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Verborgene Schönheit: Wie César Manrique Lanzarote zum Juwel machte

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Ein Vulkan im Land der Vulkane – Als der Künstler und Architekt César Manrique am 25. September 1992 infolge eines Verkehrsunfalls ums Leben kam, hatte er sich auf seiner Heimatinsel Lanzarote ein Denkmal gesetzt – ein Lebenswerk, das die Identität der Insel geprägt hat.

Das Œuvre Manriques ist auf dem Kanareneiland allgegenwärtig: Etliche seiner Skulpturen werten die zahlreichen Kreisverkehre auf. Sein großes Anliegen war es, dass sich der Tourismus auf Lanzarote nachhaltiger und sanfter als auf den Nachbarinseln Gran Canaria und Teneriffa entwickeln sollte. Seine Bauwerke gehören zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Insel. Er hat seinen Mitmenschen die Augen geöffnet für die besondere Schönheit seiner Heimat.

Diese Schönheit haben mittlerweile weit mehr Menschen für sich entdeckt, als César Manrique recht wäre, hatte er sich doch einen begrenzten Tourismus gewünscht und „nicht reiche, sondern neugierige, gebildete, empfindsame, kurzum kultivierte Touristen.“ Etwa 140.000 Einwohner hat die Insel. Inzwischen kommen jährlich etwa zwanzig Mal so viele Besucher. Über den Tod des streitbaren Universalgestalters erzählt der kanarische Schriftsteller Alberto Vázquez Figueroa: „Am Tag, an dem César Manrique starb, war ich einer der Ersten, die ihn tot sahen. (…) Ich sagte: ‚Es ist vorbei mit Lanzarote, es wird niemanden mehr geben, der diese gierigen Hyänen aufhalten kann, die alles Schöne auf dieser Insel zerstören werden.‘ César war der Einzige, der diese politischen und wirtschaftlichen Gauner im Zaum halten konnte.“ 

Architektur im Einklang mit der Natur
Unterirdischer Gang des Anwesen auf Lanzarote

Der schönste Ort der Welt

Was er tatsächlich schaffte: aus Lanzarote, dem „hässlichen Entlein“ der Kanaren, ein Juwel zu machen. Er schuf vor allem unterirdische Räume und in der Landschaft verborgene Bauten wie den Aussichtspunkt Mirador del Rio, der sich perfekt in die Umgebung integriert. Zeugnisse dafür, dass es sich mit und im Vulkangestein trefflich leben lässt. Als der Massentourismus seine Schatten vorauswarf, überzeugte der Globalisierungsgegner Manrique 1968 den befreundeten Präsidenten der Inselverwaltung von einer neuen Vorschrift für die Insel: Kein Gebäude durfte höher als drei Stockwerke werden – angeblich die Höhe einer durchschnittlichen Palme, so erzählt man. Damit wollte der vieltalentierte Aktivist „raumplanerischem Chaos und architektonischer Barbarei“ vorbeugen. In einem Interview sagte er 1971 dazu: „Ich glaube, die Eigenheiten jedes Orts auf dem Planeten müssen unbedingt gefördert werden, sonst leben wir in absehbarer Zukunft in einer langweiligen Standardkultur ohne jede schöpferische Fantasie.“ 

Im 18. Jahrhundert war Lanzarote im Zuge mehrerer Vulkanausbrüche – es gibt übrigens etwa 300 Vulkankegel auf der Insel – buchstäblich unter Lavaströmen begraben worden. Eine nahezu außerirdisch anmutende, karge, schwarz-rote Landschaft prägt seither das Erscheinungsbild der Landschaft. Dass dieses Fleckchen Erde ein Juwel sei, wie César Manrique proklamierte, musste selbst den Inselbewohnern erst einmal plausibel gemacht werden. Doch der Künstler verkündete selbstbewusst: „Ich werde unsere Insel zum schönsten Ort der Welt machen.“ Es mag sich nicht jeder mit diesem Superlativ anfreunden können, aber dass Manrique mit seinen organischen Bauwerken, die in Harmonie mit der Natur entstanden sind, einen großen Schritt in dieser Hinsicht gemacht hat, dürfte unstrittig sein. Allen voran wurde 1966 der erste Teilabschnitt der „Jameos del Agua“ eingeweiht, ein Höhlensystem, in dem der überzeugte Umweltschützer eine Müllhalde vorfand. Er ließ die Vulkanblasen räumen und fand einen unterirdischen See vor. Mit seinen architektonischen Adaptionen schuf er dort einen betörenden Ort wie aus einem James-Bond-Film – mit Restaurant, Museum, Pool und einem einzigartigen Auditorium.

