Leben und überleben

„Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt – die meisten Menschen existieren nur.“ Oscar Wilde

Was bedeutet Existenz? Existenz ist noch nicht Leben. Existenz ist Vorhandensein. Existenz ist die Grundlage, auf der sich leben lässt. Oder auch nicht.

Existenz ist ein Dauerthema, das in den Künsten immer wieder aufgegriffen wird. In Theater, Film und Musik, natürlich auch in der Literatur … Existenz und Leben sind facettenreich – wie definiert der Einzelne sein Leben als lebenswert? Was braucht es, um zu existieren – was, um zu leben? Die einen fallen kapitalistischen Mechanismen zum Opfer, die anderen sind zerrissen zwischen zwei Welten, zwei Identitäten. Die einen wissen nicht, was sie tun sollen, die anderen wissen es umso besser …

Mensch und Tier – auf dem Weg zur Schlachtbanknackte_existenz_02

Was aus einem, der leben will, eine richtiggehend „verkrachte Existenz“ machen kann, ist in unzähligen Worten niedergeschrieben worden. Als Günter Wallraffs Buch „Ganz unten“ Mitte der 1980er-Jahre erschien, brachte es dem Autor Drohungen und Schmähungen ein – er sei ein „sozialistischer Hetzer” und „Nestbeschmutzer”, hieß es. Wallraff hatte „undercover“ in verschiedenen deutschen Betrieben recherchiert und deckte in seinem Buch zahllose Missstände auf – Schikane am Arbeitsplatz, geringe Bezahlung, fehlende Sicherheitsvorkehrungen, Verletzungen der Menschenrechte, katastrophale Hygienebedingungen und vieles mehr. Unzumutbare Arbeitsbedingungen, die nicht zu einem guten Leben gereichten. Im Vorwort schrieb er: „Ich habe mitten in der Bundesrepublik Zustände erlebt, wie sie eigentlich sonst nur in den Geschichtsbüchern über das 19. Jahrhundert beschrieben werden.“ Mit seiner aufklärerischen Arbeit stand Wallraff in der Tradition des Pioniers des investigativen Journalismus, Upton Sinclair. Der hatte bereits vor über 100 Jahren „undercover“ in den Schlachthöfen Chicagos Material gesammelt, aus dem der 1906 erschienene Roman „Der Dschungel“ entstand. In dem eindrücklichen Buch geht es um die Ausbeutung der Arbeiter und die hygienischen Missstände in den Schlachthöfen und Konservenfabriken in den Union Stock Yards im ausgehenden 19. Jahrhundert. Täglich verschwanden dort Menschen, Arbeiter und Arbeiterinnen, die aufgrund mangelnder Sicherheitsvorkehrungen in den Sudkesseln landeten und einfach mit „verwurstet“ wurden. Am Beispiel einer litauischen Einwandererfamilie zeigt der Autor die verheerenden Folgen von Profitgier und Korruption auf: Als der gutgläubige, fleißige Protagonist Jurgis Rudkus nach einem Betriebsunfall seine Stelle in einem Schlachthof verliert, führt dies in einer Kettenreaktion zum Tod seiner Frau, zur Auflösung der Familie – und ihn selbst in Gefängnis, Obdachlosigkeit und Kriminalität. Ein unaufhaltsamer Prozess des sozialen und körperlichen Verfalls beginnt. Am Ende geht es für Jurgis Rudkus nur noch um seine nackte Existenz. Was ihm einst lieb und teuer war, hat keinen Platz mehr im Kampf ums Überleben. Erst die zufällige Entdeckung des Sozialismus eröffnet ihm neue Perspektiven – er entwickelt sich im Marx’schen Sinne hin zu einem bewussten Sein. Der Leser erlebt ein Wechselbad der Gefühle, verspürt geradezu die Kälte und den Hunger, den die Lohnsklaven erleiden müssen, wünscht sich ein Ende der Ungerechtigkeit. Folgerichtig löste der Roman heftige Reaktionen aus, die zwar zu mehr Sicherheit und Hygiene in den Schlachthöfen führten, aber die Ausbeutung der Menschen – und Tiere – ging weiter. Der enttäuschte Chronist Upton Sinclair, den Albert Einstein als einen der „selbständigsten und charaktervollsten Menschen und einen der schärfsten Beobachter unserer Zeit“ lobte, schrieb im Vorwort einer späteren Auflage, er habe auf das Herz der Menschen gezielt, aber er habe sie in den Magen getroffen. Der damalige Präsident Theodore Roosevelt, der sich gezwungen gesehen hatte, im Anschluss an die Buchveröffentlichung hinsichtlich der fleischverarbeitenden Industrie neue Gesetze zu erlassen, prägte eigens für den Sozialisten Sinclair den Begriff des „Muckrakers“ (Schmierfink). Das „Muckraking“ jedoch hat sich als wichtiges Mittel zur Aufdeckung politischer und gesellschaftlicher Missstände etabliert, und der Autor hat seinen Mitmenschen damit einen nicht zu unterschätzenden Dienst erwiesen. Die erschreckende und beklemmende Aktualität der Bücher Upton Sinclairs in Kombination mit seinem erzählerischen Stil machen aus seinen Werken lesenswerte Manifeste. Ebenfalls ein Manifest, wenn auch ganz anderer Art, ist das Werk Jean-Luc Godards, der mit modernistischem Kino gegen den cineastischen Mainstream anging. In einer Zeit, in der der Existenzialismus blühte …

