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Les Venise de Monet – Monets Rückkehr nach Venedig

6 min Lesezeit

Ein großer Maler, eine überwältigende Stadt, ein spannendes Studentenprojekt: Studierende aus Venedig und St. Gallen kreieren unter Einbeziehung eines geschichtsträchtigen Palazzos eine Hommage an Claude Monet.

Im Jahr 1908 weilte Claude Monet mit seiner Frau Alice in Venedig.
Er war überwältigt von der Serenissima – sie sei zu schön, um gemalt zu werden. Dennoch entstand eine ganze Reihe von Werken mit architektonischen venezianischen Motiven – 37 Bilder an 9 Orten in 3 Monaten.

Monets Frau dokumentierte die Reise in täglichen Briefen an ihre Tochter. Während der Künstler seinen berühmten Seerosenteich im Garten seines Hauses in Giverny in die Vertikale hob, bis das Wasser die Oberfläche seiner Leinwände vollständig ausfüllte, spielen seine venezianischen Kompositionen mit der Tiefe des Wassers und der Frontalität der Fassaden verschiedener Palazzi, darunter auch der des Palazzo Contarini Polignac. Hier empfing Winnaretta Singer – Mäzenin, die den Palazzo im Jahr 1900 gekauft hatte – die Monets am 9. Oktober 1908. Im Jahr 2020 ist der Palazzo 120 Jahre im Familienbesitz: ein Jubiläum und ein Vermächtnis, denen mit einem besonderen Projekt Rechnung getragen wird. Die Projektkoordination liegt in den Händen von Bikem de Montebello. Sie ist verheiratet mit Roger de Montebello, einem Nachfahren einer Schwester Winnaretta Singers. Das Ehepaar wohnt permanent im Palazzo, um dessen Erhalt und Programm sich Bikem kümmert.

Italien, Frankreich, Schweiz im Austausch

Das Projekt „Les Venise de Monet“ ist eine Videokartierung von Monets in Venedig entstandenen Werken, darunter das Bild des Palazzo Contarini Polignac. Dreh- und Angelpunkt ist die Fassade des Palazzos aus dem 15. Jahrhundert, der auch in diesem Jahr wieder den BerührungsPUNKTE
Meetingpoint beherbergen sollte. Das Bauwerk ist für seinen besonderen lombardischen Stil bekannt, der es zu einem der bedeutendsten Gebäude der Frührenaissance macht. 

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Besondere Serie im Œuvre des Meisters

Ziel des Projekts ist es, die venezianischen Bilder Monets historisch zu verorten. Schließlich handelt es sich um eine ganz besondere Serie im Gesamtwerk des impressionistischen Meisters, denn in den fünf Jahren vor seinem Venedig-Aufenthalt und danach bis zu seinem Tod malte er ausschließlich Seerosen – nie wieder eine menschliche Schöpfung. Die Spiegelungen der Fassaden am Canal Grande sind als Momentaufnahmen, in denen Kultur zu Natur wird und sich die von Menschenhand geschaffene Architektur im Wasser aufzulösen scheint, impressionistischer Ausdruck par excellence. 

Mich interessiert nicht das Objekt, sondern das, was zwischen mir und dem Objekt passiert.
Claude Monet

Metamorphose von Wasser und Licht 

Monet beschäftigte sich jahrzehntelang mit der Reproduktion von Reflexionen und komplexen Wasserstrukturen. In Venedig kombinierte er in diesem Rahmen Architektur und Wasser – das Motiv selbst wird zur Reflexion. Deshalb hat sich die St. Gallener Studentin Romina Schöni für ihre Abschlussarbeit vorgenommen, die Geschichte der Monets, die gezeigte Architektur und die Reflexionen wiederaufleben zu lassen: Das Wasser des Canal Grande erobert die Fassade des Palazzo Contarini Polignac und spiegelt Monets Begegnung mit Venedig wider. Die Projektion löst die festen Strukturen der Architektur auf. Licht und Wasser verwandeln den Palazzo langsam in eine Leinwand, auf der Monets Bilder, Texte aus den Briefen seiner Frau und die Komposition der Fassadenarchitektur sichtbar werden. Linien entstehen aus dem Wasser, Bilder entstehen und verschwinden, Worte vergehen.

