…Herr Braun?«

Jürgen W. Braun: Es ist immer das gleiche Thema. Ganz gleich, ob ich mich zu Hause im Weserbergland oder in meiner Wahlheimat, der Bretagne, aufhalte. Permanent berührt mich im negativen Sinne die Dekadenz der politischen Szene. Mit welcher Leidenschaft bei uns die Kilbingers, die Späths, die Kohls und jetzt auch noch der liebe Biedenkopf sich selbst ans Messer liefern, bleibt mir auf immer unverständlich. Da fehlt als Ausgleich des Weberschen Dreigestirns Verantwortungsgefühl und Augenmaß. Ich bin inzwischen richtig dankbar dafür, dass die ökonomischen Zwänge und Regeln, die ein Managerleben beherrschen, mich von der politischen Szene ferngehalten haben.

Frage: Sie haben ja eine sogenannte »ordentliche« juristische Ausbildung absolviert und nach Ihren vorherigen Stationen im ländlichen Brakel bei FSB angefangen. Dort allerdings machten Sie das abseits gelegene Unternehmen zu einem Design-Vorreiter. Ist die Kunst, das Design, Ihre heimliche Liebe?
Jürgen W. Braun: Es wäre zu einfach, Ihre suggestive Frage ex post mit einem klaren JA zu beantworten. Denn auch im Leben eines Managers läuft nicht alles nach einem von Vorlieben getragenen ordentlichen Lebensplan ab. Da gibt es als Salz in der Suppe des täglichen Einerleis Gott sei Dank das Prinzip des Zufalls. Man muss nur im richtigen Augenblick alle fünf Sinne auf Empfang geschaltet haben. Vielleicht hat mir meine juristische Ausbildung dabei ein wenig geholfen. Als Jurist ist man darauf getrimmt, jeden Sachverhalt zu sezieren, zu ordnen und auf seine Möglichkeiten abzuklopfen. Also erst die Analyse und dann die phantasievolle Lösung. So wurde aus einem banalen Allerweltsprodukt bei uns in Brakel ein Artefakt, eine Verlängerung der Hand, ein Objekt, das seine eigene Geschichte erzählen kann.

Frage: In Interviews und Berichten über FSB wird immer wieder ein Gegensatz zwischen »Provinz« und »Design-Vorreiterschaft« angeführt. Wie sehen Sie das? Braucht es das Flair von Berlin, London oder Mailand gar nicht, um Neues und Gutes zu erfinden?
Jürgen W. Braun: »Das Weserbergland reicht dicke«, wie wir Berliner sagen würden. Und dies aus zwei Gründen: Zum einen habe ich in der Provinz sehr schnell erkennen können, dass derjenige, der die viel belächelte Provinz real vor Tür und Fenster hat, ohne jeden Zwang aus der Virtualität schöpfen kann. Zum anderen bin ich hier im Weserbergland auf die Spuren der Brüder Grimm gestoßen. Bei uns in Brakel haben sie im sogenannten Bökendorfer romantischen Kreis zusammen mit Annette von Droste-Hülshoff und der Familie von Haxthausen mehr als 35 der deutschen Volksmärchen gesammelt. Was lag näher, als diese Tradition des Geschichtenerzählens in den Dienst der Türklinke zu stellen? Bösartige Zungen haben später einmal behauptet, wir seien zu einem Verlag mutiert, der ganz nebenbei auch noch Türklinken produziert.

Frage: Gibt es an einem so einfachen Gegenstand wie einer Klinke tatsächlich immer noch etwas Neues zu erfinden?
Jürgen W. Braun: Der Architekt Mario Botta hat genau diese Frage im Jahre 1986 bei unserem Design-Workshop mit dem Statement beantwortet, dass jede Generation nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht habe, sich selbst und ihre Umwelt samt aller Einrichtungen – und dazu gehören nun auch so banale Allerweltsartikel wie Türklinken, Messer und Gabel oder Zahnbürsten – neu zu definieren. Ich möchte hinzufügen, dass nur auf diese Weise der Fortschritt möglich ist. Wenn es anders wäre, würden wir übrigens der Zunft der Kunsthistoriker den Todesstoß geben. Denn diese Zunft lebt doch vom Klassifizieren: klassische Antike, Romanik, Gotik, Barock, Rokoko, Klassizismus, erste Moderne, zweite Moderne, Hightech, etc. Alle Produkte haben vor diesen unerschütterlichen Entwicklungsgeset-zen die gleichen Rechte.

