Ein Portrait der Künstlerin Susa Templin

Modelle aus Fotocollagen abfotografiert, groß geprintet und schließlich an der Wand entlang hinab rutschend: In den Arbeiten Susa Templins ist der Sinn und Zweck selten vom Mittel zum Zweck zu unterscheiden – und architektonische Räume verschmelzen mit den privatesten, intimsten Innenräumen der eigenen Seele.

susa_templinWenn man Susa Templins Arbeiten betrachtet, im Original oder als Abbildung, ist nie wirklich klar, ob dies nun das Original ist, die Abbildung selbst das Kunstwerk ist – oder nur ein Zwischenschritt auf dem Weg dorthin. Sie fotografiert Stadtraumsituationen, Innenräume und die eigenen Füße, erstellt Collagen, Miniatur-Modelle, fotografiert erneut, vergrößert auf Raumhöhe, rahmt ein. Susa Templin ist in ständigem Kontakt mit den sie umgebenden Räumen und in permanenter Reflexion über den Bezug zu ihrem eigenen Raum. Die Definition ihres eigenen Raumes reicht von ihrem kleinsten Zimmer, einem Appartment in New York, über weiche Räume, welche zwischen zerwühlten Wolldecken entstehen, bis zum letztendlich intimsten Raum eines jeden: der eigene Körper, seine Seele. Die Fotografie begleitet sie seit ihrem elften Lebensjahr. Nachdem sie in so jungen Jahren dieses Handwerk autodidaktisch erlernt hat, ist die Fotografie immer mehr Mittel, Medium zum Zweck geworden.

Space Available – Räume in New York

Bildschirmfoto 2015-02-24 um 14.38.27Akuter Platzmangel prägte ihren Blick während ihres fast neunjährigen New York-Aufenthaltes auf Räume aller Art. In einem sehr kleinen Apartment, in dem sie schlief und arbeitete, reflektierte sie diese Stadt und ihre Räume.

„Wohnraum in New York ist extrem teuer und dadurch Luxus. Eine Stadt, die so gebaut ist wie N.Y., hat eine enorme Macht über dich. Du musst dich richten nach ihren gerasterten Straßen, ihren bebauten Blöcken. Mein Ausweg war die Beschäftigung mit dem Raum, den man nicht mieten kann: Luftraum, Wasserraum, mein persönlicher Innenraum.“

Susa Templin fotografiert Fassaden, ausgediente Schwimmbäder und Golfplätze. Ihre Faszination von den „in den Betonboden gestaBildschirmfoto 2015-02-24 um 14.30.51mpften Räumen“, die mit Wasser gefüllt, dem Körper diese fast schwerelose Freiheit gewähren, findet sich wieder in einer Reihe von Aufnahmen verlassener Pools, die in ihrem Bildaufbau und der surrealen Farbigkeit gelegentlich eine Montage vermuten lassen.

Fassaden nimmt sie in ihren Aufnahmen ihre Strenge und Monotonie, indem sie andere Bildebenen einbaut – einbaut im wahrsten Sinne: Susa Templin arbeitet analog. Sie entwickelt, sichtet, baut, zerschneidet, fügt zusammen und fotografiert gegebenenfalls erneut, um sich dann selbst in die Dunkelkammer zu stellen und an metergroßen Fotoabzügen per Farbfilter und Co Nuancen zu bewirken. Eine Wand wird so zu Wasser – ein Fuß Teil des Horizontes.

Landscaping – Das ersehnte Grün

Wenn Susa Templin Defizite aufdeckt: rBildschirmfoto 2015-02-24 um 14.31.48äumlich, menschlich oder einfach zu wenig offenes Grün, dann ist das eine gute Voraussetzung für ein neues Projekt.

„Ich brauche ein Problem, damit ich starten kann.“

Und wenn es in New York zu wenig Grün gibt, dann macht sie es sich eben selbst. Immer wieder, fast nomadisch, zieht sie durch diese Stadt, ständig Wohn- und Arbeitsraum wechselnd, bis sie in einem kleinen Einraum-Appartment im 5. Stock eines Wohnhauses in der 12street für ein paar Jahre Wurzeln schlägt. Sie baut Mini-Bäume auf Mini-Rasen, fotografiert auf der Tischkante, zieht ab, montiert und klebt. In Fassaden, zwischen Himmel und Erde riesengroß. Bis sie genug hat, von dem Grün.Bildschirmfoto 2015-02-24 um 14.33.03

Ein Perspektivwechsel und die Erkenntnis, dass das Foto eines Baumes, auf eine Klopapierrolle geklebt, zum Baum wird. 3 D! Und er steht, hat ein Hinten und ein Vorne. Und in ihrem nächsten Auftrag „Kunst am Bau“ kann sie sie dann 1:1 bauen lassen. „Das grüne Leuchten“ hängt nun seit 2003 im Polizeipräsidium in Dillenburg/ Hessen und lässt den Betrachter einmal mehr im Unklaren darüber, was es denn genau ist, was da hängt: Grün in Röhren? Pressformbäume?