Das ist das Ende – wirklich zum Kotzennackte_existenz_03

Paris. Jean-Paul Belmondo liegt am Boden, seine Flucht ist zu Ende. Seine letzten Worte: „C’est vraiment dégueulasse“ – er findet es echt zum Kotzen, dass seine (Liebes-)Geschichte so ein Finale hat. Sein Ende ist auch das Ende von Jean-Luc Godards erstem Langfilm „A Bout de Souffle“ (Außer Atem), einem Klassiker der Nouvelle Vague. Belmondo ist der kleine Gangster Michel, der nach einem Polizistenmord auf der Flucht ist. Er hat sich in die amerikanische Studentin Patricia (Jean Seeberg) verliebt und möchte, dass sie mit ihm das Land verlässt. Doch die unter Druck Geratene entscheidet sich für eine Zukunft in Frankreich und verrät ihn kaltblütig, woraufhin er von der Polizei gestellt und erschossen wird. Klingt banal, erhält aber durch die damals innovative Handkameraführung, die originellen Schnitte, das Drehen ausschließlich an authentischen Schauplätzen und das Zusammenspiel zwischen einem ambivalenten Anti-Helden und einem neuen Frauentypus, gleichermaßen intelligent und abgebrüht, seine Originalität und seinen Reiz. Inhaltlichen Mehrwert verleihen dem Film seine philosophischen Anklänge. Der Existenzialismus, getragen vor allem durch Schriftsteller wie Sartre und Camus, erlebte damals seine Hochzeit. Die „Muse der Existenzialisten“, die große Chanson-Sängerin Juliette Gréco, erklärte die Existenzphilosophie einmal in einem Interview folgendermaßen: „Der Existenzialismus ist eine Philosophie, die meinem Naturell bestens entsprach. Die Konfrontation mit sich selbst, die radikale Verantwortung für das eigene Leben, Reden und Handeln, zugleich aber auch die Verpflichtung für andere – das passte einfach zu mir. Der Existenzialismus half mir, meine Identität zu finden, so wie anderen Menschen der Glaube hilft. Meine Großmutter sagte immer: Die Religion ist ein Korsett, das dir hilft, dich aufrecht zu halten. Ich brauchte die Religion nicht.“ Godard bezieht sich in „Außer Atem“ vielfach auf den Existenzialismus – Dialoge zwischen Belmondo und Seeberg über das Leben an sich thematisieren damit zusammenhängende Fragen. So fragt Patricia: „Hätte ich zu wählen zwischen Leiden und dem Nichts, ich würde mich für Leiden entscheiden. Und du? Wofür würdest du dich entscheiden?“ Darauf Michel: „Leiden ist völlig idiotisch. Ich entscheide mich für das Nichts. Das ist zwar nicht viel besser, aber Leiden ist ein Kompromiss. Ich will alles oder nichts. Von diesem Augenblick an weiß ich es. Endgültig.“ Hier findet man den Bezug zu Camus’ „Mythos des Sisyphos“, in dem Sisyphos seine Strafe annimmt, sich aber nicht von seinem Leiden erschüttern lässt, sondern die Götter verlacht. Indem der Mensch sein absurdes Verhältnis zur Welt anerkennt, akzeptiert er sich als freies Wesen, so Camus’ Anschauung. Auch auf Sartres Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ wird in diesem Dialog referiert. Der Ganove Michel, unsicher, wie er sein Leben gestalten will, setzt es aufs Spiel – und stirbt, bevor er seiner Existenz Sinn geben kann. Das etwas schmalbrüstige Remake „Atemlos“ von 1983 mit dem etwas zu hübschen Richard Gere hält dem Vergleich mit dem Original nicht stand. Zu Recht zählt Godards Schwarz-Weiß-Werk zu den großen Titeln der französischen Filmgeschichte. Bunt hingegen geht es in dem Theaterstück „Call Shop“ zu, wenngleich es auch eine Schwarz-Weiß-Geschichte ist. Eine Geschichte, die von einem Leben zwischen Afrika und Europa erzählt und von der Schwierigkeit einer Existenz am Abgrund …