Gemälde Palazzo Contarini Polignac von Monet
Der Palazzo Contarini Polignac, wie ihn Claude Monet im Jahr 1908 malte

Der Palazzo Contarini (ca. 1490) ist einer der ersten Renaissance-Palazzi Venedigs und steht damit am Anfang einer neuen Architekturkultur jener Zeit. Obwohl er den großen Renaissance-Gebäuden von Pisa, Lucca und Florenz in nichts nachsteht, sind weder der Name des Architekten noch des Auftraggebers bekannt. Seine antik anmutenden Schmuckformen, Rundbögen, Medaillons, ionische und korinthische Formen, Säulen und Pfeiler ähneln den Kirchen Santa Maria dei Miracoli und der San Zaccaria, die etwa zeitgleich von Pietro Lombardo und Mauro Codussi erbaut wurden. Sicher ist die Beteiligung des aus Lugano stammenden Steinmetzes Giovanni Antonio Buora. Das ausgewogen proportionierte, dreigeschossige Gebäude hat eine durch symmetrische Achsen geteilte, mit Marmorplatten verkleidete Fassade.

Ein rotes Porphyrband erzeugt mit weißen Marmorkonsolen einen eindrucksvollen Effekt und eine starke horizontale Linie. Das prächtige Piano Nobile (oberstes Stockwerk) überblickt den Canal Grande durch fünf von Säulen flankierte Rundbogenfenster. Leisten mit Spiralen umrahmen die verzierte Balkonbrüstung, und Medaillons aus rotem Porphyr und grünem Marmor runden die raffinierte Dekoration ab. Im 17. Jahrhundert kamen zwei Balustraden hinzu. Bei genauer Betrachtung werden die perfekt ausbalancierten Proportionen im a-b-a-Muster deutlich, bei denen die Säulen als vertikale Trennlinie dienen. Das untere Register ist in sieben gleich große rechteckige Bereiche unterteilt, die zur ausgewogenen Symmetrie beitragen.

Zum Glück haben wir die Bilder, die uns beweisen, dass es kein Traum war und dass wir wiederkommen werden!
Claude Monet

Kunsthistorischer Hintergrund Philippe Piguet

Philippe Piguet ist Historiker und Kunstkritiker, unabhängiger Kurator und Leiter des Programms für zeitgenössische Kunst in der Chapelle de la Visitation in Thonon-les-Bains, Haute-Savoie. Er arbeitet mit den Zeitschriften /art absolument/ und artpress zusammen. Im Januar 2018 wurde er zum Generalkurator von Normandie Impressionniste 2020 ernannt. Er ist Autor zahlreicher Texte und Katalogvorträge für Künstler wie Monet, César, Villeglé, Raynaud, Venet, Basquiat, Garouste und Penone. Er ist Autor und Regisseur verschiedener Filme und hält zahlreiche Vorträge; sein Studiengebiet ist die Zeit des Impressionismus – insbesondere Claude Monet, dessen Urenkel er durch Heirat ist – und die zeitgenössische Kunst, wie sie sich seit den 1950er-Jahren entwickelt hat. Wir sprachen mit Philippe Piguet.

 

Die venezianischen Gemälde Ihres Ururgroßvaters sind wahre Kostbarkeiten. Wie kann das Projekt „Les Venise de Monet“ ihnen Rechnung tragen?

