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In Ketten tanzen: über die Leidenschaft von Maurizius Staerkle Drux

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In Ketten tanzen

Maurizius Staerkle Drux ist Regisseur des Films „Die Böhms – Architektur einer Familie“.

Latein und die Nordsee weckten seine ersten leidenschaftlichen Gefühle. Sprachen, die Begeisterung für Satzkonstruktionen und ein großes Interesse an Rhetorik machten den Jungen damals „nerdig“, die Leidenschaft für das Geräusch der wehenden Dünengräser am Nordseestrand und das Meersalz auf der Haut sensibel.

Er erinnert sich, dass es in früheren Jahren eher von außen an ihn herangetragen wurde, für dieses oder jenes eine Leidenschaft entwickelt zu haben  – es machte den Anschein, als sei er mit Haut und Haaren dabei, absorbiert von einer Tätigkeit, die in dieser extremen Form wohl nur mit sehr viel Leidenschaft ausgeübt werden könne. So kam in der Jugend das Lernen der lateinischen Sprache, dann das Fotografieren, schließlich der Kurzfilm. Mit dem Film fand er dann das Medium, das all seine Fähigkeiten und Interessen vereinen sollte: Sprache, Bild,  Bewegung, Ton, Stille, die Komposition der einzelnen Elemente. Das ist übrigens etwas, was in seinem Film über die Architektenfamilie Böhm sehr deutlich wird: die Verbindungen der einzelnen Szenen durch Musik, die vergleichbare Darstellung verschiedener Zeitstränge durch dieselben Jahreszeiten und Stimmungen.

Maurizius Staerkle Drux wurde 1988 in Köln geboren und wuchs in Zürich auf. Als Sohn einer extrovertierten und redegewandten Kabarettistin und eines gehörlosen Pantomimen wurde er zusammen mit seiner Schwester in einem Umfeld groß, das beide nachhaltig prägte. Es fing damit an, dass seine Eltern praktisch immer da waren. Es gab kein Tagsüber-zur-Arbeit-Gehen und kein erschöpftes Heimkehren. Die Mutter malte, sang und rezitierte mit ihren Kindern, der Vater probte und interagierte mit ihnen auf der Bühne – für sie war es Spiel und Spaß, die Zuschauer Nebensache. Sie sind erst spät zur Schule gegangen, weil sie die Eltern auf Tour begleiteten. Eine Bilderbuchkindheit? „Ja, es war sicher ein bisschen bilderbuchmäßig. Allerdings haben sich meine Eltern früh getrennt, die ganze Beziehung war durch ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten eine explosive Mischung, leidenschaftlich, aber eben auch mit viel Leid. Die Trennung hat mich sicher geprägt – aber den Wunsch, dass Familienleben und Arbeit verschmelzen, spüre ich deutlich.“ Dieser Wunsch ist es (im Nachhinein gesehen wohl) auch, der sein Interesse für die Böhms weckte. Maurizius besuchte ein Sprachgymnasium und lernte sechs Sprachen, bevor er sein Studium der Filmregie mit der Vertiefung Ton/Sounddesign an der Zürcher Hochschule der Künste begann. Seit seinem Abschluss im Jahr 2012 arbeitet er als Dokumentarfilmer und Tongestalter und hat mit seinen Arbeiten mehrere Preise gewonnen. 

In Ketten tanzen
In Ketten tanzen

„Ich nehme die Leidenschaft immer einen Tick verzögert wahr, also im Nachhinein.“

