Definition von Existenz und Wesen – ihre Facetten bezüglich Alltag und Architektur

Natürlich existieren wir, natürlich leben wir auch – aber sind wir uns dessen bewusst? Das kleine Glossar rund um das Wort Existenz beleuchtet diesen oft unverstandenen Begriff in seinen Facetten bezüglich Alltag und Architektur.

Existenz

Das lateinische ›existentia‹ geht auf das griechische ›hyparsis‹ zurück und wird im Deutschen sowohl mit ›Existenz‹ als auch mit ›Dasein‹ übersetzt. Existenz bzw. Dasein bezeichnet die Tatsache, dass etwas ist – im Unterschied dazu, was es ist. Der Begriff Existenz wird auch als wirkliches Vorhandensein im Gegensatz zur bloßen Möglichkeit verwendet. Erst in der Existenzphilosophie sind die Termini Dasein und Existenz reserviert für die Kennzeichnung der Besonderheit des Menschen gegenüber allem anderen Seienden. Die Aufnahme des Existenzmotivs in anderen Gebieten wie Literatur (Rilke, Kafka, Sartre, Camus), Theologie (Bultmann, Marcel) oder Pädagogik (Bollnow), aber auch die französische Variante der Existenzphilosophie (Sartre, Camus) werden als ›Existenzialismus‹ bezeichnet.

Die Existenz geht der Essenz voraus, so ein Diktum von Jean-Paul Sartre. Damit meint er, dass das bloße Vorhandensein immer schon gegeben ist und es Aufgabe des Menschen ist, dieses Sein zu gestalten, quasi das Material mit Sinn zu füllen. Träume, Ängste und Erfahrungen machen die eigene Essenz aus.

Was heißt das für die Architektur? Im Gespräch mit dem Auftraggeber gilt es herauszufinden, was Existenz und Wesen des Gebäudes ausmachen sollen. Ort, Größe, Position, Materialität, die Entwicklung der inneren und äußeren Räume  … das Wesen des zu schaffenden Objekts wird neben dem anfassbaren Baukörper mitentwickelt. Grundlage von allem sind geistige und kulturelle Werte, die sich schließlich im gestalteten Raum widerspiegeln, ihm Lebendigkeit neben der puren Existenz einhauchen.

Existenzialismus

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Schatten: ein unbeleuchteter Raum hinter einem beleuchteten Körper. Sichtbar und doch nicht existent.

Existenzialismus kann als eine radikalisierte Philosophie der Subjektivität beschrieben werden. Ihr geht es nicht um allgemeine Seinsaussagen, sondern sie zielt auf die Freiheit, Individualität, den Selbstbezug und die Authentizität des Einzelnen. Existenzphilosophie thematisiert die lebensweltliche Situation des Einzelnen, will aber den Menschen nicht empirisch aus der Welt oder aus der Geschichte erklären, sondern die Formen seines originären Selbstseins entwickeln. Das Wesen des Menschen ist Freiheit, aber nicht im Sinne von Willkür, sondern als Übernahme der Verantwortung für sich selbst, für das eigene Leben und Handeln. Freiheit ergibt sich aus der prinzipiellen Unbestimmtheit und Offenheit des Individuums, aus seiner Möglichkeitsstruktur.

Die Existenz des Menschen ist nicht mehr nur eine Faktizität, ein Gegebensein, sondern sie ist aufgegeben. Existenz ist das allen konkreten historischen und sozialen Rahmenbedingungen zugrunde liegende und irreduzible Faktum, dass „ich bin“, das Urerlebnis des Selbstseinmüssens und -könnens. Angst, Sorge, Verzweiflung, Absurdität, Endlichkeit und Tod werden zu wichtigen existenzphilosophischen und existenzialistischen Themen, da in ihnen die Existenz am unmittelbarsten erfahrbar wird.

Aus unserer heutigen Alltagserfahrung lässt sich die Existenzphilosophie kaum mehr wegdenken. Der Zwang zur Freiheit, man selbst sein zu müssen, sich jeden Tag aufs Neue zu erfinden, als Unternehmer seiner selbst sein Kapital zu Markte zu tragen, die unendlichen Möglichkeiten und Formen der Selbstverwirklichung … das alles übersteigt die Fantasie der klassischen Existenzphilosophen des letzten Jahrhunderts um ein Vielfaches. Im 21. Jahrhundert wird das Leiden an der Freiheit immer deutlicher. Wenn alles möglich ist, dann gibt es keine Rahmenbedingungen und Werte mehr, an denen man sich orientieren könnte.

