Was so poetisch klingt, wird unser Meetingpoint für Architekten

Der Palast des Botschafters, il Palazzo dell’Ambasciatore, ist ein wahres Kleinod inmitten Venedigs. Er greift, wie eine ganze Reihe spätgotischer Gebäude der Stadt, viele architektonische Stilelemente des Dogenpalasts auf und ergänzt sie mit kunsthistorischen Details wie etwa den beiden Schildknappen aus dem Quattrocento zwischen den Fenstern im piano nobile.

Doch nicht nur seine äußere Gestalt ist ein Spiegelbild der Blütezeit der Serenissima, auch die Innenräume des einst dem Gesandten des Heiligen Römischen Reiches als Amts- und Wohnsitz dienenden Bauwerks erzählen Geschichte und Geschichten, die stets das gesellschaftliche Leben der alten Handelsstadt beeinflussten.

Im 15. Jahrhundert erbaut für die vornehme Familie Loredan, war das Haus knapp 300 Jahre später über die Stadtgrenzen hinaus berühmt-berüchtigt. Berühmt für die außergewöhnliche Kunstsammlung des sächsischen Generals Graf Johann Matthias Schulenburg – einem Gefolgsmann Antonia Loredans –, der den Palazzo nach dem Sieg über die Türken samt Entourage bezog, berüchtigt für dessen ebenso illustre wie ausschweifende Festivitäten.
1752 endlich bot ein Nachfahre des Erbauers, der Doge Francesco Loredan, das Haus an der schmalen Gasse Calle dei Cerchieri dem Heiligen Römischen Reich als Botschaftsgebäude an – unter der Voraussetzung, es 29 Jahre lang instand zu halten. Schon damals war ein venezianischer Palazzo kostspielig im Unterhalt.
Erster römisch-deutscher Botschafter war Graf Philip Joseph Orsini-Rosenberg. Im fortgeschrittenen Alter heiratete dieser die äußerst temperamentvolle Signora Giustiniana Wynne, ihres Zeichens illegitime Tochter einer Einheimischen mit zweifelhafter Vergangenheit und eines Engländers sowie enge Vertraute Giacomo Casanovas. Wynnes verhängnisvolle Affäre mit dem Literaten, Patrizier und Architekten Andrea Memmo, dem legendären „Beschützer Paduas“, fesselt die Menschen noch heute. Ihre Geschichte verarbeitete Andrea di Robilant in seinem akribisch recherchierten, ergreifenden Roman „Maskenspiele – Eine venezianische Affäre“.

So blieb das Haus bis heute Teil jener Kulisse, in der seit Jahrhunderten das Stück „Venedig“ gegeben wird. Ein Stück, das seit Jahrhunderten fortschreitet, dessen Schauplatz dabei jedoch immer derselbe bleibt. Ebenso wie viele der Charaktere: Ladenbesitzer, Gondolieres, Fischhändler, Glasbläser und Aristokraten. Sie alle spielen die ihnen zugewiesene Rolle und hinterlassen für alle Zeiten ihre Abdrücke auf den pavimenti der Stadt.

Wir haben es Filippo Gaggia, dem heutigen Besitzer des Palazzo dell’Ambasciatore zu verdanken, dass wir für einige Tage den Geist der großen Geschichte der Stadt atmen dürfen – für kurze Zeit zu Statisten werden in dieser ewig jungen Aufführung. Statisten zwar, doch solche mit einem Logenplatz am Canal Grande.