung ist konstruktiv …

… und zielgerichtet. Sie ist auf unsere Evolutionsgeschichte zurückzuführen, eine längst vergangene Zeit, in der noch im Gebüsch Gefahren lauerten, die Treffsicherheit des Speeres das Überleben sicherte. „Bis heute sind wir in unserer Wahrnehmung auf Bewegung fixiert. Wir nehmen optimal wahr, während wir selbst uns bewegen. Und wir nehmen bevorzugt wahr, was sich bewegt. Deshalb hat es Architektur mitunter schwer, Aufmerksamkeit zu erregen. Denn sie bewegt sich nicht im Raum und nicht für uns wahrnehmbar in der Zeit.“ Alexandra Abel differenziert zwischen der bewegten Wahrnehmung, die stattfindet, wenn ein Gebäude umschritten, sich ihm genähert wird, und der Verwendung, die stattfindet, sobald ein Gebäude in seiner Funktion zum Arbeiten, Wohnen, temporär für einen Termin genutzt wird. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach der Korrelation zwischen Nutzbarkeit und architektonischem Wert überhaupt.

Unsere Wahrnehmung ist kreativ …

… denn wir möchten teilnehmen. Nur etwas zu betrachten, um es schön zu finden, vielleicht zu bewundern, reicht uns nicht. „Unser Wunsch nach Kreativität bei der Wahrnehmung entspringt unserem Wunsch nach Teilhabe. Nur wenn wir selbst dem Prozess der Wahrnehmung etwas hinzufügen können, haben wir wirklich Anteil an der Welt, die uns umgibt.“ Als Mitschöpfer heben wir die Trennung zwischen unserem Ich und unserer Umwelt ein Stück weit auf.

Zu sehen ist ein Mensch von hinten, der durch eine schmale dunkle Gasse läuft.
Das Bild zeigt einen Ausschnitt einer blau-beigen Hausfassade mit zwei Fenstern. Im Vordergrund sind vier unterschiedlich große Buchsbäume zu sehen.

Die Macht der Aufmerksamkeit

Wenn Mensch und Architektur aufeinandertreffen, ist das real, sehr wirklich und komplex zugleich. Wir können uns nicht theoretisch der Architektur nähern, nur praktisch. Und dabei stellt sich dann heraus, ob der Raum, in dem wir uns befinden, wirklich das hält, was das Gebäude und seine Funktion versprechen. Lässt es sich gut wohnen in dem Raum, erlaubt er Rückzug oder Weitblick? Welche Geräusche sind wahrnehmbar? Zu welchem Bild verschmelzen Oberflächen und Materialien durch die Wahrnehmung dieses Raumes? „Der Sinn von Architektur muss für unsere Sinne verständlich sein. Theoretische Lösungen, die unsere Wahrnehmung nicht nachvollziehen kann, sollten Theorie bleiben. Sie entstehen nicht für uns. Architektur gestaltet die Realität, in der sich unser Leben vollzieht. Sie umgibt uns wie kein anderer Umweltfaktor.“

 

Also: Architektur gehört nicht nur Kennern, und die Wahrnehmung ist vielschichtiger, als man vielleicht vermutet hätte. Aber mit dem Wissen um die Komplexität lässt sie sich steuern, lässt sie uns sensibler, wacher, schneller werden.

Alexandra Abel hat Philosophie, Germanistik und Psychologie
studiert. Sie lehrt und forscht an der Bauhaus-Universität in Weimar unter anderem zum Schwerpunkt Architekturwahrnehmung. Die Publikation, auf die sich der Beitrag bezieht, ist 2018 im Transcript-Verlag erschienen. 2020 erscheint ihr neues Buch „Bedürfnisorientierte Architektur“, das aus ihrer aktuellen Forschungsarbeit hervorgeht.

EzraPortent; Francesca da Lipsia; PolaRocket; jock+scott; über photocase.de

Architektur wahrnehmen
Von Alexandra Abel und Bernd Rudolf
Transcipt Verlag 2018
ISBN 978-3-8376-3654-3

www.alexandraabel.de

Das Cover des Buches „Architektur wahrnehmen“ von Alexandra Abel und Bernd Rudolf.

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