Ursprünglich war Monets Reise nach Venedig eine Vergnügungsreise, um die Stadt der Dogen zu entdecken. Er dachte nicht eine Sekunde daran, dass er zweieinhalb Monate dort bleiben und mit 37 Bildern abreisen würde. Aber in Venedig fand er Material, um das unglaubliche Zusammenspiel von Wasser, Licht und Architektur zu erforschen. Die Verbindung zwischen diesen drei Elementen ist die Grundlage für die Relevanz des Projekts.

 

Wie stehen Sie persönlich und als Kunsthistoriker zu dieser Neuinterpretation?

Bei Monet ist das Bild, das einem in den Sinn kommt, vor allem das eines Gemäldes mit Wasser, in dem sich die Natur widerspiegelt, wobei der Maler sich bemüht, deren permanente Modulationen je nach Stunden und Tagen einzufangen. Monet hat selten Architektur als Motiv erfasst, außer in der einzigartigen Serie der Kathedrale von Rouen. Venedig gab ihm die Möglichkeit, diese Art von Thema wieder in Betracht zu ziehen, und er war umso bereitwilliger, dies zu tun, da er seit einigen Jahren von seinen Seerosen völlig beherrscht war. Es war also eine neue Herausforderung, der er sich stellte.

Visualisierungen: Romina Schöni, Gemälde von Claude Monet, Palazzo Contarini, Kunstmuseum St.Gallen

Studentenprojekt: Monet digital

Marc Simonet (Projektleiter, St. Gallen) ist Studierender in der Klasse Interactive Media Design an der Schule für Gestaltung St. Gallen am GBS. Der Grafikdesigner mit fotografischer Zusatzausbildung und inzwischen 21 Jahren Berufserfahrung konzipiert und gestaltet in seiner eigenen Agentur gedruckte und digitale Kommunikationsmittel. Mit seiner Weiterbildung zum Interactive Media Designer möchte er sich verstärkt der digitalen Welt zuwenden, um auch dort erstklassige Produkte für seine Kunden zu entwerfen. Marc Simonet im Kurzinterview zum Projekt:

 

Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Die Schule für Gestaltung St. Gallen wurde für das Projekt in Venedig angefragt, weil im Kunstmuseum St. Gallen eines der Monet-Gemälde des Palazzo Contarini Polignac hängt. Der Lehrgang „Dipl.-Gestalter/in HF Kommunikationsdesign, Vertiefungsrichtung Interactive Media Design“ ist als berufsbegleitende Weiterbildung für dieses Projekt besonders geeignet, kommen doch die Studierenden aus der Praxis und können sich so gestalterisch interessanten digitalen Herausforderungen stellen.

 

Wie kam die Auswahl für das Projekt zustande?

Bereits in der Konzeptionsphase war klar, dass es ein digitales Projekt sein wird. So fiel die Wahl auf die von Jana Nobel und Alex Huldi geleitete Klasse „Interactive Media Design“ der Höheren Fachschule für Künste, Gestaltung und Design, die für dieses digitale Projekt prädestiniert ist. Die Studentin Romina Schöni wird nun ihre Abschlussarbeit dem Projekt widmen.

 

Wie wurde die Architektur des Palazzo Contarini Polignac in das Projekt einbezogen?

Zu den Vorgaben gehörte, dass die Arbeit die Fassade des Palazzos einbezieht. Zudem sollten die Bilder und Briefe von Claude und Alice Monet gezeigt werden, die während ihres Aufenthalts 1908 in Venedig entstanden sind. Es müsste aber auch klar werden, dass es ein darüber hinausgehendes Thema geben wird. „Les Venise de Monet“ – seine Art Reflexionen und komplexe Wasserstrukturen mit der Architektur verschmelzen zu lassen. Ein wichtiger Aspekt in der Natur und in der Architektur ist der Goldene Schnitt, der ebenfalls die Gestaltung der Palazzo-Fassade bestimmt. So baut sich beispielsweise in einer Projektion die Fibonacci-Spirale langsam aus dem Wasser auf. Wie bei den Gemälden soll eine Metamorphose aus Wasser, Licht, Bild und Architektur entstehen. 

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