Zwischen zwei Welten – gefangen im Call Shopnackte_existenz_04

Nigeria: Öl und Diamanten bringen einer kleinen Minderheit Reichtum. Korruption, Zensur und die Missachtung von Menschenrechten verhindern, dass es eine gerechte Verteilung des Wohlstands gibt. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist groß, ebenso die Kluft zwischen Islam, traditioneller Religion und Christentum. Derzeit eskaliert die Gewalt in dem bevölkerungsreichen Land – wieder einmal. Nigeria ist ein zerrissenes Land. Zerrissen wie seine Heimat ist auch der Protagonist des Theaterstücks „Call Shop“. Lamidi, ein afrikanischer Student, hetzt in einem deutschen Call Shop von einer Kabine zur nächsten, immer wieder bricht die Verbindung zu seinen Verwandten ab. Er braucht einen neuen Pass. Sein Stipendium ist ausgelaufen, er wird vor Abschluss seines Studiums exmatrikuliert, und er hat panische Angst vor der Abschiebung. Doch von den Verwandten ist weder Verständnis noch Hilfe zu erwarten. Für sie hat er es geschafft – er lebt im Paradies Europa. Sie wollen Geld – er soll ihre Probleme lösen. Von seinen Problemen können sie sich keine Vorstellung machen, denn sie haben mit ganz anderen Nöten zu kämpfen. Lamidi ist unter Druck. Wie soll er allen Anforderungen gerecht werden? „Eine Existenz, viele Leben“ – so steht es im Pressetext zu dem Stück. Welches Leben kann Lamidi leben? Welche Richtung soll seine Existenz erhalten? Als er in seiner Ausweglosigkeit lautstark anfängt zu lamentieren über sein Leben ohne Nachbarn, ohne Freunde und ohne beheiztes Klo, versucht die Call-Shop-Angestellte Damika ihm Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Sie habe es schließlich auch geschafft aus Tschechien ins gelobte Land – nach 21 Tagen im Container. Sie offenbart ihm ihre Vergangenheit als Zwangspros-tituierte, die den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen hat. Eine weitere erschütternde Existenz, eine weitere Überraschung für den Theaterbesucher. Jubril Sulaimon, Verfasser des berührenden Stückes, das als Tragikomödie angelegt ist und durchaus einige Lacher parat hält, spielt die Hauptrolle selbst – lebendig, authentisch und mitreißend. Sulaimon, 1968 unweit von Lagos geborener und seit den 1990er-Jahren in Deutschland lebender Schauspieler, Tänzer, Musiker und Erzähler, hat sich vor zwei Jahren mit „Call Shop“ an dem Literaturwettbewerb „In Zukunft“ für Autoren mit Migrationshintergrund beteiligt – Anfang 2014 kam es zur Uraufführung des Stückes. Am Ende war der Hauptdarsteller schweißüberströmt und der Zuschauer mit einem neuen Blick auf Existenz und Leben von einem ausgestattet, der voller Hoffnung kam und nun voller Verzweiflung ist. Wie reagieren, wenn das Leben aus den Fugen gerät? Wie der Verzweiflung begegnen, wenn die eigene Existenz bedroht ist? Mit Vernunft? Pragmatismus? Glaube? Eine Antwort liefert Sulaimon nicht. Für viele Menschen liegt die Antwort im Glauben. In einer höheren Instanz. Von festem Glauben kündet die Musik Olivier Messiaens. Sein Werk ist voller Hoffnung, er selbst war ein Mensch, der selbst in Zeiten großer Verzweiflung den Glauben und die Lust am Leben nicht verlor.

