Die Architektur-Biennale in Venedig im Rückblick

Nicht ganz zu Unrecht proklamierte Rem Koolhaas dieses Jahr bei der Architektur-Biennale in Venedig den ‚Tod der Architektur‘. Man kann ihm in weiten Bereichen sogar zustimmen (nicht nur angesichts des langsam versinkenden Venedig) – der Verlust an Aussagen und Inhalten in der zeitgenössischen Architektur ist beängstigend.

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Seien es nun die – fast babylonisch anmutenden – Türme im Nahen Osten oder die Hochhäuser in London oder New York, der Dekonstruktivismus oder die fantastisch technoiden, im Wochenrhythmus erscheinenden Bauten einer Zaha Hadid, die einem wild gewordenen Computerprogramm entsprungen zu sein scheinen – all diese Schöpfungen entstehen aus dem Streben nach „höher, besser, weiter, technischer, teurer“. Ein selbstreferenzieller Wettbewerb der Superlative. Bombastische Bauten, in denen der Mensch keine Rolle mehr spielt.

Denn – und das haben wir scheinbar großteils bereits vergessen – Architektur ist – von Anbeginn an – „shelter“ und hat somit eigentlich eine Funktion als Schutz der menschlichen Existenz. Dem Menschen diente sie – seit urdenklichen Zeiten – als Schutz und Sicherheit vor dem Wetter, vor wilden Tieren und auch vor sich selbst, also vor den ‚Feinden‘. Nach der Entwicklung der Architektur aus der Höhle heraus entstanden Gemeinschaften, Verbände, kleine Siedlungen – das Gebaute hatte aber immer noch die existenzsichernde Absicht, etwas zu (be)schützen. So gesehen ist Architektur etwas sehr Elementares, etwas, das – da es ja auch eine Erweiterung des eigenen Körpers darstellt – sehr persönlich ist und auch immer individuell geprägt war.

Das Material oder die Beschaffenheit und somit der ‚ästhetische‘ Ausdruck spielten da eigentlich keine oder nur eine untergeordnete Rolle, sofern man die Grundfunktion des Schutzes in seiner metaphysischen Bedeutung aufrechterhalten und in den Vordergrund stellen will.

Wir müssen feststellen, dass sich die Architektur (als beschirmende Kunst) von ihrem ursprünglichen Sinn entfernt hat. Sie ist zu einem Medium der Technik, der Industrie, des ‚Gefallens‘ und somit zu einem Handlanger des Verfalls geworden. Keine Rede von einer, fast demütigen, Haltung des ‚Bewahrens‘ und ‚Schützens‘. Kann man also mit Recht behaupten, dass – in Anbetracht der heutigen Architekturen (mit wenigen Ausnahmen) – unsere Gesellschaft nur noch an Äußerlichkeiten interessiert ist, dass die Menschen einem Bild nach oder zu einem Bild (der Architektur) hinlaufen, dass die Architektur ‚tot‘ ist?

nes_02Auch die Zeit der Fragen ist vorbei – Koolhaas meinte bei der Pressekonferenz zu einem Journalisten: „Stop asking questions!“ Vielleicht hat er deshalb seinen Fokus – im Gegensatz zur Biennale 2012, bei der ja die Bildmächtigkeit im Vordergrund stand – auf die „Elements of Architecture“, die er im Zentralpavillon in den Giardini zeigt, gelegt. Sein Leitsatz – „Jeder Architekt ist ein bisschen schizophren. Er hat immer seinen einen Fuß in der 5.000 Jahre alten Geschichte der Architektur und den anderen in der Technologie der Zukunft.“ – charakterisiert den Aufbau der Ausstellung recht treffend. Die museale Auflistung der Architekturelemente ist vielleicht das einzig real Existierende, das uns in einer Welt der Digitalisierung bleibt. „Die Ausstellung bringt alte, vergangene, gegenwärtige und zukünftige Versionen der Einzelelemente, die Räume schaffen, zusammen. Um divergente, verschiedene Erfahrungen und Wahrnehmungen zu erzeugen, haben wir hier Archive, Museen, Fabriken, Laboratorien, Mock-ups und Simulationen erzeugt.“, erklärte der Kurator bei der Führung anlässlich der Eröffnung der Architektur-Biennale 2014 sein Konzept.

