BerührungsPUNKTE im Gespräch mit unserem Hausherrn Filippo Gaggia

BerührungsPUNKTE: Signore Gaggia, seit wann ist der Palazzo Loredan dell’Amba-sciatore in Ihrem Familienbesitz? Erzählen Sie uns ein wenig darüber und über Ihren Bezug zu diesem Gebäude? Haben Sie einen Lieblingsplatz in Ihrem Palazzo?

Filippo Gaggia: Der Palazzo ist seit den 1930er-Jahren im Familienbesitz. Er war das Hochzeitsgeschenk meines Urgroßvaters an meine Großmutter väterlicherseits. Mein Urgroßvater lebte in Rom, hatte aber geschäftlich in Venedig zu tun. Mein Lieblingsplatz im Palazzo? Habe ich einen Lieblingsplatz? Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber ich denke, mein Schlafzimmer mit Blick in den Garten und der Garten selbst. Es ist grandios, in Venedig einen Garten zu haben, in einer Stadt, in der es so viel Wasser, Häuser und gepflasterte Plätze gibt.

BeP: Ist es heutzutage sinnvoll, in Venedig eine Immobilie, z. B. als Wertanlage, zu kaufen? Oder ist es stets die Liebe zu dieser Stadt, die die Menschen zu solch einer Investition veranlasst?

F.G.:Es ist absolut sinnvoll, eine Immobilie zu kaufen! Und es ist beides: sowohl die Liebe zur Stadt als auch eine lukrative Investition. Der Immobilienwert ist in Venedig mit den Jahren stets gestiegen, und es ist sehr wahrscheinlich, dass man die Wohnungen das ganze Jahr hindurch vermieten kann.

BeP: Wie schätzen Sie den tatsächlichen Zustand der Bausubstanz in Venedig ein? Was wird mit den Gebäuden, Ihrer Meinung nach, in Zukunft passieren?

F.G.:Es gibt zurzeit viele Restaurierungsarbeiten in Venedig. Bis zu den 1970-er Jahren war die Stadt mehr oder weniger sich selbst überlassen. Es gab kaum Touristen, und die Gebäude verfielen. Mit dem Tourismus ist dann ein neues Bewusstsein um den Wert der Stadt entstanden.

BeP: Was wird aktuell unternommen, um Venedig vor dem Verfall zu schützen? Wie sehen Sie Venedig in ein paar Jahrzehnten? Es passiert wenig. Es gibt zwei amerikanische Privat-Stiftungen, die sich für den Erhalt von Venedigs Bausubstanz einsetzen. Die Gemeinde macht sehr wenig. Wie stehen Sie zum Tourismus in Venedig? Sehen Sie in ihm eher Fluch oder Segen?

F.G.:Der Tourismus ist ein Segen. Ich spreche hier allerdings von den Touristen, die sich ein paar Tage oder sogar Wochen in Venedig aufhalten, und nicht von den Tagestouristen, die als Invasion von den Kreuzfahrtschiffen einfallen. Diese Art von Tourismus ist eher ein Fluch, wenn man bedenkt, dass Venedig eine kleine Stadt ist.

BeP: Das ehemalige „Deutsche Handelshaus“ soll von seinem neuen Eigentümer „Benetton“ nach Plänen des renommierten Architekten Rem Koolhaas zum Einkaufszentrum umgebaut werden … Was halten Sie davon? Was wissen Sie darüber? Wie ist die allgemeine Stimmung bei den Venezianern dazu?

F.G.:Wenn es gut und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, ist das vollkommen in Ordnung. Allerdings soll in die Bausubstanz eingegriffen werden, indem eine Terrasse für ein Restaurant in das Dach ‚gegraben‘ werden soll. Das finde ich skandalös. Dieser Meinung sind viele Venezianer.

BeP: Wie nutzen Sie Ihren Palazzo? Wie und wo arbeiten Sie?

F.G.:Ich selbst wohne mit meiner Familie und unserem Hund im Mezzanin. Das ist ein Halbgeschoss zwischen dem Erdgeschoss und dem ersten Obergeschoss. Die Mezzanine der Venezianischen Palazzi dienten früher oft als Lagerraum der Handelsware, wie Stoffe und Gewürze. Die übrigen Etagen werden vermietet als luxuriöse und charmante Ferienwohnungen. (A.d.R.: Sehr charmant! siehe www.viewsonvenice.com)

BeP: Was weiß man über die Geschichte des Palazzo Loredan dell’Ambasciatore? Geben Sie uns einen kleinen Einblick in die Familiengeschichte?

F.G.:Der Palazzo wurde nach 1460 gebaut. Er heißt „dell’Ambasciatore“, weil dort der Botschafter der österreichischen Republik gelebt hat. Um 1716 war das Gebäude Sitz des Feldherrn Matthias von der Schulenburg aus Sachsen, der für seine Kunstsammlung bekannt und für seine illustren Dinner-Partys berüchtigt war.
Der Doge Francesco Loredan brachte 1752 den Kaiserlichen Botschafter Durazzo im Palazzo unter. Seit den 1930er-Jahren ist er in unserem Familienbesitz. Mein Urgroßvater hatte damals viel Geld verdient. Er gründete die SADE-Stromversorgung Italiens, die heutige ENEL.

BeP: Was ist Ihre Lieblingsstelle in Venedig? An welchem Ort in Venedig sollte jeder einmal gewesen sein, der Venedig zum ersten Mal besucht? Erlischt der Zauber, der von Venedig ausgeht, mit dem Alltag oder bleibt er Phänomen?

F.G.:Meine Lieblingsstelle ist der Rialto-Markt. Hier kann man die typische Atmosphäre der Stadt erleben. Die Piazza San Marco ist natürlich auch ein wunderschönes Meisterwerk der Architektur, aber dort sind zu viele Touristen. Am Rialto Markt findet man noch das alltägliche Leben und die Venezianer – das ist das Typische, das Venedig ausmacht. Venedig hatte immer schon und hat noch immer diesen Zauber – auch wenn man seinen Alltag hier verlebt. Wenn ich von Reisen und vom Festland heimkehre, ist es immer eine Freude, wieder hier zu sein.

BeP: Welchen Bezug haben Sie zu der hier stattfindenden „La Biennale“?

F.G.:Ich bin immer neugierig auf die Biennale. Zwar bin ich kein Kunstexperte, aber ich freue mich jedes Mal auf die Biennale, wobei ich die Architektur-Biennale noch interessanter finde. Für mich ist die Biennale das interessanteste Ereignis in Venedig.

BeP: Was halten Sie von dem BerührungsPUNKTE-Vorhaben, in der Biennale-Eröffnungswoche in Ihrem Palazzo einen Meetingpoint für Architekten zu schaffen? Kommen Sie auf einen Kaffee vorbei?

F.G.:Ich freue mich sehr darüber, dass ihr diesen Meetingpoint für Architekten in meinem Palazzo veranstaltet. Klar komme ich auf einen Kaffee vorbei, wenn ich da bin. (A.d.R.: Schließlich muss Filippo ja bei uns vorbei, wenn er aus dem Haus will. Es sei denn, er seilt sich aus einem Fenster ab.)

Lieber Signore Gaggia – wir freuen uns sehr, wenn wir uns Ende August in Ihrem wunderbaren Palazzo am Canal Grande begegnen und danken Ihnen für das Gespräch.