Bettina Rudhof, Architekturhistorikerin
Dr. Thomas Seibert, Philosoph und Autor

Ein Freiraum ist zunächst einmal ein offener, ein frei zugänglicher und deshalb auch ein Raum, den wir frei wieder verlassen können, ein Raum schließlich, in dem wir frei sind oder sein können. In seinem Unterschied zu einem geschlossenen oder gar verschlossenen Raum liegt schon, dass er selbst bald wieder geschlossen oder verschlossen werden kann und insofern ein bloß temporärer und transitorischer, ein Transitraum ist: ein Raum auf Zeit, ein Zeitraum im eigentlichen Sinn des Worts. Als ein solcher unterscheidet er sich allerdings nicht nur von einem geschlossenen oder verschlossenen, sondern auch von einem Schutzraum: Ein Freiraum ist immer ein ungeschützter Raum, im Äußersten sogar ein Raum, in dem wir schutzlos sind, in den hinein wir ausgesetzt wurden, ins Offene als in das Ungeschützte, Ungewisse und Unvermessene, zumindest noch nicht Vermessene.

Damit ist er kein Raum der Notwendigkeit und des Notwendigen, auch nicht bloß der Wirklichkeit und des Wirklichen, sondern der Möglichkeit und des Möglichen: dessen, was nicht eintreten oder ankommen muss, sondern eintreten oder ankommen kann, wenn wir dazu bereit sind. Ein besonderer Fall, vielleicht sogar der besondere Fall des Möglichen ist das Neue, mehr noch das Andere oder ganz Andere, in jedem Fall aber das Zufällige: Ein Freiraum ist ein Raum, in dem uns etwas zufallen, damit aber auch zustoßen kann. Er ist zugleich ein Raum, in dem es Platz gibt, in den wir etwas einbringen und hineinbringen können. Nimmt man beides zusammen, dann ist der Freiraum ein Laboratorium, als ein Raum, in dem wir etwas Neues und Anderes, bis dahin nur Mögliches zustande bringen können, mit Glück vielleicht sogar etwas bis dahin Unmögliches, Ungeahntes, Unvorhergesehenes oder sogar Unvorhersehbares.

Damit ist er auch der Raum einer Begegnung und also eine Begegnungsstätte: die Stätte, in der wir etwas Neuem und Anderem, uns bis dahin Unbekanntem und Fremden begegnen können. Weil dies auch ein Anderer und Fremder oder eine Andere und Fremde, also ein Gast sein kann, bezeugt sich die Freiheit eines Freiraums in der Gastfreundschaft. Gelingt die Begegnung mit der oder dem Anderen, dann ist der Freiraum auch die Stätte, in der wir unserem eigenen Anders-werden-Können, damit aber überhaupt erst uns selbst in unserer Freiheit begegnen können. Sie bewährt sich dann als die Freiheit, nicht länger so wie bisher bleiben zu müssen, sondern auch ganz anders werden zu können. Darin liegt dann aber noch einmal, dass ein Freiraum immer nur ein Raum auf Zeit sein kann, ein Raum, der seine Zeit gehabt haben wird: eine Zeit, die wir zu nutzen wussten oder die wir verspielt haben werden, im Offenen.