Philosophischer Exkurs über emotionale Verbindungen und ihren Wirkungskreis

Wenn Ihnen jemand sagt, dass es unendlich viele Dimensionen der Wirklichkeit zu entdecken gibt; wenn Ihnen jemand sagt, dass diese Dimensionen unser Selbst durch und durch bestimmen und wir sie doch zugleich selber mitgestalten; wenn Ihnen jemand sagt, es braucht dafür lediglich die Bereitschaft, sich von den Dingen und der Umgebung berühren zu lassen – im Guten wie im Schlechten; wenn Ihnen jemand sagt, dass dies der Schlüssel zum Glück ist – was tun Sie dann? In Zusammenarbeit mit dem Philosophen Niels Weidtmann ist ein Beitrag entstanden, der in vier Thesen zusammenfasst, was es heißt, die Dimensionalität der Wirklichkeit zu entdecken. 

Dimensionalität, Maßstäblichkeit und Größenverhältnis sind Begriffe, die nicht nur allen Architekten und Planern geläufig sind. Zweidimensionalität als Ebene, Dreidimensionalität als Körper sind in der architektonischen Praxis vertraut, die vierte Dimension als Zeitfaktor ebenfalls nicht unbekannt. Dimension als Grundkonstante in Mathematik und Physik ist etabliert und stellt hier die Basis für alles Folgende dar. Dr. Niels Weidtmann lehrt am Institut Forum Scientiarium an der Universität in Tübingen. Er hat sich in den vergangenen Jahren aus der philosophischen Perspektive heraus intensiv mit dem Dimensionsbegriff beschäftigt. Die Thesen, die er aufstellt, sind allgemein gültig für alles, was der Mensch, ganz gleich ob Architekt, Handwerker, Musiker oder was auch immer, tut. 

Zum näheren Verständnis ein kleiner Exkurs in die Selbstverständlichkeiten der Philosophie: 
Die Erkenntnis, dass die Wirklichkeit vieldimensional ist, ist in der Philosophie tatsächlich erwähnenswert, auch wenn es auf den ersten Blick banal und selbstverständlich klingt. Dimension meint hier freilich den Anschnitt der Wirklichkeit im Ganzen. In jeder Dimension zeigt sich die gesamte Wirklichkeit auf eigene und bestimmte Weise, weshalb sich die verschiedenen Dimensionen auch nicht zu einem gemeinsamen Raum ergänzen, sondern ineinander umspringen müssen. Dimensionen sind unendlich und in stetem Wandel. An diesem Wandel wirkt der Mensch mit. Für jede Dimension gilt es eine neue Definition zu formulieren. Alles steht in einer Dimension miteinander in Verbindung, und jede geringste Veränderung zieht weitere grundlegende Veränderungen nach sich.

Wir kennen den Domino-Effekt, der ganz unterschiedliche Ereignisse auslöst, je nachdem, wie der erste Stein aussieht: Ein freundlicher, hilfsbereiter Busfahrer, der einem Fahrgast hilft und ihn damit dankbar stimmt, dieser wiederum sehr höflich im Supermarkt um eine Information bittet und ein positives Gefühl bei seinem Gegenüber hinterlässt, das wiederum, nach einem angenehmen Arbeitstag, sein Kind ausgeglichen und fröhlich von der Schule abholt … Oder eben das Gegenteil. Der Busfahrer reagiert unfreundlich, verärgert den Fahrgast, dieser pampt sein Gegenüber an, welches entnervt das Kind abholt … 

Im Alltag schenken wir der Bedeutung dieser Erfahrung allerdings zu wenig Beachtung. Wir verkennen die Vieldimensionalität der Wirklichkeit und setzen dagegen die nivellierte Form einer einheitlichen Welt, in der die Dimensionen zu bloßen Maßstäben verkommen.

 

 

Nun zu den Thesen von Niels Weidtmann hinsichtlich Eigenverantwortung und Gewahrwerdung der Konsequenzen des eigenen Tuns.
Es muss uns darum gehen, die Wirklichkeit in ihrer Dimensionalität zu erfahren.
Nur dann gewinnt sie ihren spezifischen Sinn und geht uns unmittelbar an – das ist der Schlüssel des Lebens.

 

These 1:
Das Ziel jeden Handelns sollte es sein, ganz in eine konkrete Wirklichkeitsdimension einzutauchen. Dadurch gewinnt das zuvor flache Niveau unserer Erfahrung an Tiefe. Der Mensch lebt dann nicht in einer nivellierten und objektivierten Welt, sondern ist unmittelbar selbst von ihr betroffen und gemeint. Er blüht selbst auf.

