Ferdinand von Schirach

Der Zweck heiligt die Mittel. Diese Floskel verliert für gewöhnlich ihre Gültigkeit mit dem Überschreiten der Illegalitätsgrenze. Moralisch gesehen sollte sie nur gelten, solange andere in ihrer Freiheit nicht eingeschränkt sind, nicht zu Schaden kommen.

Ein jeder von uns würde das so unterschreiben. Bis er die Geschichten von Ferdinand von Schirach liest. Geschichten, die das Leben schrieb – zugegebenermaßen nicht das Leben eines jeden, eher das einer Minderheit. Das Leben von Menschen, die zu den Randgruppen unserer Gesellschaft gehören: Prostituierte, Asylbewerber, illegale Einwanderer ohne Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Menschen, die einmal auf der Suche nach dem Glück waren und sich in dem Irrglauben befanden, es gefunden zu haben. Menschen, denen nie etwas Gutes widerfahren ist, bis sie ihre große Liebe fanden und diese einfach nicht mehr aufgaben. Die alles für ihre Liebsten tun würden, weil sie das Leid kennen, den Schmerz, das Gefühl der Ausweglosigkeit. Mit dem Wissen um ihre Lebensgeschichten und der unverfälschten Schilderung teils brutalster Verbrechen kommt der Leser dennoch nicht umhin, ein leises „Aber…“ zu denken, ein „Jawoll – hätt‘ ich auch gemacht…“ oder „Das geschieht ihm recht…!“

Verständnis dafür zu haben, dass ein junger Mann aus einem Missverständnis heraus den Freier seiner Freundin zerstückelt, den er tot in seiner Wohnung auffindet. Ein angesehener, freundlicher Arzt, der nach 40 Jahren Ehe plötzlich seine Frau umbringt. Karim, ein junger Libanese, der ein Doppelleben führt und der Welt mit ihren eigenen Vorurteilen ein Schnippchen schlägt. Die Resümees, die Schirach am Ende der Geschichten zieht, jagen einem den Schauer über den Rücken.
ferdinand_von_schirach„Es kommt nur darauf an, was ein Beschuldigter will. Kalles Ziel war es, Irina zu retten, nicht die Leiche zu schänden.“ In den geschilderten Verbrechen ist die Gerechtigkeit ohne „wenn“ oder „aber“ nicht zu erklären. Gut und Böse liegen grundsätzlich in Grauzonen, tauschen möchte man mit den meisten Beteiligten nicht – und doch lässt ihr „Happy-End“ das eine oder andere Auge feucht werden. Der Zweck heiligt dann doch hin und wieder die Mittel, und Gerechtigkeit ist ein weites Feld!