Mystische Klänge – vom Ende der Zeit

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Vogelstimmen und Canyons, Wind und Wellen, Tag und Nacht, Sterne und ganze Galaxien – für den großen Komponisten Messiaen war alles Musik, konnte musikalisch komponiert werden und kündete durch seine bloße Existenz von Gott. Messiaen war gläubiger Katholik, möglicherweise half dem Franzosen dies, in deutscher Kriegsgefangenschaft das „Quartett auf das Ende der Zeit“ zu erschaffen, das zu einem der Schlüsselwerke der Musik des 20. Jahrhunderts avancierte. Selbst in Zeiten größter existenzieller Bedrohung, aber auch in sicheren Phasen seines Lebens war der Glaube an Gott für ihn Grund genug, mit seinem Schicksal nicht zu hadern.

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Franziskus predigt zu den Vögeln, Darstellung einer Legende aus den Fioretti von Giotto di Bondone, um 1295

Im Laufe seines Lebens reiste Messiaen viel, entdeckte Landschaften – eine große Leidenschaft hegte er für die Ornithologie: 700 verschiedene Vogelrufe konnte er unterscheiden, die Vögel waren für ihn „kleine Boten der immateriellen Freude“. Diese Boten vernimmt man auch in seinem eineinhalbstündigen Werk „Des Canyons aux Etoiles“, das 1976 als Auftragswerk für die 200-Jahr-Feier der USA entstand. Es spiegelt Messiaens Eindrücke aus den Canyons in Utah als beeindruckender orchestraler Klangteppich wider. Klavier, Streicher, Holz- und Blechbläser, Schlagwerker und Instrumente wie das Géophone, ein mit Sand und Steinen gefüllter Kasten, sowie eine Windmaschine versetzen den Zuhörer in die Natur, lassen ihn Tiere und Wetterphänomene wahrnehmen. Wenn er sich einsam in der Wüste wähnt, nur noch umgeben vom Winden, Rauschen und Rascheln, setzt Messiaen diesem Zustand die Großartigkeit und Unendlichkeit der Schöpfung entgegen. Damit führt er den Zuhörer hin zu den Kernfragen, die ihn selbst stets beschäftigten, auf die Spur von Transzendenz und Existenz …

Und was braucht es nun also, um zu existieren – was, um zu leben? Vier Beispiele für das Scheitern und das Reüssieren im Existenzkampf, aber natürlich keine allgemeingültige Lösung – zu unterschiedlich sind die Vitae, die Anforderungen, die an den Einzelnen gestellt werden, die Fähigkeiten und Unzulänglichkeiten des Individuums. Möglicherweise braucht es immer wieder Impulse, die der eigenen Existenz einen vermeintlichen „Sinn“ verleihen – sei es ein Vogelruf, eine politische Initiative, ein einschneidendes biografisches Ereignis, so profan es auch erscheinen mag. Nietzsche formulierte dazu: „Der Mensch muß von Zeit zu Zeit glauben, zu wissen, warum er existiert, seine Gattung kann nicht gedeihen ohne ein periodisches Zutrauen zu dem Leben!“

Autorin:
Verena Gaupp, Redakteurin/Journalistin (www.gaupp-text.de)