Die Architektin und Glaskünstlerin Daniela Schönbächler

Mit Venedig hatte Daniela Schönbächler ursprünglich wenig im Sinn. Die ersten Erfahrungen waren miserabel, die Meinung schnell gebildet. Eine groß angelegte Abzocke, völlig überlaufen, im Sommer heiß und schwül. Einmal kam sie wieder, nun im Winter.

Sich Venedig anzusehen war nun ein – wenn auch mäßig interessantes – Vergnügen. Die Idee, hier zu leben, wäre ihr zumindest als absurdes Ansinnen erschienen. Sie hätte sich London oder Istanbul vorstellen können, etwas Außergewöhnlicheres und vor allem etwas Kosmopolitischeres.

Im folgenden Jahrzehnt studierte sie unter anderem in Paris Architektur, wurde Mitarbeiterin im Atelier Mario Bottas und begann, ihren Fokus von Architektur auf Kunst zu verschieben. Glas war der Werkstoff, der sie besonders interessierte. Und wenn es um Kunst in Verbindung mit Glas geht, kommt man um Venedig kaum herum. Für die junge Künstlerin stellte sich Murano auf den ersten Blick jedoch als enttäuschend heraus. Die Glasbläser bilden eine hermetische, von Männern dominierte Gesellschaft. Doch das wirkliche Problem lag für Daniela Schönbächler darin, dass Glas auf Murano Mittel zum Zweck ist, als Werkstoff für Künstler aber nur sehr bedingt wahrgenommen wird.

Das änderte sich erst, als Daniela auf den Künstler traf, der Glas bereits seit langer Zeit als weit vielfältigeren Werkstoff begriff: Luciano Vistosi. Er war es, mit dessen Werk sie sich intensiv beschäftigt hatte, schon bevor sie einfach an seiner Tür klingelte und um ein Gespräch bat. Man nahm sie freundlich auf, und nach einer Weile meinte er: Solange sie in Venedig sei, solle sie doch hin und wieder vorbeikommen, um ein bisschen etwas zu lernen – das war 1993.

Vistosi meinte bei ihrer Abreise, falls es ein Projekt gäbe, bei dem er Daniela gebrauchen könnte, würde er sich melden. Tatsächlich meldete er sich einige Monate später bei ihr. Es folgte eine mehr als zehn Jahre dauernde Zusammenarbeit. Für Vistosi war die junge Künstlerin aus der Schweiz jemand, der den Weg, den er begonnen hatte, auf seine Weise weitergehen würde. Ihr konnte er als Mentor seine Erkenntnisse und Erfahrungen auf allen Ebenen der Schaffensprozesse vermitteln. Ihr brachte das Miteinanderarbeiten das langsame Begreifen von Glas – seine „flüssige“ Struktur, seine verschiedenen Farbnuancen, seine je nach Bearbeitung transparente oder transluzente Qualität, die jede Arbeit zu einem Vielfachen ihrer selbst macht, weil sie sich – als wäre es die Übersetzung Venedigs in einen Werkstoff – mit der Perspektive des Betrachters und dem Lichteinfall verändert. Sie lernte, dass man bei Glas nicht nur mit der Oberfläche arbeitet, sondern vor allem mit einer Tiefe, die sich bei keinem anderen Material finden lässt. Sie lernte, das faszinierende, schwer zu verarbeitende Material zu verstehen und mit ihm eine Aussage, ein intellektuelles Konzept auszudrücken.

Über der Arbeit verlor Daniela Schönbächler das Missbehagen gegenüber Venedig. Anfangs empfand sie die Stadt als Bühne für ein eher langweiliges Stück. Andererseits, erzählt sie, war Venedig genau aufgrund dieser gewissen Langeweile immens wichtig für ihre Entwicklung, weil sie sich selbst in dieser eigentümlichen Aura nicht entkam. Allein die Tatsache, dass man mehr oder minder alle Wege laufen muss, zwingt fast zur Selbstreflexion.

