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Wer sind wir?
Wir Architekten? Stadtplaner? Kulturproduzenten?
Wir Aktivisten? Anwohner? Investoren?
Wir in einem Haus, einer Straße, einer Nachbarschaft, einer Stadt?
Wir in Italien, in Deutschland, in Europa, in der Welt?
Wir als Mehrheit, Minderheit, Gemeinschaft, Gesellschaft?
Wir als Generation, Klasse, Geschlecht oder Glaubensgemeinschaft?
Wir, die wir uns Wissen und Raum teilen? Exklusiv oder inklusiv?
Was haben WIR gemeinsam

Aktuelle Ereignisse in Europa, in Nordafrika oder an der Wall Street haben die Macht von Gemeinschaften, die Macht des WIR, gezeigt. Als Triumph in Tunesien und Ägypten, als andauernder Konflikt in Syrien oder als Krise in London oder Athen. Während sich im arabischen Raum hoffentlich neue demokratische WIRs festigen, scheinen heute in Europa etablierte WIRs immer wieder herausgefordert zu werden. Als gemeinsamer Grund für politische und soziale Prozesse haben sich dabei der öffentliche Raum und die Diskussion um die Freiheit, sich jederzeit neu zu erfinden und die Stadt dementsprechend umzugestalten, als zentral herausgestellt. Es ist somit hochaktuell, sich mit den Folgen und Herausforderungen dieser Entwicklung für Architektur und die gelebte Umwelt zu beschäftigen.

Das Ich, das Ego, ist ein wichtiges Wort in der Kunst und wohl auch in der Architektur. Kreatives Schaffen selbst ist oft kein demokratischer Prozess. Gestaltung kann jedoch zur Schaffung oder Bewahrung einer offenen, freien und demokratischen Gesellschaft beitragen. Architektur ist ein Spagat zwischen oft projektbezogener Formgestaltung und gesellschaftlicher Relevanz, jedoch kein Widerspruch: Ästhetik und Gebautes sind die Mittel der Architekten, ethischer Anspruch und Sinn für Gemeinschaft ihr Antrieb. „Architektur ist die Kunst der Organisation des Raumes, den wir uns teilen“, schreibt Paolo Barrata, Präsident der Biennale. Architektur versucht räumliche Antworten auf gesellschaftliche Fragen zu geben und Räume für das WIR zu gestalten. Diese Räume sollten dabei so beschaffen sein, dass sie offen bleiben für neue Möglichkeiten, Herausforderungen und zukünftige WIRs. Architektur ist eben nicht nur Antwort, sondern auch Frage im steten Wechselspiel mit der Gesellschaft.

Auf verschiedensten Ebenen können und müssen Architekten und Stadtplaner von den aktuellen Prozessen der alltäglichen Raumproduktion lernen. Denn es sind viele WIRs, die sich in ihren Interessen und Ansprüchen gerade auch räumlich überlagern. Und es werden mehr und sie verwandeln sich schneller. Dank Internet und mobiler Kommunikation entstehen temporär in kürzester Zeit neue WIRs: Fanclubs oder Flashmobs, demokratischer Widerstand oder gewalttätiger Protest. Diese verschiedenen WIRs können sehr mächtig werden, wie aktuelle Entwicklungen an den Finanzmärkten oder in den Londoner Vorstädten zeigen. Dabei werfen sie Fragen räumlicher Gerechtigkeit und der Möglichkeit zur Anteilnahme am öffentlichen Leben auf. Die Revolution in Ägypten und der Tahrir-Platz, Occupy! Wall Street und Zuccotti Park sind analoge Ereignisse, die nicht nur politische Machtstrukturen, sondern auch urbane Situationen und Zugänglichkeiten herausfordern. Architektur und Stadtplanung müssen sich als maßgebliche Gestalter der gebauten Umwelt Fragen sozialer Segregation, fairer Verteilung von Ressourcen, kultureller Integrität und neuer transdisziplinärer, transnationaler Netzwerke stellen. David Chipperfield schreibt dazu im Konzept zu seiner Biennale, dass die Rolle des Architekten, im besten Fall, die einer kritischen Fügsamkeit ist. Richtig, es gibt Mächtigere als den Architekten, er ist abhängig von Aufträgen und er sollte sich nicht übernehmen. Verantwortung trägt er trotzdem.

Was soll Architektur? Was kann sie? Was bedeutet Stéphane Hessels Essay „Empört Euch!“ für Architektur, was sind die räumlich-baulichen Konsequenzen der protestierenden Städter, der Bewohner der „Rebel Cities“, wie David Harvey sie nennt? Wie reagieren Architektur und Städtebau auf eine sich ändernde Welt? Sie fangen nicht bei null an. Die Stadt und die Geschichte bieten eine Fülle von Referenzen, die sich laufend erweitern und modifizieren, umgestalten, anfügen, rückbauen, umwerten, umdrehen, auf den Kopf stellen und so zu neuen Möglichkeiten werden. „Common Ground“ ist also nicht nur der gemeinsame Wissensraum der Architekten und die Geschichte der Architektur, sondern betrifft auch das Verhältnis zeitgenössischer sozialer, ökonomischer und ökologischer Herausforderungen zu räumlichen Strategien und Entwicklungen.

Matthias Böttger, raumtaktik


Matthias Böttger (1974), Architekt und Kurator. Seit 2003 raumtaktik – räumliche Aufklärung und Intervention. 2008 Generalkommissar des deutschen Beitrags „Updating Germany“ auf der Biennale in Venedig. 2007–2009 Stipendiat der Akademie Schoss Solitude. Wissenschaftliche Mitarbeit am Bauhaus Dessau, Universität Stuttgart und ETH Zürich. 2007/08 Gastprofessur für Kunst und öffentlichen Raum an der AdbK Nürnberg. Seit Juli 2011 künstlerischer Leiter des DAZ – Deutsches Architektur Zentrum in Berlin.