Ein Buchstabe, eine Definition und eine Vielfalt reflexiver Assoziationen. Ein ABC rund um die Architektur mit immensen Ausmaßen seines Wirkungskreises.

Wie werden Mittel zu Zwecken? Was bezweckt man mit den unterschiedlichen Tools in ihrem Einsatz? Wie werden Werkzeuge zu inspirierenden, verlässlichen, widerspenstigen, manchmal auch überraschenden Mitspielern? In welcher Weise spielen gewöhnliche und abstrakte Werkzeuge im weitesten Sinn ihre Rolle im Prozess des Denkens und Erzeugens von Architektur? Ein assoziatives Lexikon exploriert von A bis Z mögliche zweckdienliche Eintragungen einer Reflexion von Elementen, die in unterschiedlichen Praxen der Architekturkreation eine Rolle spielen und die hybride und komplex adaptive Praxis des Designprozesses widerspiegeln.

 

Abstraktion

Abstraktion

Die Fähigkeit, das Störende aus dem Prozess zu entfernen und aus der komplexen Gemengelage aller gegebenen Faktoren die wesentlichen herauszufiltern, um diese kritisch zu bearbeiten, ohne sich von ihnen abhängig zu machen.

B6

B 6

Stimulierend in der Hand liegender Stift, der weich mit dem Papier zusammentrifft und Tradition garantiert. Von Alvar Aalto hochgeschätzter Skizziermitspieler, der trotz Computerisierung nicht ins Out gedrängt wurde.

Charette

Charrette

Charrette wird auch Design Charrette genannt. Es handelt sich um die höchst intensive, die Außenwelt hinter sich zurücklassende, sich nur mehr auf diese eine Aktivität konzentrierende Aktivität kollektiven Entwerfens im Architekturbüro.

Deadline

Deadline

Notwendiger, mit Haßliebe erfüllender Termindruckerzeuger, der als Abgabesignal zum einen die unerlässliche Fertigstellungsdynamik hervorbringt, zum anderen die Sehnsucht nach autonomem, frei agierendem, nicht deadlinegetriebenem Arbeiten erweckt.

Exkursion

Exkursion

Seit den Tagen der Grand Tour und Le Corbusiers berühmter Reise in den Orient nicht wegzudenkende intensive Lernsituation im Architekturstudium und im realen Architektenleben, das jene Erfahrung hervorbringt, die Architektur verlangt: das eigene Erleben im Raum.

Fotografieren

Fotografieren

Ob analog oder digital, die Dokumentation der Topografie von Bauplatz und Umgebung, das Festhalten der Baustelle, ist als atmosphärische wie reale Erinnerungsstütze im Entstehungsprozess Architektur unerlässlich.

Geschichte der Architektur

Geschichte der Architektur

Die Architekturgeschichte ist jene sich unaufhörlich erweiternde Quellenlage, die zum einen als Vorrat der Präzedenzfälle und Referenzen aktiviert wird, zum anderen die Latte hoch legt, selbst an diesen kanonischen Ort zu gelangen.

Hören

Hören

Aktives Zuhören ist jene verlässliche Methode, die die Profession Architektur mit Empathie erfüllt und zugleich für einen Instantwissentransfer von Auftraggebern und Konsulenten Richtung Architekturentwurf sorgt.

Informationsverarbeitung

Informations-
verarbeitung

Die Verarbeitung aller möglichen relevanten Informationen, die in ihrer gedachten Dynamik zueinander als integrale Bestandteile zwischen Funktion und Gestaltung den Entwurf erweiternd vorantreiben können.

Jonglieren

Jonglieren

Jene Aktivität, die es spielerisch aussehen lässt, alle Beteiligten im Boot zu halten, alle Fäden in der Hand zu haben, alle Möglichkeiten möglichst lange offen zu lassen und alle Einschränkungen, Zwänge und Probleme als Herausforderung zu integrieren.

Konzepte

Konzepte

Konzeptuelles Vorgehen ist das Um und Auf der Argumentationsstrategien in der Kommunikation des Entwurfs nach außen, da sie die kreative und intellektuelle Arbeit der Architektur zur Erscheinung bringen. Die dafür ebenso notwendige Intuition eilt der Konzeption voraus und bringt diese zur Entfaltung.

Lego

Lego

Für die Entwicklung der noch nicht einem bestimmten Maßstab verpflichteten, skizzenhaften und vor allem klebstofffreie Konzeptmodelle sind Legosteine genau das richtige. Mit ihnen betreibt Gary Chang im Edge Design Institute in Hong Kong die Kunst des Fast Track Design.

Modell

Modell

Um die Vorstellungen räumlich werden zu lassen, sind aus Karton, Styrofoam oder Holz gebaute Modelle jene immer noch geschätzten Verwirklichungsgehilfen, mit denen Maßstab und Haptikalität, Sinnlichkeit und Beziehungen überprüfbar und an andere kommunizierbar werden.

Neues

Neues

Nicht nur das Neue, das eine noch nicht geahnte Form annehmen wird, treibt das Entwerfen voran, sondern vor allem auch jene bereits materialisierten Formen des Neuen, welche technologisch, materiell, kontextuell, medial oder sozial Potenziale und Phantasien von Raum so verändern, dass dem Neuen zu Raum verholfen werden muss.