Gleichzeitig ist Venedig wie eine große Wohngemeinschaft. Man begegnet einander ständig, grüßt sich, wechselt ein paar Worte. In der Stadt des Handels hat sie auch die Erfahrung gemacht, dass freundschaftliche Annäherungen genau kalkuliert werden: Lade ich dich einmal ein, lädst du mich einmal ein. Habe ich dich zweimal eingeladen und du mich nur einmal, geht die Bilanz leider nicht auf. Die beginnende Freundschaft löst sich wieder in freundliche, aber unverbindliche Beiläufigkeit auf. Vielleicht jedoch hat das weniger etwas mit Venedig zu tun als mit eigenen Phasen eines gewissen Einzelgängertums und damit, dass Beziehungen eben einfach kommen und gehen.

Ihr Arbeitsalltag beginnt mit einem caffè an den Fondamente Nove, bevor sie den Rest des Tages in der Werkstatt verbringt. Das birgt die Gefahr, dass man, eingebunden in dieses Rad des immer gleichen Tagesablaufs, faul wird. Wenn Daniela das Gefühl hat, so statisch wie die Stadt selbst zu werden, dann muss sie wieder hinaus und nach London – wo sie auch einen Wohnsitz hat – oder in ihrem neuen Atelier in der Schweiz arbeiten. Doch bei allen Vorbehalten: Venedig ist einfach schön, und für eine bildende Künstlerin birgt es Bewegung und optische Veränderung in unzähligen Details. Venedig, die Stadt, in der Veränderungen niemals spektakulär sind, sondern von einem sublimen Licht bedingt werden.

Im Mai 2010 starb Luciano Vistosi, sein Atelier wurde geschlossen und Daniela Schönbächlers Zukunft in Venedig stand mehr denn je in den Sternen. Sie war sich nicht sicher, ob sie der Stadt, in der sie so viel über sich selbst gelernt hat, den Rücken kehren sollte. Doch Venedigs sanfte Anmut und feine Attitüde ließen die Künstlerin nicht los und vermochten sie schlussendlich zu halten.

Sie eröffnete ihre eigene Werkstatt auf Murano, treibt daneben aber weiterhin, auch von ihrem Schweizer Studio aus, die verschiedensten Projekte nach vorne. So gewann sie im Mai 2010 einen bedeutenden Wettbewerb: Im Auftrag des englischen Königshauses wurde der Gebäudekomplex „Quadrant 3“ in Londons Zentrum durch den Architekten Dixon Jones aufwendig umgestaltet und neu konzipiert. Schönbächler erhielt mit ihrem Beitrag den Zuschlag für die Gestaltung eines Kunst-am-Bau-Projekts innerhalb einer Passage im Komplex. Die Installation „Timelines“ aus Floatglas und Licht ist beeindruckende 17 Meter lang, 3,20 Meter hoch und 1 Meter dick.

Ihr neuestes Vorhaben darf im Herbst im Rahmen der Biennale „European Glass Context 2012“ auf der dänischen Ostseeinsel Bornholm bewundert werden. „Lacunas – die Leerraumkörper“ heißt das Werk, das sich intensiv mit Architektur, Raum und Glas auseinandersetzt. Darüber hinaus plant sie – auch als Hommage an ihren Lehrmeister –, Luciano Vistosis Atelier gemeinsam mit dessen Familie wiederzueröffnen, es zu einem Ort zu entwickeln, an dem sowohl seine Werke gezeigt werden können als auch zeitgenössische Künstler eine öffentliche Plattform für ihre Arbeit finden und das Schaffen Vistosis so auch in die Zukunft hinein wirkt. Allein die finanzielle Umsetzung ist noch nicht gesichert.

In der Zeit der diesjährigen Architekturbiennale bietet Daniela Schönbächler den Besuchern des BerührungsPUNKT Venedig die Möglichkeit, ihr bei der Arbeit im Atelier (Fondamenta Manin 72/74, Venezia/Murano) über die Schulter zu schauen und so ein wenig in die magische Welt des Glases auf der Insel Murano einzutauchen.


schoenbaechlerIch habe mich nie über das Glas definiert, für mich ist das ein Werkstoff wie andere, der mich eben stark interessiert. Die Männerdomäne Murano war damit für mich unerheblich. Das Wasser wirkt sehr reflektierend auf die Seele. Für mich verursacht es eine gewisse Schwere – wie Sand, der sich langsam im Wasser senkt. Venedig war sehr wichtig für mich, lange Zeit sehr wichtig. Ich habe hier eine Menge über mich selbst gelernt.