Der schweizerische Beitrag zur Architektur-Biennale

Für den gebürtigen Tschechen Miroslav Sik, Architekt und Professor an der ETH Zürich, ist es von elementarer Bedeutung, dass seine Entwürfe für jedermann verständlich sind und beim Betrachter Bilder erzeugen, die es ihm ermöglichen, sich in ihnen wiederzufinden – sie so zu einer „architecture parlante“, einer „sprechenden Architektur“, zu machen.

Er ist Begründer der „Analogen Architektur“, die er im Vorortmilieu verortet, wo er stets nach der verborgenen Anmut eines Ortes sucht. Aus dieser Anmut baut ˇSik das, was er unter Heimat versteht. Die Architektur nimmt Bezug auf literarische, poetische und kinematografische Bilder und findet so für die Stadt einen neuen Ausdruck. Die Poesie eines Ortes ergibt sich für ihn aus der Verschmelzung eigener Bilder mit denen vom Ort vorgegebenen. Das bereits Vorhandene darf dabei jedoch nicht verloren gehen, der Ort muss authentisch bleiben.

„Die analoge Architektur ist in der Peripherie beheimatet, in veralteten technischen Landschaften, in denen sie Stille und liebenswürdige Orte entdeckt. Der ‚analoge Architekt‘ sieht sich verpflichtet, in jeder Situation Heimat und Sehnsucht zu sehen.“ Miroslaw ˇSik

Mit seinem Biennale-Beitrag „And now the Ensemble!“ fordert ˇSik nun während der Architekturbiennale Berufskollegen, Bauherren und Institutionen auf, neue Bauwerke stets als Teil ihrer Umgebung zu planen. Als Architekt, der der Event- und Stararchitektur ablehnend gegenübersteht und baulichen Solitären eine klare Absage erteilt, plädiert er dafür, jedes neue Gebäude im direkten Dialog mit der bestehenden Umgebung zu entwickeln. Er fordert Architekten, Bauherren und Behörden auf, die Eigenheit alltäglicher Orte weiterzuentwickeln, das Alte und das Neue zu einem vielfältigen Ensemble zu vermischen und es mit Hilfe ungewohnter Stimmungsbilder zu verfremden, denn im Zentrum stehen die Menschen, die ein Gebäude bewohnen und die Städte beleben.

Im Hauptsaal des Pavillons wird ˇSik ein visuelles Manifest in Form eines alle Wände umspannenden Panoramabildes präsentieren. Dieses wird in Fotoemulsionstechnik direkt auf die Wände übertragen. Er hat die Architekturbüros Knapkiewicz und Fickert aus Zürich sowie Miller und Maranta aus Basel eingeladen mitzuwirken. Gemeinsam haben sie ihre jeweiligen Bauten und Entwürfe zu einem ihrem programmatischen Architekturverständnis entsprechenden Ensemble collagiert.

Mit einem umfangreichen Begleitprogramm unter dem Titel „Salon Suisse“ setzt die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia zusätzliche Akzente: Anknüpfend an den klassischen literarischen Salon fördert sie im Palazzo Trevisan, bekannt als Spazio Culturale Svizzero, den Austausch zwischen Fachkreisen und Publikum – so ergibt sich die Möglichkeit, gemeinsam mit ˇSik dessen Thesen zu diskutieren.

Kuratiert wird der „Salon Suisse“ 2012 vom Architekten Robert Guy Wilson, Herausgeber des Londoner Architekturmagazins „Block“ und Lehrbeauftragter an der Kunsthochschule Central St. Martins. Der Salon besteht aus drei Serien frühabendlicher Veranstaltungen. Thema des ersten Programmteils ist die Architektur als wissenschaftliche Disziplin, wobei der Einfluss von Miroslav ˇSik besonders berücksichtigt wird. Die zweite Veranstaltungsreihe wendet sich der architektonischen Praxis zu, beleuchtet die Besonderheiten der Schweizer Architektur und zieht Vergleiche zur Situation in Großbritannien. Die dritte Serie beschäftigt sich schließlich mit der Wahrnehmung und Vermittlung von Architektur durch Publikationen, Ausstellungen und Medienberichte. Alle drei Programmteile umfassen neben Vorträgen und Präsentationen auch informelle, diskursive Veranstaltungen; auf diese Weise bietet der „Salon Suisse“ sowohl ein Forum für die theoretische Diskussion als auch ein einladendes Umfeld für das Publikum zur Vertiefung des auf der Biennale Gesehenen – intellektuell anregend und zugleich unterhaltsam.

Gestartet wird das Begleitprogramm, noch zu den Preview-Tagen, am 28. August zusammen mit der von der ETH Zürich organisierten Veranstaltung „Common Images: Architecture on the Iconic Turn“. Die Podiumsdiskussion widmet sich der Neubewertung Miroslav ˇSiks als Protagonist der „Analogen Architektur“.

Weitere Infos unter www.biennials.ch

 


miroslavMiroslav ˇSik
Generalkommissar des schweizerischen Pavillons
Foto: Gina Folly

 

 

wilsonRobert Guy Wilson
Kurator des schweizerischen Pavillons