Er teilt die Elemente in 12 Gruppen ein: Boden, Decke, Wand, Bad, Fassade, Balkon, Fenster, Tür, Gang, Herd, Dach und Stiege. Der etwas labyrinthische Aufbau der Ausstellung steht nun auch im Zusammenhang mit der Vielzahl dieser „Elements of Architecture“. Man muss sich Zeit nehmen, Muße haben, und dann kommen die Aha-Erlebnisse. Wer wusste, dass die Burg Hochosterwitz im 16. Jahrhundert bereits eines der ausgefeiltesten Sicherheits- und Überwachungssysteme besaß? Über einen ganzen Berg verteilt? Heute wird diese gesamte Technik in einem kleinen PC versteckt, an Security Checkpoints oder von der Haustechnik angewendet, und diese unsichtbare Schwelle ist noch weniger unüberwindbar als damals ein ganzer Festungsberg.

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Die Ausstellung enthält eine große Anzahl von wirklich sehenswerten (Museums) Stücken: Die Sammlung originaler (Holz-)Fenster aus England, Modelle chinesischer Gebäude (aus holländischen Museen), eine Sammlung von WCs, die von Marmortoiletten aus einem Stück aus Rom bis zu einem Hightech-WC aus Japan reicht (dieses sollte man als Datenschutzfanatiker lieber nicht benutzen, da es anhand der Gerüche und Ausscheidungen Cholesterinwerte, Ernährungsgewohnheiten und andere Eigenheiten des Benutzers analysieren und speichern kann). Echte Mauern aus Ziegel, mit Lehmputz, Kalkputz oder ähnlichem versehen, Schilfmatten als Putzträger – wer kennt das noch respektive sieht das je in natura? Eher schon die sich in bewegende Membranen verwandelnden, Hightec-gesteuerten Architekturelemente der Zukunft.

nes_05Man kann natürlich diese Zusammenstellung auch als Ausstellungskatalog der Bauwirtschaft betrachten, als etwas für die ‚einfachen‘ Geister, aber vielleicht reibt uns Koolhaas nur die Realität des Baugeschäfts unter die Nase? Diesen Ansatz zeigt er sehr deutlich im großen Eingangsraum des Pavillons unter der – kürzlich, restaurierten und mit Fresken versehenen – Kuppel. Oben in der Kuppel eine ‚tolle‘ Architektur, hehre Kunst – darunter eine Ansammlung von Geschwüren und Gedärmen, Kameras, Sensoren, Sprinkleranlagen, Kabel, Lüftungsrohre und jede Menge Leitungen, getrennt vom Menschen durch eine Schicht aus Gipskartonplatten. Mit dieser trivialen, aber doch hintergründigen Zurschaustellung des Inneren der Architektur weist er uns darauf hin, dass der Raum über der sichtbaren Decke nicht mehr vom Architekten oder der Architektur bestimmt wird, sondern dass dieser Bereich den Installationstechnikern und Gebäudemanagern gehört. Und wir Nutzer uns nur noch mit der rasterförmigen Untersicht zufriedengeben müssen.

nes_06Hier wird deutlich und stimmt nachdenklich, dass der Architekt nicht mehr wirklich in die Entscheidung der einzelnen Architekturelemente eingebunden ist – Fenster, Türen, Böden und Fassadenelemente werden aus dem Regalfach der entsprechenden Baumärkte entnommen. Welche Existenzberechtigung hat dann noch heute der Architekt oder die Architektur?

Kritik klingt auch an, wenn man die Abteilung „Stiegen“ betrachtet: Einst waren es Elemente, die den sozialen Stand und Rang des Bewohners repräsentierten – geschwungene Freitreppen, Palasttreppen. Heute sind sie von Gesetzen und Sicherheitsvorschriften bestimmt, gestaltet und standardisiert. Balkone, die früher als Ausdruck einer Macht oder Politik benutzt wurden, sind heute Anhängsel der Architektur zur Erzielung von Profit oder Begründung für Wohnbauförderung. Oder die Fenster: Wo ist die Handwerkskunst und Fertigkeit der Tischler geblieben – angesichts eines Roboters der IKEA-like ein zigtausendfaches Öffnen vorführt?

Manchmal kann man sich des Eindrucks eines gewissen Zynismus oder Resignation des Kurators nicht erwehren. Es scheint, als ob man in den Labyrinthen der Gänge (zum Thema „Türen“) einen Durchgang durch die Koolhaas’sche Psyche mitmacht. Verkündet er vielleicht wirklich das Ende der Architektur?

 

Die Pavillons

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Die ‚Fundamentals‘ unserer Architektur, die von jedem Architekten immer und überall verwendet werden, sind ein unsicheres Gemenge aus heterogenen Einflüssen wie Zeitgeist, Technik, Wirtschaft und auch Mythologie. Diese Aussage ist spätestens nach dem Durchgang durch den Hauptpavillon klar und lässt sich auch an einigen der anderen Länderpavillons ablesen.

