Michael Niehaus, Philosoph

Wo nichts ist, liegt der Nutzen 

Der Freiraum ist in der Stadtplanung der Ort der Leere, der unbebaute Raum. Er ist nicht nur frei von Gebäuden, sondern frei für etwas, und das ist seine eigentliche Bestimmung.

Die chinesische Philosophie des Daoismus* stellt diese Leerheit ins Zentrum ihrer Überlegungen. Das folgende Zitat möchte Anstoß sein, die Freiheit des offenen Raumes als Zentrum der Architektur in den Blick zu nehmen.

dreißig speichen umringen
die nabe wo nichts ist
liegt der nutzen des rads 

aus ton formt der töpfer den topf
wo er hohl ist
liegt der nutzen des topfs

tür und fenster höhlen die wände
wo es leer bleibt
liegt der nutzen des hauses

so bringt seiendes gewinn
doch nichtseiendes nutzen

Doadejing, Übersetzung aus dem Chinesischen ins Deutsche von Ernst Schwarz, Reclam-Verlag 1978

* Der Daoismus ist eine chinesische Philosophie, Religion und Weltanschauung, die zentrale Einflüsse auf die gesamte chinesische Kultur hat. Insbesondere die Medizin und Ernährungslehre (TCM), Bewegungsübungen (Qi-Gong, Thai-Chi), aber auch Literatur, Kunst bis hin zur Politik sind ohne das Dao als ein der ganzen Welt zugrunde liegendens, alles durchdringendes Prinzip nicht denkbar. Seine Ursprünge liegen im 4. Jahrhundert v. Chr., als das Daodejing des Laozi entstand. Das elfte Kapitel des Werkes, das sich in seiner poetischen und auch „dunklen“ Sprache des Prinzips des Freiraums bedient, gibt für die Gestaltung von Räumen und Plätzen Impulse für eine Auseinandersetzung mit dem Nutzen der Leerheit. Für Laozi ist es das Nichts, das Leere zwischen den Grenzen, das den eigentlichen Wert ausmacht. Die Wände eines Topfes oder eines Gebäudes sind nicht das Zentrale, sondern der Raum, der zwischen ihnen entsteht. Es ist der Raum des Lebens, der Ort, wo das Leben sich ereignet: die Begegnung mit dem Anderen, die Begegnung mit sich selbst. Laozi erinnert daran, diese Leere zu schätzen, denn ohne sie ist Nichts …

www.pro-phil.de