Ein Cellospieler erreicht nur dann die Herzen seiner Zuhörer, wenn er aufblüht in dem, was er macht. Das reine Spiel, die Aneinanderreihung richtiger Töne, führt zu keiner Verbindung. Sobald er durch sein Spiel eine neue Dimension erreicht, spürt das auch der Zuhörer, der ebenfalls berührt wird und diese Berührung in seine nächste Handlung einfließen lassen wird. Möglicherweise. 

In der Architektur könnte das Beispiel so aussehen:
Wohnraum ist ungleich Wohnraum. Wir kennen den Stellenwert und die Qualitätsmerkmale wirklich guten Wohnraums, in dem der Mensch seine Individualität leben kann, in dem er sich sicher fühlt, einen verbindenden Kontakt zur Natur draußen hat. Ein Raum in einem Gebäude, das sich mit seiner Umgebung verbindet, seine Bewohner willkommen heißt und ihre Identifikation mit einem Zuhause ermöglicht. Wir kennen Wohnräume, die dies alles nicht erfüllen. Man könnte sagen, der Erschaffer hat sich nicht verbunden mit dem, was er da tat. Er hat in seinem Tun nicht der richtigen Wirklichkeitsdimension entsprochen. Profit stand vielleicht an erster Stelle. Und Bequemlichkeit. Gar Ignoranz oder Unvermögen?

 

 

These 2:
Eine neue Wirklichkeitsdimension entsteht durch eine kreative Handlung auf der Basis des Gegebenen, Vorhandenen.

Ein Künstler bedient sich der in der Realität gegebenen Materialien und findet darin etwas Neues, Nicht-Vorhersehbares. Indem er versucht, dieses Neue sichtbar zu machen, gewinnt er sein eigenes künstlerisches Können aus diesem Prozess. Das Neue, das in diesem Schaffensprozess entsteht, umfasst auch noch den Künstler selbst und bewirkt dadurch eine Änderung der Realität. Eine neue Wirklichkeitsdimension, die auch der Betrachter entdecken kann. 

In der Architektur ist es nicht anders: Architekten bedienen sich verschiedener „Materialien“ bei Entwurf und Planung eines neuen Gebäudes. Diese Materialien bestehen aus dem Ort, seiner Historie, vielleicht der Vegetation, natürlich dem gewünschten Zweck und den daraus resultierenden Funktionen. Des Weiteren werden die Handwerker mit ihren Fähigkeiten (übrigens auch sie mit ihrem Vermögen, sich ebenfalls mit ihrer Arbeit zu verbinden und darin eine neue Wirklichkeitsdimension zu sehen) und auch der Bauherr mit seinen Wünschen Teil der Materialitäten, derer sich der Architekt bedient. Im kreativen, verbindenden Prozess entsteht dann auch hier etwas Neues, das alles verändert: ein Ort mit dem neuen Gebäude, der Handwerker, der etwas Gutes geschaffen hat, der Nutzer, der einen Ort belebt, um womöglich selbst kreativ zu werden.

Jede Dimension ist aus Einzeldimensionen aufgebaut. Ein stets gleicher Aufbau, wie bei einer Fibonacci-Reihe: Die Dimension verändert sich, je nachdem mit welchem Abstand man das alles fokussiert. In der Philosophie spricht man davon, dass eine Dimension nicht das Vorkommende ordnet, sondern es in ein Zusammenspiel bringt.

 

These 3:
Mit dem Umschlag in eine neue Dimension ändert sich das Lebens- und Weltverständnis im Ganzen. Ich muss mich dafür (emotional wie körperlich und geistig) (be-)treffen lassen.

Nach der Geburt eines Menschenkindes ändert sich alles! Eine neue Wirklichkeitsdimension entsteht für die Eltern und einen engen Personenkreis. Der Fokus verschiebt sich, alles rutscht an einen neuen Platz, Prioritäten ändern sich grundlegend. Die Eltern selbst werden zu neuen Menschen, und mit diesem Kind zieht eine neue Quelle der Liebe in die Welt.

Gelingt es uns als Architekten, uns mit unseren Entwürfen und Gebäuden zu verbinden, uns berühren zu lassen von diesem Schaffensprozess, und entfachen wir bei den Betrachtern, den Nutzern ebenfalls ein Gefühl des Berührtwerdens, dann ist eine neue Wirklichkeitsdimension entstanden.

Die Fähigkeit zur Betroffenheit ist essenziell: Ich muss mich (be-)treffen lassen können/wollen. Nur mit der Inkaufnahme einer gewissen Verletzbarkeit kann ich mich aus der Sache heraus neu erfinden, kann zulassen, dass mich vieles berührt, kann mich mit Höhen und Tiefen immer weiteren Dimensionen hingeben oder sie neu erschaffen.