Eine ganz eigene, sehr parodistische Veranstaltung war „Fair Enough“ im russischen Pavillon. Wer sich nicht mit den 20 Kojen ausführlich beschäftigte, verstand gar nichts. Aber dem Interessierten erschloss sich bei den Gesprächen mit den einzelnen ‚Ausstellern‘ die selbstkritische, sarkastische Präsentation des russischen Bauwesens: Es wurden von fiktiven Baufirmen und Immobilienbüros etc. ebenso fiktive, teilweise absurde Vorschläge zum (Neu-)Bauen angeboten. Unter vielsagenden Namen wie Prefab Corp,  Dacha Co-oP, Estetika Ltd, Lissitzky, Ark-Stroy oder „The Russian Council for Retro-active Developement“ traten, oft sogar verkleidete, Protagonisten auf, die einen ‚Neo-Russia‘-Baustil verkauften.

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Die Amerikaner übertreiben – wie immer – in ihrem Pavillon: 1.000 Architekturprojekte von amerikanischen Firmen/Büros werden zur Schau gestellt. Jeweils mit Foto und ausführlichem Text zum Abreißen. Warum nicht gleich ein Telefonbuch?

Der tschechoslowakische Pavillon versuchte – ganz dem Motto von Koolhaas entsprechend – eine Bestandsaufnahme des Bauvolumens in den beiden Ländern über die letzten 100 Jahre. Herausgekommen ist die Tatsache, dass eigentlich – aufgrund von Kommunismus und Sozialismus – nur sogenannte Paneelbauten in den unterschiedlichsten Ausprägungen errichtet wurden. Insgesamt 2 Millionen Quadratmeter Wohnbauten!

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Deutschland präsentierte in dem – in der Zeit des Nationalsozialismus umgestalteten – Pavillon mit seinen viereckigen Säulen einen Nachbau des sogenannten Kanzlerpavillons bei Bonn. Vor dem Aufgang parkte dementsprechend eine schwarze Limousine, der letzte Dienstwagen von Kanzler Kohl. Durch die Verschneidung der beiden von unterschiedlichen Architekten geschaffenen Architekturen entstand ein dritter Raum, der mit den Erinnerungen der Besucher arbeitet, Erwartungen stört und andere bestätigt. Zwei Gebäude aus den letzten hundert Jahren verorten sich in einem und öffnen einen Assoziationsraum für die Diskussion über die (eigene deutsche) Geschichte.

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Kalt lief es einem beim Besuch des israelischen Pavillons über den Rücken. Große, sogenannte Sandprinter schufen mit maschinengesteuerter Präzision auf – extra aus der israelischen Wüste mitgebrachtem Sand – unablässig Grundrisse des Staatsgebiets mit allen projektierten und auch schon errichteten Siedlungen, Stadtgrundrisse und Wohnungsgrundrisse. Sie löschten sie wieder aus und begannen unbarmherzig von Neuem die israelische Siedlungspolitik mit einer spitzen Metallnadel in den Sand zu zeichnen. Gedanken wie „Aus Staub bist du geschaffen und zu Staub sollst du zurückkehren“ kamen mir genauso in den Sinn wie „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.nes_12 Ist es möglich, als Betroffener über die eigene Geschichte und Vergangenheit zu reflektieren, oder bedarf es dazu eines Außenstehenden, Dritten, um eine distanzierende Position zu erlangen? Angesichts des dauernden Wiederaufflammens von Gewalt im Gazastreifen, des Leids, das beide Bevölkerungsgruppen erdulden, kommen mir die Worte des verstorbenen Konfliktforschers und Psychologen Friedrich Hacker in den Sinn: „Gewalt ist jenes Problem, als dessen Lösung sie sich ausgibt“, und „Gewalt trägt 1000 Masken, mit Vorliebe jene der Moral und der Gerechtigkeit“. Wäre es nicht auch für die Israelis an der Zeit, die Struktur ihrer Siedlungspolitik und ihrer Architektur zu überdenken und eine Existenz miteinander statt eines Drüberbetonierens anzustreben? Oder es zumindest zu versuchen.

Der Schweizer Beitrag setzte sich mit den Arbeiten und Einflüssen des – im Sinne der Peripatetiker – spazierengehenden Architekturtheoretikers Lucius Burkhardt und des englischen Architekten Cedric Price auseinander, zweier Vordenker für eine ‚Architektur des Bescheidenen‘ und der Zurücknahme des Eigenen. Die Schau ist zwar im Sinne des Gesamtthemas recht gelungen, aber doch schwer fassbar. Warten wir auf das nächste Mal!