Orchidee

Orchidee

Die im Büro von Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal gezüchteten Orchideen stehen für all jene Andersheiten und Ablenkungen, die den stundenlangen Alltag im Büro mit geistiger Erfrischung und Momenten der freien Abschweifung erfüllen.

Pause

Pause

Das sich herausgenommene Recht auf diese kleine Unterbrechung der pausenlos sich reproduzierenden Arbeit wirkt effizienter als gemeinhin angenommen, da erst durch die insgeheim gestohlenen Momente und der gratifizierenden Freude an ihnen jene Produktivität in Gang gesetzt wird, die eingespielte Zwangsroutinen durchbricht.

Quellen der Inspiration

Quellen der Inspiration

Da alles, was ist, das Potenzial in sich birgt, zur wirksamen Quelle der Inspiration zu werden, ist der frei gleitende, unvoreingenommen offene wie präzise selektierende Blick jenes assoziative, kreativierende Instrument, das es ermöglicht, suchenden Leidenschaften Halt zu geben.

Pause

Recherche

Widersetzt sich der Akt des Entwerfens der moderneverpflichteten, genial-heroischen Einfallslogik mit ihren mythischen Anklängen, dann kann an dessen Stelle die konsequente Fokussierung auf holistische Ansätze umfassender Recherchen treten, die in den Stand versetzen, eine kompetent multimethodische Disziplin des Entwerfens zu entwerfen.

Skizzenbuch

Skizzenbuch

Als ständiger Wegbegleiter, ob am Schreibtisch oder im Flieger, ob im Bett oder beim Frühstück, ist das Skizzenbuch jenes prototypische Werkzeug, das allzeitbereit die noch tastende und experimentierende, notierende und fragende Selbstverständigung über das Imaginierte durch sein skizziertes Gegenständlichwerden ermöglicht.

Transformation

Transformation

Da jeder Entwurfsprozess eine Abfolge von Entscheidungen und Verwerfungen, von Neuanfängen und Umentscheidungen ist, bedeutet die Offenheit für Transformation jene Stärke, die auch die nochmalige Veränderung des eigenen, bereits Entwickelten zu denken bereit ist.

Universalismus

Universalismus

Die Vielfalt der Wirklichkeit zu jener Ganzheit werden zu lassen, die sinnkonstituierenden Raum erzeugt, ist zu unterscheiden von der missverständnisproduzierenden Arroganz überall und überzeitlich Gültigkeit zu erbauen.

Vortrag

Vortrag

Vor allem, wenn es sich um Werkvorträge handelt, eine gute Gelegenheit für Selbstreflexion.

Werkzeuge

Werkzeuge

So wie grundsätzlich alles das Potenzial hat, als Werkzeug begriffen zu werden, sind es auch die immer schon als solche begriffenen, die Standardwerkzeuge einer Profession ihre bedeutsamen Kreationsmitspieler. Entsprechend den jeweiligen Technologieschüben verändern sich die Verhältnisse.

Xerox-Machine

Xerox-Machine

Die Xerox-Machine, auch unter dem Namen Kopierer vertraut, führte nicht nur zur papierverschlingenden Vervielfältigungslust, sondern auch zu kreationsbeflügelnden Erzeugungen von auf den Kopierer gelegten Köpfen oder Händen oder durch wildes Rütteln oder Schütteln erzeugten Verzerrungen.

Yellow Trace

Yellow Trace

Yellow Trace oder Aquafix ermöglicht jenes Überlagern von Entwurfsvarianten, das ein Durchschauen des eigenen Tuns im wahrsten Sinn des Wortes ermöglicht und so Entstehungsprozesse transparent werden lässt.

Zeichnen

Zeichnen

Das englische Wort draw verweist im Innersten der Sprache auf jenen Akt der Architektur, der aus der Imagination herausgezogen wird und in der entscheidenden Verbindung zwischen Kopf und Hand dieses Herausziehen konkrete Gestalt annehmen lässt.

Elke Krasny
Elke Krasny, geb. 1965 in Österreich. Kulturtheoretikerin, Kuratorin, Stadtforscherin, Autorin, Kunst- und Kulturprojekte;
arbeitet zu Architektur, Kunst als öffentlicher Raum, Urbanismus, Gender, Repräsentation, Bildung sowie Museen und Ausstellungen;
lehrt an der Akademie der bildenden Künste Wien, an der Technischen Universität Wien sowie der FH Joanneum in Graz;
2006 Gastprofessur an der Universität Bremen; internationale Vortragstätigkeit;
Ausstellungen:
2009–2011 Annenviertel! Die Kunst des urbanen Handelns (m. Margarethe Makovec und Anton Lederer/ <rotor>, Graz),
2010 Penser Tout Haut. Faire l’Architecture am Centre de Design de l’UQAM Montréal,
2009 Da, Dort & Dazwischen. 20 Jahre KulturKontakt Austria, Aufbruch in die Nähe. Wien Lerchenfelder Straße (m. Angela Heide);
2008/2009 Architektur beginnt im Kopf. The Making of Architecture im Architekturzentrum Wien;
Stadt und Frauen. Eine andere Topographie von Wien;
zahlreiche Publikationen zu Architektur, Kunst im öffentlichen Raum und aktivistischen Kunstpraxen www.elkekrasny.atBildrechte: © Elke Krasny