Prof. Arno Lederer über Leidenschaft in der Architektenausbildung

 

 

LRO Architekten Stuttgart

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Welche Rolle spielt für Sie „Leidenschaft“ in unserem Beruf als Architekt heute?

Sie schafft Leiden, und trotzdem macht man es. Das Wort Leidenschaft drückt aus, dass nicht alles glatt geht, sondern ein ganz starker Antrieb da sein muss, der einen dazu bringt, etwas zu tun. Man quält sich, um ein Ziel zu erreichen. Beim Sport ist das ganz ähnlich. Sie kommen ohne Training und ohne Leiden nicht zu Ihrer Medaille.

Wie haben Sie Leidenschaft im Architekturstudium vermittelt?

Das Wichtigste war mir immer, die Motivation der Studierenden aufrechtzuerhalten. Ich wollte Begeisterung schaffen und zum „Denken durch Machen“ ermutigen. Das kann auf unterschiedliche Art und Weise geschehen, hängt stark von der Person ab und ist vor allem ganz am Anfang des Studiums wichtig. Man muss die Studierenden „packen“ und sagen: „Du kannst etwas, was andere nicht können, das ist deine Sache. Aber du musst deine Begabung nutzen, und wenn du das machst, dann hast du auch große Freude daran.“ Die Studierenden sollen das Gefühl bekommen, dass man selbst aus voller Überzeugung hinter den Dingen steht und die Leidenschaft, die man im Beruf hat und die der Grund dafür ist, warum man diesen Beruf ergriffen hat, weitergibt. Sie haben ein intensives Gespür dafür, ob der Lehrende authentisch ist. Für mich sind zunächst technische Details überhaupt nicht so wichtig, weil man sich diese im Laufe der Zeit automatisch aneignet, wenn man für etwas begeistert ist.

Ist es heute noch möglich, neben der Jagd nach Creditpoints leidenschaftlich zu studieren?

Ja, denn ich denke, dass das Studium von den Lehrenden und nicht von der Form der Lehre abhängt. In der Pädagogik gibt es alle zehn Jahre ein neues pädagogisches Modell. Aber zu jeder Zeit gab es Lehrer, die einen beeindruckt haben und von denen man gewaltig profitiert hat – unabhängig von dem pädagogischen System. Wir müssen wieder mehr dazu zurückkommen, dass die Menschen das eigentliche Medium sind, die etwas vermitteln und Leidenschaft auslösen. Ich glaube weniger an die Kraft der Apparate als an die der Menschen selbst.

Also ist das leidenschaftliche Studium unabhängig von der Studienform und -dauer?

Es ist lediglich so, dass im Laufe der letzten 30 Jahre sehr viel technisches Wissen dazugekommen ist: Gebiete wie Brandschutz, Energie oder andere quantitative Dinge werden immer komplexer. Dadurch müsste die Studiendauer eigentlich länger werden. Der zeitliche Umfang ist aber immer noch derselbe. Und das geht zu Lasten des kreativen Findens und des Verwertens und Etwas-in-eine-Form-Bringen. Kurzum: die künstlerische Arbeit kommt zu kurz. Wenn jemand Pianist werden will, dann kommt das auch nicht von selbst. Er setzt sich auch nicht hin und spielt einfach los. Er muss üben, üben, üben, wie die anfangs erwähnten Sportler. Aber mit Leidenschaft kommt er zum Ziel.