Es ist ein anstrengender, kräftezehrender Prozess, denn: „Die Lieb kann ohne Leid nicht sein.“ Dieses Thema von Tristan und Isolde gilt auch hier. Sich im Ganzen berühren zu lassen, sich einem kreativen Prozess hinzugeben, der grundsätzlich aus einem Wechsel aus Höhen und Tiefen besteht, bedarf einer grundsätzlichen Bereitschaft und eines gewissen Mutes. Jedoch: Vermeide ich es, mich von den Dingen und meiner Umgebung „betreffen“ zu lassen (und es liegt immer auch ein bisschen in der Natur des Menschen, es zu vermeiden, betroffen zu werden), bleibt mein Handeln an der Oberfläche, ich tauche nicht in die verschiedenen Dimensionen ein, ich lebe mein Leben weniger intensiv und gebe auch anderen nicht ein kleines „Mehr“ an Wirklichkeit.

 

 

These 4:
Wir nähren uns aus dem Gedanken, andere mit einem neuen Dimensionsgedanken anzustecken. Permanent versuchen wir uns in der Vermittlung der Wirklichkeitsdimensionen, in denen wir selber leben. Und es ist umso schmerzvoller, wenn es uns nicht gelingt, den Funken überspringen zu lassen!

Der Cellospieler hat es in diesem Fall relativ leicht. Menschen, die empfänglich sind für sein Spiel, kaufen sich Konzertkarten und lassen sich bewusst auf sein Spiel ein. Lassen sich, je nach Sensibilität, anstecken und mitreißen. Als Straßenmusikant wird es schon schwieriger. Die Vorbeilaufenden befinden sich in anderen Modi, es gibt nur einen sehr kleinen Time-Slot, in dem sie aus ihren Gedanken herausgerissen und eventuell verzaubert werden können.

Architektur zu schaffen ist ein komplexes Gefüge mit vielen Beteiligten. Architekten, Bauherren, Bauträger, Handwerker und auch Finanzträger können, wenn sie tatsächlich an einem Strang ziehen, gemeinsam etwas Großartiges schaffen. Voraussetzung dafür ist, jeden in seiner eigenen Wirklichkeitsdimension abzuholen, ihn emotional zu berühren und in ihm das Bedürfnis zu wecken, mit dieser Bauaufgabe auch für sich selbst eine neue Wirklichkeit zu errichten. 

Alles steht und fällt also mit der vorhandenen Bereitschaft und auch dem Anspruch, sich weiterzuentwickeln und durch mit Herzblut Geschaffenes andere zu erreichen. Die schlimmste Niederlage ist dann, wenn sich das Gegenüber nicht anstecken lässt, sich nicht anstecken lassen kann oder – im schlimmsten Fall – will. Man kann die Strategie zwar optimieren, die Zielpersonen bestmöglich abzuholen an der Position, an der sie sich gerade befinden, doch ob es gelingt, ist in der Regel nicht vorhersehbar. Und wenn dann ein Projekt scheitert, der Applaus ausbleibt, dann tritt das Leid an die Stelle der Motivation. Und man wird zurückgeworfen auf seine eigene Kraft, seinen eigenen Anspruch und seinen ganz eigenen Drang.

 

Es liegt bei einem selbst, ob sich der Anspruch, eine neue Wirklichkeitsdimension erfahrbar zu machen, beim nächsten Projekt wieder durchsetzt oder ob man sich mit weniger zufriedengibt. Ob aus Klängen Musik wird, die berührt, ob aus einem Haus ein wirkliches Heim und aus Mühe Leidenschaft wird.

 

 


Abbildungen: Fraktale Dimensionen

Der Begriff „Fraktale“ stammt von Benoit Mandelbrot (1975) (lat. fractus: gebrochen, von frangere: brechen, in Stücke zerbrechen), der natürliche oder künstliche Gebilde oder geometrische Muster bezeichnet, die einen hohen Grad von Selbstähnlichkeit aufweisen. Die Struktur von Fraktalen wiederholt sich immer wieder – allerdings verkleinert. Vergrößert man umgekehrt Teile der Figur, so stößt man stets auf die gleiche Grundstruktur und dieses Vergrößern kann beliebig oft geschehen. So entstehen Gebilde, die sich feiner und feiner verästeln oder falten und die auf jeder Vergrößerungsstufe eine weitere filigrane Verästelung aufweisen. In der Natur finden sich viele dieser Phänomene. Der metaphorische Stellenwert von Fraktalen in der modernen Architektur ist nicht unbeträchtlich. Selbstähnlichkeiten, die bei Fraktalen auftreten, erlauben die Verwirklichung neuer und subtilerer Formen von Symmetrie, derer man sich vor wenigen Jahrzehnten in diesem Ausmaß nicht bewusst war. „Der Teil wird zum Abbild des Ganzen“ ist ein sehr weitreichendes Gestaltungsprinzip, das immer wieder von zeitgenössischen Architekten aufgegriffen wird (vgl. Arbeiten von D. Libeskind, F.O. Gehrey, Ch. Jencks, P. Eisenmann u.a.).