Otl Aicher (links) mit dem damaligen FSB-Geschäftsführer Jürgen W. Braun bei der Arbeit auf Aichers Bauernhof in Rotis im Allgäu.

Otl Aicher hat in den 80er-Jahren für FSB die „Vier Gebote des Greifens“ entwickelt, die für die Beurteilung guten Klinkendesigns fortan als Richtschnur dienen sollten: Daumenbremse, Zeigefingerkuhle, Ballenstütze und Greifvolumen. Peter Schubert hat auch über Aicher einen Film gedreht, Titel: „Otl Aicher, der Denker am Objekt“.

Filme von Peter Schubert zur Gründungs- und Wirkungsgeschichte der legendären Hochschule für Gestaltung Ulm
In den 1980er-Jahren hat FSB sein Tun und Handeln unter der geistigen Führung des HfG-Mitbegründers Otl Aicher grundlegend hinterfragt und bis heute gültige Leitsätze entwickelt.
Es entstand eine Designkultur, die neben der Auseinandersetzung mit der Herkunft und Tradition des Unternehmens auf der Kulturgeschichte der Türklinke und der des Greifens basiert.

In seinen Filmen der edition disegno lässt Peter Schubert die Menschen, die maßgeblich und ausgehend von der HfG an der bewussten Gestaltung der alltäglichen Dinge mitgewirkt haben, wieder lebendig werden.

Sie haben in den 1960er-Jahren an der Hochschule für Gestaltung in Ulm studiert. Was ist Ihnen aus Ihrer Studienzeit in Erinnerung geblieben?
Das Studium an der HfG und dem Ulmer Filminstitut war die prägendste Zeit meines Lebens. Die HfG hat nicht nur Ausbildung, sondern Bildung vermittelt. Die Dozentenschaft war Teil der geistigen Elite in Deutschland. Trotzdem herrschte auf dem Kuhberg in Ulm ein „freier Geist“. Otl Aicher gründete die HfG zusammen mit seiner Frau Inge Aicher-Scholl und Max Bill in der Absicht, dass auch durch die Gestaltung der alltäglichen Dinge die Zeit der Nazi-Diktatur überwunden werden könnte, um so zur Entwicklung einer neuen kritischen, demokratischen Gesellschaft beizutragen. Dazu passten ganz hervorragend die Ideen der „Oberhausener Filmrebellen“, die 1960 in ihrem Manifest erklärt hatten: „Papas Kino ist tot!“ Sie waren unsere Lehrer. (…)

Wie sind Sie an die Hochschule gekommen, und warum haben Sie dort Film studiert?
Ich bin in Ulm aufgewachsen und kannte die HfG von ihren Faschingsfesten. Sie waren berühmt und berüchtigt, weil es dort Live-Jazz gab – damals war das etwas Außerordentliches, und weil auf dem Campus männliche und weibliche Studenten zusammen wohnen konnten. (….). 1962 gründeten Alexander Kluge, Edgar Reitz und ein Teil der Oberhausener Filmrebellen die Filmabteilung an der HfG. Die jungen deutschen Filmemacher rebellierten gegen das sogenannte „Schnulzenkartell“ der UfA-Altfilmer, die mit Filmen wie „Die Fischerin vom Bodensee“ oder „Der Förster vom Silberwald“ die unpolitische, kitschige deutsche Kinoszene der Nachkriegszeit beherrschten. Die jungen Filmer forderten inhaltliche und formale Experimente und dass sich der deutsche Film mit der jüngsten deutschen Geschichte und der politischen Gegenwart auseinandersetzen sollte. Das fügte sich in die von Otl Aicher konzipierten Ziele der HfG ein. Dem an der HfG zwischen verschiedenen Dozentenlagern herrschenden Richtungsstreit bin ich durch den Wechsel in die Filmabteilung entkommen. (…)

Peter Schubert in seiner Starnberger Altbauwohnung mit dem berühmten Hocker von HfG-Gründer Max Bill. (Foto: Michela Morosini)
Peter Schubert ist Autor, Regisseur und Produzent von 150 Filmen. Er hat bei Alexander Kluge und Edgar Reitz am Institut für Filmgestaltung der Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG) Film studiert und sich dabei eine Haltung angeeignet, die seine Dokumentarfilme besonders macht. Seine Werke wurden mit zahlreichen deutschen Preisen ausgezeichnet, allein vier Mal mit dem Adolf-Grimme-Preis. Peter Schubert drehte mehrere Filme über die Gründungs- und Wirkungsgeschichte der HfG, in denen ihre kulturelle Bedeutung, die Langzeitwirkung der Ulmer Schule, die Überzeugungen ihrer Protagonisten, ihre Projekte und ihre Partner thematisiert werden. Mit der durch FSB ermöglichten Digitalisierung von sechs dieser Filme wird nun auch ein Stück deutscher Designgeschichte wieder lebendig.