„Wenn ich abends heimkomme und gewahr werde, heute einen enormen Schritt weitergekommen zu sein, dann breitet sich ein Gefühl der Euphorie, einer großen Leidenschaft aus, das mich durch den Abend trägt, das mich gut schlafen und morgens noch vor dem Wecker mit 1000 Gedanken im Kopf wieder aufwachen lässt. Dann sehe ich vieles klar vor mir und bin voller Tatendrang.“ Spätestens nach dieser Aussage wird klar, warum er sofort so begeistert war von dem Thema Leidenschaft. Irgendwann in dem unglaublich angenehmen, fröhlichen, durch viele Lacher unterbrochenen Gespräch meint er, das schönste Kompliment, das man ihm für den Böhm-Film machen könnte, sei, dass der Film sehr leidenschaftlich geworden ist. Rückblickend auf die drei Jahre Filmentstehung spricht der junge Filmemacher in diesem Zusammenhang von einem tranceähnlichen Zustand, in dem er das Gefühl hat, sein Gehirn bilde neue Synapsen, als entstünden neue Verbindungen und dadurch neue Erkenntnisse. Im gleichen Atemzug fällt die Redewendung „Die Leidenschaft, die Leiden schafft“ und man ahnt, welch ein Leiden folgen wird, in Anbetracht dieser immensen Inbrunst. Viel Leidenschaft schafft eben auch viel Leiden. Logisch. Die Momente, an denen er sich die Zähne ausbeißt, in denen er weiß, dies ist jetzt kein Spaziergang, es wird hart werden, ein Gang durch die Hölle sein – die gibt es bei jedem Projekt. Die Frage ist einfach immer nur: Wann? „Man fürchtet sich bei jeder Filmentstehung (oder bei jedem Film) immer ein bisschen davor, aber diese Phase ist unumgänglich. Da muss man einfach durch.“

„Die Böhms – Architektur einer Familie“ ist ein Dokumentarfilm der ganz besonderen Art."

Es heißt, in einem guten Film geht es um die Wahrheit, nicht um die Wirklichkeit. Maurizius Staerkle Drux lässt seinen Zuschauern ganz schön viel Freiraum, die für sie relevante Wahrheit zu erkennen. Bis auf einige Gesprächssequenzen, in denen sich die Protagonisten unmittelbar in die Kamera äußern, ist alles im Fluss, langsam plätschernd, das Bild nach der kommenden Biegung nicht erahnbar, ästhetisch, spannend, traurig, berührend und manchmal beklemmend.

In Ketten tanzen

Die vierte Böhm-Generation der Architektenfamilie befindet sich heute in der Ausbildung. Dominikus Böhm (1880-1955) war seinerzeit schon ein renommierter Architekt, Kirchenbauer und Hochschullehrer, sein jüngster Sohn Gottfried (geb. 1920) tritt in seine Fußstapfen, wird schon zu Kindeszeiten an den Beruf herangeführt. Drei von Gottfried Böhms Söhnen, Stefan (geb. 1950), Peter (geb. 1954) und Paul Böhm (geb. 1959) folgen wiede-rum ihrem Vater in ihrer beruflichen Passion. Ehefrau und Mutter Elisabeth Böhm, geborene Haggenmüller, ebenfalls Architektin, starb 2012 während der Dreharbeiten an zunehmender Altersschwäche und Demenz. Ihr Tod, die Leere, die ihr Scheiden hinterlässt, gibt dem Film eine andere, neue, nicht vorhersehbare Tiefe und Intensität. Staerkle Drux ist mit seinem Kameramann Raphael Beinder quasi unsichtbar. Er kennt die Böhms – schließlich ist er eigentlich ein kölscher Jung – seine Mutter ist mit einem der Söhne befreundet. Er bewirbt sich für eine Filmförderung, will eine Dokumentation über diese Familie drehen, die mit ihrer Architektur Großes schaffen. Gottfried Böhm sagte anlässlich seines ihm im Jahre 1986 verliehenen Pritzker-Preises:

„Ein Gebäude ist für den Menschen Raum und Rahmen seiner Würde, und dessen Äußeres sollte seinen Inhalt und seine Funktionen reflektieren.“

Ein hehres Ziel, ein hoher Anspruch und eine erahnbare Leidenschaft für diese Tätigkeit des Bauens und Gestaltens. Maurizius mag die Situation, dass man als Jungfilmer mit einer Kamera von außen oft unprofesionell wirkt und dadurch unterschätzt werden könnte. Denn nach dem Motto „Lassen wir den Jungspunt ruhig mal filmen …“ darf er in das Leben der Böhms eintauchen. Ein Grundvertrauen durch die langjährige Bekanntschaft regelt mögliche Irritationen – die Böhms können zu jeder Zeit den Dreh abbrechen, das Filmteam interagiert nicht, ist einfach nur da, auf die pure Existenz reduziert. Und doch sind es die entstehenden Bindungen, auch die zwischen dem Regisseur und den Protagonisten, die besondere Situationen entstehen lassen und zu einer zarten Einfärbung der Dokumentation führen. „Elisabeth Böhm flirtete immer mal wieder mit mir, wir tanzten und sangen in den Drehpausen oder nach vollbrachtem Tageswerk. Wir hatten eine harmonische nonverbale Kommunikation, zu der meistens ein Augenzwinkern genügte.“ 