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Interessant ist auch der dänische Pavillon: Was haben Schmetterlinge, Quantenphysik, Poesie und Schmutz gemeinsam? Hier konnte man sich wundern, über einen Brief des Nuklearwissenschaftlers Niels Bohr an Einstein, man konnte die eigenen Zehen in Sand oder Kiefernnadeln stecken, den Geruch von Rinde oder Lehm wahrnehmen. Der Anspruch war, die vergessene Kraft der Ästhetik der Natur nicht nur für die Architektur, sondern auch für Literatur, Kunst, Natur und Wissenschaft wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Der österreichische Beitrag mit den ca. 200 um 90 Grad gedrehten und an die Wand gehängten Parlamentsmodellen der gesamten Welt ist vergleichsweise brav. nes_15Die Ausstellung nimmt Rücksicht auf die Struktur des Hofmann-Pavillons (der laut neuesten Erkenntnissen gar nicht von Hofmann, sondern eigentlich von Robert Kramreiter ist): ein klares Konzept, freie Gehfläche, links und rechts an den Wänden – wie eine Schmetterlingssammlung – die Parlamente. Das aufliegende Pocketbook gibt interessante Erkenntnisse über Demokratien und die einzelnen Parlamentsarchitekturen auf der ganzen Welt. Tiefer gehende Gedanken und Reflexionen vermisst man aber hier. Herausgerissen wird diese Show der „Places of Power“ jedoch durch die Interventionen von Auböck/Kárász und Kollektiv/Rauschen im Hof des Pavillons: Sie bringen mit dem Aufbrechen dieser gezeigten Suprastruktur eine lebendige Aktualität und den Bezug zur Welt in den Raum.

 

Arsenal

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Im Arsenal begibt man sich in der sogenannten Corderie, der ehemaligen Seilmacherei, in die „Monditalia“. Koolhaas hat den gesamten Saal dem Gastgeberland Italien gewidmet. Hier erschließt sich dem Besucher die ganze konzeptuelle Tiefe des Kurators. Eine Research-Biennale hat er angekündigt, und das ist sie auch geworden. Keine Selbstdarstellungsbühne für die großen Architekten der Szene, keine Show zum Konsumieren, zum Durchflanieren. Nein, es ist wahrlich keine ‚leichte Kost‘, die dem Besucher da geboten wird. Ein Durchgang ist definitiv zu wenig. Man ist erschöpft. Auf ca. 400 Meter Länge präsentiert sich ein ‚Scan‘ des Landes Italien, mit allen Schwächen, Versäumnissen, großartigen Leistungen – mit Filmen, Musik, Performance, eine Satire auf Berlusconi darf da auch nicht fehlen. Vom Süden in den Norden, bis an die österreichische Grenze reicht das Spektrum der Positionen. Die Halle ist großzügig der Länge nach durch transparente Stoffbahnen geteilt, so kann die eine Seite mit den über 80 Filmausschnitten ungestört neben der anderen mit den ca. 40 Stationen existieren. Jede der Stationen ist durch eine Bodenmarkierung mit geografischer Länge und Breite genau verortet. Die abteilenden und begleitenden Stoffbahnen sind mit der Landkarte Italiens bedruckt – der Schlauch der Corderie passt ganz gut für den ‚Grundriss‘ des Gastgeberlandes. Texte sind in englischer und italienischer Übersetzung bereitgestellt. Man muss sie aber lesen, sich darin vertiefen,  um interessante Details zu erfahren. Dass es zum Beispiel 14.000 Terroranschläge in den Zeiten der RAF in Italien gegeben hat. Das ganze Drama der Immigranten, die an der Südgrenze abgefangen und interniert werden, die Geschichte der Konzentrationslager im Faschismus, all die Geister der Vergangenheit. Aber auch Einzelpersonen wie ein Künstler, der aus Strandgut Möbel baut, kommen zu Wort. Eine Station der Hochgeschwindigkeitsbahn im nes_18Niemandsland wird zum Kunstprojekt, die Cinecitta wird ‚occupata‘, Pompeji zum Spiel von Bauklötzen aus Fundstücken. Immer wieder sind Bühnen, auf denen Theateraufführungen oder Tanz stattfinden, in den Weg eingestreut. Denn Koolhaas will auch die Kunst in die Architektur einbeziehen. Schließlich geht es um den Menschen, der Architektur macht und in und mit ihr auch sein Auskommen finden muss.

Es ist eine Darstellung voll von Selbstkritik, Tiefgang und Erkenntnissen, die auch einen neuen Angang in sich birgt – nicht umsonst schreibt man dem Kurator Rem Koolhaas eine Ausnahmestellung unter den heutigen Architekten zu.

Autor:
Peter Reischer, Journalist und Architekturkritiker