Gab es damals schon Filme über die Hochschule für Gestaltung?
Da legen Sie den Finger in eine Wunde. Wir haben so gut wie nie an der Schule selbst gedreht, es gibt insgesamt nur eine einzige und obendrein sehr kurze Filmsequenz, die sich einem Gestaltungsprozess, dem Entwurf eines Schlachtermessers, widmet – mehr nicht. Ich bedauere es heute unglaublich, dass wir unseren eigenen Alltag nicht dokumentiert haben.

Wie kam es dann zu Ihren Filmen über das Vermächtnis der HfG?
Ich habe mein Studium 1966 abgeschlossen, danach war ich noch einige Jahre als freier Mitarbeiter am Institut für Filmgestaltung. Doch erst nachdem die Hochschule längst geschlossen war und ich schon längere Zeit als freier Filmer erfolgreich gearbeitet hatte, kam mir die Idee, der HfG einen Film zu widmen. Ich machte mich also auf die Suche nach Protagonisten, Projekten und Unternehmen, in denen die HfG noch nachwirkte. Während meines Studiums wurde meine Liebe zu „gutem Design“ geweckt.(…). Und wenn ich einen Türgriff anfasse, prüfe ich, ob der Griff die von Otl Aicher aufgestellten „4 Gebote des Greifens“, wie die Klinken von FSB, erfüllt. So entstanden meine Filme der edition disegno.

Ihre Filme dokumentieren Grundsätze der Gestaltung, die Sie auch mit Protagonisten wie Otl Aicher oder mit Beispielen aus Unternehmen wie FSB oder Lufthansa, den Olympischen Spielen oder der Entwicklung einer neuen ICE-Generation erläutern. Das Erstaunliche aus heutiger Sicht ist, dass viele der aufgegriffenen Themen mehr denn je relevant sind für Fragen der Gestaltung…
Das stimmt. Und es liegt eindeutig auch an der radikalen Konsequenz von Menschen wie Otl Aicher, der zu keinem Kompromiss in Gestaltungsfragen bereit war. Für manche seiner Kunden war er ein gnadenloser Diktator, er hat ihnen in der Regel meistens erstmal geraten, über sich selbst nachzudenken. (…)

Obwohl der Designbegriff heute omnipräsent ist, wird er oft als Verpackung oder Dekoration missverstanden. Wie lebendig ist die Haltung der HfG in Ihren Augen?
Es gibt immer noch Unternehmen, die von der Ulmer Haltung geprägt sind und sie weitertragen und dem Motto des Bauhauses, „dass das Ornament ein Verbrechen ist“, huldigen. FSB zum Beispiel setzt immer noch auf die ergonomische Qualität des Entwurfs und die ökologische Wertigkeit der Materialien – der Einfluss Aichers ist nach wie vor präsent (…). Umweltschutz war schon an der HfG ein Thema, als die übrige Gesellschaft noch nichts davon wusste oder wissen wollte.

Wie kommt es, dass Ihre Filme nun digitalisiert werden?
Meine Filme waren nach ihrer Ausstrahlung im Fernsehen nur auf VHS-Kassetten verbreitet. In den letzten Jahren bekam ich immer mehr Anfragen, etwa aus den Hochschulbibliotheken, ob meine Filme nicht auch endlich digital zur Verfügung stehen würden. Ich freue mich deshalb sehr, dass ich in FSB einen Partner und Sponsor gefunden habe, der mir hilft, diese Nachfrage zu erfüllen. (…). Vielleicht machen die Filme die Geschichte der HfG ja wieder mehr präsent!

Welches ist Ihr Lieblingsfilm?
Einer meiner wichtigsten Filme ist für mich „Otl Aicher, der Denker am Objekt“. Er ist kurz vor seinem tragischen Tod entstanden. Aicher hatte sich lange geweigert, vor einer Kamera Rede und Antwort zu stehen. Er sei ein „homme de lettre“, meinte er. Doch es gelang uns, ihn zu überzeugen, vielleicht, weil ich ehemals Student bei ihm war. (…) In meinem Film bleibt er lebendig.

FSB lädt zu mehreren Filmabenden mit Peter Schubert ein, Info unter:
www.fsb-blog.de/peter-schubert

Die DVD-Edition mit sechs Filmen, die FSB gemeinsam mit Peter Schubert aufgelegt hat

Interview: Sandra Hofmeister