Zentraler Ort des Films ist die „Kammer“ der Böhms. Hier zeichnet der Alte mit Kohle, kratzt mit der Rasierklinge, hier ruht Elisabeth, hier werden Konkurrenzen zwischen den Söhnen ausgesprochen und Zukunftspläne geschmiedet. Elisabeth probt hier in ihrer Demenz den Zwergenaufstand, während Gottfried arbeitet. So viele Szenen lassen tief blicken – tiefer vielleicht, als man es je erwartet hätte. Leidenschaft muss nicht laut und heftig sein. Hier ist sie tiefgreifend und erschütternd. Sie vereint (Arbeiten-)Wollen und (körperliche) Grenzen-Eingestehen, (tief empfundene) Zuneigung und (jahrelange) Kränkung, (beklemmenden) Stillstand und (rasanten) Fortlauf der Zeit. Sie vereint (tieftrauriges) Schweigen und (überzeugtes) Aufbegehren. Elisabeth hat früher ihren Mann als „scheißliberal“ bezeichnet, weil er nie Stellung bezog. Ihr Wollen wiederum war nicht stark genug, um sich neben ihm zu verwirklichen.

Eine der eindrucksvollsten Szenen ist Gottfried Böhms Reise nach Paris – nach dem Tod seiner Frau. Elisabeth lernte in den 1970er Jahren das Leben in Paris schätzen und hätte sich dort ein Leben vorstellen können. Sie hat dann, als das Architekturbüro ihres Mannes kurz vor dem Aus stand, eine Wohnung in der Nähe der Seine gekauft und diese in ihrem Stil, in „ihrer Architektur“ ausgebaut und von dort aus an weiteren Projekten gearbeitet, die sie aber nicht mehr alle verwirklichen konnte. Ganz deutlich wird an diesem Ort die Größe ihres „Opfers“, ihre Karriere hinter die Familienplanung zu stellen, um ihrem Mann den Rücken zu stärken. Gottfried kehrt in diese gemeinsame Wohnung zurück und platziert eine selbstgefertigte „Kopfbüste“ aus Ton liebevoll und in Gedanken versunken an einem lichten Platz.

In Ketten tanzen

Eine weitere sehr ergreifende Szene ist die, in der Gottfried Böhm von außen in die Fenster eines kleinen, im Jahre 1955 von ihm geplanten Wohnhauses am Rhein schaut und seine Frau dort sitzen sieht. Der Zuschauer erkennt, wie diese alte Filmaufnahme in die Szene geschnitten wurde und die Blicke des Architektenpaares sich wieder treffen. Die Menschen, die hier jetzt wohnen, sind ausgeflogen. Für den Witwer was dies ein schwerer Gang, der in seinen beklemmenden Emotionen den Zuschauer erfasst und traurig zurücklässt.

Maurizius Staerkle Drux erzählt am Schluss von einem Gespräch mit Gottfried Böhm über seine Beziehung zum Beruf. „Die Böhms hatten einen schönen Ausdruck dafür: Sie nennen das ‚in Ketten tanzen’. Diesen Begriff konnte ich sofort zu 100 Prozent auf mich übertragen – es geht um Leidenschaft, um Zweisamkeit (ganz einerlei ob mit einer anderen Person oder einem Projekt), um Nähe und Gebundenheit.“ Diese Metapher bringt das Verhältnis zwischen Leidenschaft und Leiden wunderbar auf den Punkt – im Beruflichen wie im Privaten. Für den Architekten, für den Regisseur und vermutlich für viele, die getrieben sind von einer Leidenschaft und sich durch gesellschaftliche, berufliche oder innere Prämissen eingeschränkt fühlen, wird dieses Bild lebendig und vielleicht mit einem bestätigenden Nicken quittiert werden. Ein Tanz in Ketten. Voller Schmerz und Anmut. Nostalgie und Euphorie. Starrsinn und Freiheit.

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