Frage: Brauchten Sie einen privaten Ausgleich zum Beruf?
Jürgen W. Braun: Als gestandener Manager müsste ich Ihnen jetzt die Story vom 12-Stunden-Tag von Montag bis Samstag erzählen, von den Reisen, die bereits am Wochenende beginnen usw. Aber das können Sie ja in den dicken Managermagazinen nachlesen. Wichtiger als diese Stunden-Akrobatik erscheint mir meine eigene Erfahrung zu sein, dass man als Manager nur dann erfolgreich ist, wenn es den Unterschied zwischen dem privaten und beruflichen Leben gar nicht gibt, wenn also statt dessen die privaten und beruflichen Interessen deckungsgleich sind. Hierfür ein kurzes Beispiel. Als ich an einem Neujahrstag mit Freunden in Düsseldorf eine René Magritte- Ausstellung besuchte, fand ich gleichzeitig das Bildmaterial und Gedankengut für einen neuen Vortrag, der mit dem bekannten Schlüsselloch-Bild des Malers beginnt, durch die zerborstene Tür des Malers fortschreitet, um sich auf dem freien Bühnenplafond des Malers dann so richtig auszutoben. Da kann doch statt Bildungsstress nur Freude aufkommen, oder? Für öde Pflichtmittagstische, Herrenabende oder Handicap-Kämpfe auf dem Golfplatz bleibt bei dieser Art des Managens natürlich keine Zeit übrig.

Frage: Seit über zwanzig Jahren haben Sie entscheidenden Einfluss auf die Geschäftspolitik von FSB: Was hätten Sie gerne noch erreicht, was hätten Sie lieber anders gemacht?
Jürgen W. Braun: Als erstem Fremdmanager eines in langer Tradition stehenden Familienunternehmens waren meine Flügel insofern ein wenig gestutzt, als dass es zunächst einmal darum ging, den verstreuten Familienmitgliedern als Treuhänder ihres Vermögens zu beweisen, dass Fremdmanager nicht nur in der Lage sind, das Vermögen zu versenken, sondern es durchaus auch fertig bringen, das Vermögen zu mehren. Dieser Beweis ist meiner Generation gelungen. Hierauf aufbauend, werden meine Nachfolger die Chance bekommen, über den engen Zaun unseres Kerngeschäftes des Greifens und der Griffe hinauszulugen. Wir haben bereits gemeinsam einen Ausguck gebaut und mit Interesse in die Runde geschaut. Diese Zeitschrift ist ein Beispiel dafür.

Frage: Worauf sind Sie besonders stolz?
Jürgen W. Braun: Vom gleichen Turm aus sehen wir stolz die Museumsfahnen vor dem MoMA in New York wehen, wo vor wenigen Jahren die für uns sehr überraschende Entscheidung fiel, vier Türklinken des anonymen Industriedesigners Johannes Potente, eines Lehrlings, Werkzeugmachers, Ausbilders und Gestalters unserer zweiten Firmengeneration, in die wohl bekannteste und größte Designsammlung der Welt aufzunehmen. Aus der Provinz auf den Olymp. Wir freuen uns. Wir sind stolz auf unseren Johannes Potente.

Frage: Haben Sie Tipps für Ihre Nachfolger?
Jürgen W. Braun: Ich werde mich hüten, meinen drei Nachfolgern Tipps mit auf den Weg zu geben, denn ich kann mich noch zu gut an die Zeit erinnern, als ich vor 20 Jahren Nachfolger von zwei Gesellschaftergeschäftsführern wurde. Wir Alten haben das halt so an uns, aufgrund unserer Lebenserfahrung alles besser zu wissen. Warum sollen meine drei Nachfolger nicht im Sinne des echten »disegno« ihren eigenen Gestaltungswillen durchsetzen, so dass unser Unternehmen weiterhin seinen immer frischen Stallgeruch behält, der es vom Einerlei des Marktes unterscheidet?

Frage: Wie sieht Ihre Zeit nach FSB aus? Werden Sie einen ruhigen »Ruhestand« haben?
Jürgen W. Braun: In die Zeit meiner Regentschaft bei FSB fiel die Einführung der 35-Stunden-Woche, die ja unglaubliche Vorteile mit sich gebracht haben soll. Ich freue mich darauf, dieses Modell im Ruhestand testen zu dürfen. Ich werde versuchen, das schmale Zeitbudget gerecht zwischen klugem Schnacken in Beiräten und der Erziehung eines jungen Dackelwelpen zu verteilen. Es bleibt ja dann noch genügend Zeit für Schwarzarbeit im Garten übrig.

Interview: Beate Schwedler
Foto: Timm Rautert