Eine weitere Einsicht folgte: Susa Templin wollte nicht mehr in ihrem winzigen Apartment voller Fotoröhren stehen, Mini-Modelle bauen in der Hoffnung auf eine große Auftragsarbeit. Sie wollte direkt in größerem Maßstab arbeiten und sich den Luxus „viel Raum“ gönnen. Und sie machte sich auf, nach Berlin, auf die Suche nach viel Raum zur Aufnahme ihrer Gedankenräume.

Berlin Barock – Tristesse trifft auf Glitzer

Und mit Berlin kam auch Bildschirmfoto 2015-02-24 um 14.35.54das nächste Problem, unter dem die Künstlerin von nun an litt und das sie wieder dazu brachte, diesem Ort das hinzu zu fügen, was ihm fehlte: etwas Barockes, Schwebendes, Glitzerndes. Etwas, das Berlin, dieses „triste deutsche Ding“, so gar nicht vorweisen konnte.

Susa Templin musste schon früh akzeptieren, dass sich an bestimmten Lebenssituationen nicht immer etwas ändern lässt – dass sie aber in der Lage ist, sich eigene Umstände selbst zu bauen, im Miniaturformat oder in groß. Von dort an verteilte sie Glitzer, Glimmer und Farbgrellheit in Berliner Hinterhöfen und Fassaden. Ein Spiel mit der Stadt und ihren Bewohnern. Ein Experiment zum Grenzen-Abstecken und Zonen- Erkennen.
„Ich baue mir mein Berlin und visualisiere mein Gefühl: wo stehe ich?“ Endgültig abgefunden, mit ihrem neuen Ort Berlin, hat sich Susa Templin dann, als ihr der Kurator Ulrich Domröse der Berlinischen Galerie 2006 direkt eine Einzelausstellung anbot, nachdem er ihre Werke gesichtet hatte. Sie scheint irgendwie den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben.

Zweck erfüllt – auf zu nächsten Ufern. Die soziale Integration, der zwischenmenschliche Umgang in dieser Großstadt trieb sie zum Rückzug. Nach Innen. In ihren Privatraum – ihr Zimmer. Ihren Körper. Ihre Seele.

MultiStability und die Totale Wohnung

Susa Templin kehrt von sich nach außen, was ursprünglich im Verborgenen liegt. Der Betrachter erahnt nur eine Bedeutung, ein Verhältnis zwischen innen und außen – obwohl es sich um (Arbeits-) Modelle im Architektenstyle handelt, spürt der Betrachter die Intimität, die von den Raumskulpturen ausgeht. Nicht zuletzt durch ein eingefügtes – oder wie zufällig mitfotografiertes – Körperteil: ein Knie, eine Schulter. Architektonisch eher dekonstruktivistisch, kubistisch in sBildschirmfoto 2015-02-24 um 14.33.56einer multiplen Perspektivenwahl: man sollte sich aufs Fühlen dürfen konzentrieren – nicht aufs Verstehen wollen.Bildschirmfoto 2015-02-24 um 14.37.36

Was ist das für ein Raum? Das weiße Rauschen!
Eine Momentaufnahme während der Suche nach neuen Atelierräumen: Zwei Meter hinter dem Fenster eine weiße Wand – kein Daneben, kein Darüber, kein Darunter – nur eine weiße Brandwand so dicht vorm Fenster, dass in normalem Blickwinkel nichts anderes sichtbar ist – außer Weiß.
Solche Erlebnisse lassen die Raumexpertin kirre werden. Sie springt auf, schaut entsetzt, reißt die Augen auf und empört sich:

„Was ist das für ein Raum? Das weiße Rauschen… Kannst du dir das vorstellen? Nur noch Empfindung von Raum! Wie wär´ das bloß, wenn ich in einem solchen Raum sein müsste…?!“

Diese Vorstellung reicht wieder einmal aus, um sie komplexe Verknüpfungen darstellen zu lassen, zwischen „Unraum“ und „Wolldecken zum Vergraben“: ohne Zugang und ohne Aussicht.

Schlussendlich kann es einem ganz gleich sein, wo hier Sinn und Zweck, was hier Mittel sind. Bei Susa Templin zählt einfach das Bild: das Bild, mit dem sie arbeitet, Räume schafft und eine Metamorphose der Innenbilder im Herzen des Betrachters bewirkt.

Ann-Kristin Masjoshusmann führte das Interview mit Susa Templin
im Januar 2010 in ihrem Atelier in Berlin.

Bildrechte:
Portrait Susa Templin: © Michael Witte