W. Krinski: Kiosk für den Verkauf von Zeitungen und Literatur mit Agitationscharakter 1919 Papier, Bleistift, Buntstift © Staatliches Schtschussew Museum für Architektur Moskau

W. Krinski: Kiosk für den Verkauf von Zeitungen und Literatur mit Agitationscharakter
1919 Papier, Bleistift, Buntstift © Staatliches Schtschussew Museum für Architektur Moskau

Den in Vergessenheit geratenen Architekturentwürfen des WChUTEMAS widmet sich noch bis zum 6.April 2015 die gleichnamige Ausstellung Berliner Martin-Gropius-Bau. WChUTEMAS, oftmals als ‚russisches Bauhaus’ bezeichnet, war eine legendäre Kunstschule der Moderne in den 1920er Jahren. Die Ausstellung zeigt etwa 250 Werke, die in dem Zeitraum von 1920 – 1930 entstanden sind. Von Skizzen und Zeichnungen über Malerei bis hin zu Modellen von Lehrern und Studierenden der WChUTEMAS. Erarbeitet wurde die Ausstellung vom Staatlichen Schtschussew Museum für Architektur Moskau.

Hintergrund

1920 wurden diese ‚Höheren Künstlerisch-technischen Werkstätten‘ durch ein Dekret der Sowjetregierung gegründet. In acht Fakultäten (Produktionswerkstätten: Holz, Metall, Textil, Druckgrafik, Keramik; Kunstwerkstätten: Malerei, Skulptur, Architektur) wurden mehrere tausend Studenten unterrichtet. Einem Vorkurs mit völlig neuartigem künstlerisch-wissenschaftlichem Curriculum folgte ein mehrjähriges Studium. An dieser Schule unterrichteten berühmte KünstlerInnen und ArchitektInnen, deren Namen mit dem Durchbruch der russischen Avantgarde verbunden sind: wie El Lissitzky, Naum Gabo, Moissej Ginsburg, Gustav Klucis, Wassily Kandinsky, Nikolai Ladowski, Alexander Melnikow, Ljubow Popowa, Alexander Rodtschenko, Alexej Schtschussew, Warwara Stepanowa, Wladimir Tatlin, Alexander Wesnin. Man wollte mit Hilfe von Kunst und Architektur den

‚Neuen Menschen‘ formen und eine revolutionäre Erneuerung des Verhältnisses von Kunst und Gesellschaft verwirklichen. Doch der erbitterte Streit um den ‚richtigen’ Weg spiegelt sich auch in der Geschichte dieser Schule, seiner Lehrer und Studenten wieder. Die Architektur als ’synthetische Kunst‘ hatte dabei eine Schlüsselrolle inne. Diplomarbeiten und experimentelle Studienprojekte zeigen das enorme utopische und baukünstlerische Potenzial und veranschaulichen zugleich, oft zugespitzt, das Credo widerstreitender Architekturströmungen an den WChUTEMAS.

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M. Korshew: Abstrakte Aufgabe zur Ermittlung von Masse und Gewicht 1921 Papier, Tusche, Aquarell © Staatliches Schtschussew Museum für Architektur Moskau

Die Ausstrahlung der WChUTEMAS reichte weit über Sowjetrussland hinaus. Mit dem 1919 gegründeten Bauhaus in Weimar und später in Dessau gab es Beziehungen. 1925 stellten WChUTEMAS-Schüler auf der „Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes“ in Paris aus, neben ihren Lehrern Melnikow und Rodtschenko. Um den wissenschaftlichen Anspruch zu betonen, benannte man 1927 die Schule um in ‚Höheres Künstlerisch-Technisches Institut‘, WChUTEIN. Man wollte weg von der reinen Kunst hin zur industriellen Produktion. Radikal funktionalistische Zielsetzungen in Wohn- und Städtebau traten in den Vordergrund. 1930 wurde die Schule geschlossen. Die Architekturfakultät wurde mit dem Höheren Bauingenieur- und Architekturinstitut, dem späteren Moskauer Architekturinstitut verschmolzen. Die russische Avantgarde verlor ihren Einfluss und wurde zu Gunsten eines ‚Sozialistischen Realismus‘ radikal zurückgedrängt, konstruktivistische Konzepte waren im Rahmen der planwirtschaftlichen Anforderungen in Russland nicht mehr gefragt.

WChUTEMAS – Ein russisches Labor der Moderne: zu sehen bis zum 6. April 2015 im Martin-Gropius-Bau, Berlin