Höhle mit spiegelndem See

Das wahre Wesen des Lebens

Auch sein eigenes Wohnhaus, das heute die nach ihm benannte Stiftung beherbergt und einen Besuch unbedingt lohnt, zeugt von César Manriques Talent, Architektur und Natur gekonnt miteinander zu verweben. Angeblich hatte er während einer Fahrt über die Insel einen Feigenbaum entdeckt, der mitten in der erstarrten Lava unweit des Dorfes Tahiche stand. Als er näherkam, sah er, dass der Baum direkt aus einer Lavablase herauswuchs. Er kletterte hinein und entdeckte weitere vier Hohlräume. Er kaufte das Grundstück und realisierte seine Ideen von einem teilweise unterirdischen Wohnhaus. Hier verwirk-lichte er seine Vorstellungen von gelungener Architektur, die bis ins Detail abgestimmt ist – Bäume stehen mitten in den Räumen, Möbel scheinen organisch aus den Wänden zu wachsen, Plastiken und der Natur entnommene Dekogegenstände verschmelzen zu einem einladenden Gesamtkunstwerk, das man als Besucher am liebsten nicht mehr verlassen möchte. Materialien, Farben, Formen – alles scheint genau hierherzugehören. Der leuchtende Pool im Innenhof erweckt den Eindruck, man sei in einer Oase der Ästhetik mitten in der Vulkanlandschaft angekommen. 

Heute sind die Wohnhäuser des Künstlers Museen und Landmarken, die dem Betrachter, wie auch seine anderen Kunstwerke, die Schönheit der Natur erschließen sollen, die unvergleichliche Vulkanlandschaft, den Wind, das Licht und die wilden Strände, an denen er seine Kindheit verbrachte.

Doch der architektonische Einfluss Manriques, dieses Mythos von Lanzarote, reicht viel weiter. In seinem 1974 erschienenen Buch „Lanzarote: unveröffentlichte Architektur“ preist er die regionale Bauweise: weiße, kubische Häuser, nicht höher als zwei Stockwerke. Seither wird die traditionelle ländliche Architektur gefördert, es wird weiß gekalkt – mit Fensterläden und Türen in Grün, am Meer in Blau, heute ein Markenzeichen Lanzarotes. Und noch ein Meilenstein kann zu einem großen Teil dem Künstler gutgeschrieben werden: Als erste komplette Insel wurde Lanzarote 1993 zum UNESCO-Biosphärenreservat erklärt. Ein posthumer Triumph für César Manrique, der stets groß gedacht hat: „Der Mensch muss sich behutsam in die hintersten Winkel der Natur einfügen, um das wahre Wesen des Lebens zu begreifen.“

Blick in Innenhof inklusive Pool
Pool mit Sicht auf die Landschaft von Lanzarote
Scherentier-förmige Skulptur vor dem Strand von Lanzarote
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César Manrique wurde 1924 auf Lanzarote geboren. Sein Studium des Bauingenieurswesens, das er auf Drängens seines Vaters hin begonnen hatte, brach er ab, um sich der Kunst zu widmen. Bereits mit 24 Jahren hatte er seine erste Einzelausstellung. Ab 1945 studierte er in Madrid an der Hochschule der schönen Künste und war schon bald als Maler erfolgreich – so sehr, dass er 1955 und 1960 auf der Biennale in Venedig vertreten war. 1965 zog er dank eines Stipendiums des „International Institute of Art Education“ nach New York, wo er seinen Erfolg fortsetzte, kehrte aber 1968 endgültig nach Lanzarote zurück. Hier ist er auch beerdigt. Sein Grab wird überragt von einer kanarischen Dattelpalme.

Top 5 Sehenswürdigkeiten:

  • Mirador del Rio

    Künstlerisch gestaltete Aussichtsplattform auf einer Klippe mit Café Carretera de Yé s/n, 35541 Haría, Las Palmas, Lanzarote
     
  • Jameos del Agua

    Kunst- und Kulturstätte, Touristenattraktion mit Gastronomie und Shop Carretera Arrieta-Órzola, s/n, 35542 Las Palmas, Lanzarote
     
  • Fundación César Manrique

    Stiftung im ehemaligen Wohnhaus des Künstlers Calle Jorge Luis Borges, 16, 35507 Tahiche,  Las Palmas, Lanzarote
     
  • Jardín de Cactus

    Kunstvoll gestalteter Kakteengarten Av. Garafía, 35544 Guatiza, Las Palmas, Lanzarote
     
  • LagOmar

    Ehemaliges Wohnhaus des Schauspielers Omar Sharif Calle los Loros, 2, 35539 Nazaret, Las Palmas, Lanzarote
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