Die Beliebigkeit der Postmoderne stellt die Architektur vor nie gekannte Aufgaben. Zu den fehlenden normativen Ankerpunkten hat die moderne Technik zusätzlich die Möglichkeiten der Gestaltung so weit erweitert, dass wirklich alles möglich scheint. Aber ist dieser Möglichkeitshorizont noch handhabbar? Dieser Frage muss sich sowohl der Auftraggeber stellen, der sich stärker als je zuvor mit dem eigentlichen Zweck seines Objekts auseinandersetzen muss, als auch der Architekt, dem eine ungeheure Fülle an Möglichkeiten offensteht.

Existieren

Martin Heidegger (1889–1976) beschreibt die Sonderstellung des Menschen mit dem Terminus „Dasein“. Die Spezifik des Daseins ist sein Selbstbezug, dass es ihm in seinem Sein um sein Sein selbst geht. Im Alltag ist das Dasein zumeist geprägt durch das gesellschaftliche Umfeld. Es ist nicht es selbst, sondern hat die uneigentliche, entfremdete Seinsweise des „man“ angenommen. Das Man nimmt dem Einzelnen die Entscheidungen ab, es entlastet von jeder Verantwortung und gibt vor, wie das Leben zu gestalten ist. Erst in der Besinnung auf sich selbst, im Anspruch, „man selbst“ sein zu wollen, vermag das Dasein sich aus der Uneigentlichkeit zu erheben.

Eine wirkliche Reflexion über die Begrifflichkeit des Existierens, des Wesens oder des Lebens ist nicht unbedingt in jedermanns Bewusstsein. Wie oft gibt man sich die Zeit oder den Raum, um seine eigene Existenz zu hinterfragen, seinem Wesen auf den Grund zu gehen, zur Eigentlichkeit durchzubrechen? Überflüssig, philosophisch und lebensfern … Welchen Stempel drücken Sie diesen Begriffen auf? Der bekannte schwedische Möbelkonzern warb lange mit dem Slogan: „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ Im Rahmen der Existenz-Überlegungen stellt sich die Frage: „Existierst du noch – oder lebst du schon?“ Existieren ist das bloße Dasein, das Vorhandensein der Materie. Aufgabe des Menschen ist es, sein eigentliches Wesen zum Vorschein zu bringen. Dieses Wesen macht unsere Persönlichkeit, unser Werteverständnis, unser Verhalten und unser Miteinander aus. „Trenne dich nicht von deinen Illusionen – wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren – aber aufgehört haben zu leben!“ (Mark Twain) – So ist es also um uns bestellt.

Wenn ein Gebäude nun dasteht, also existiert – ab wann tut es das genau? Ab dem ersten Gedanken im Kopf eines Architekten oder gar der ersten Idee im Kopf des Auftraggebers? Wird in diesem Augenblick schon eine nicht sichtbare Existenz geschaffen? Dass ein Gebäude mehr ist als nur Stein auf Stein mit Dach und Eingang, ist unbestritten. Wenn wir der Architektur ein Wesen zusprechen, dann verhält es sich mit ihr wie mit dem Menschen. Es wird gestaltet durch das Bewohnen, das Betreten, die Benutzung, ändert seine Bestimmung durch Funktionsänderungen, verliert an Kraft durch respektlosen Umgang und erstrahlt in neuem Licht durch einen neuen Kontext. Dieses Mehr macht gute Architektur aus. Es ermöglicht Leben, Heimat, Geborgenheit, Austausch, Kommunikation etc. Auch für Architektur gilt: Oftmals existiert sie nur, ohne zu leben.

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Eine Frage der Perspektive: Leben oder existieren.

Existenzangst

Im Mittelpunkt von Albert Camus’ (1913–1960) Essay „Der Mythos von Sisyphos“ steht die Erfahrung des Absurden. Im Absurden wird dem Menschen die Welt fragwürdig, sie verliert ihren Sinn. Dies ist verbunden mit der Erfahrung der Angst: Alles, was bisher getragen hat, bricht zusammen. Von dem Moment an, wo jemandem die Absurdität bewusst wird, steht er vor der Entscheidung, ihr durch Flucht in die Alltäglichkeit oder durch Selbstmord auszuweichen – oder dagegen zu revoltieren und das Leben zu ergreifen als eine ständige Revolution, eine ständige Auflehnung gegen seine eigene Unbestimmtheit. Sisyphos als Figur des Absurden ist von den Göttern verurteilt, immer wieder einen Felsblock auf den Berg zu rollen. Gegen das unentrinnbare Schicksal steht die innere Auflehnung. Das Vermögen, die eigene Lage zu bedenken, lässt einerseits die Tragweite der ewig-sinnlosen Tätigkeit bewusst werden, eröffnet aber zugleich die Möglichkeit, das eigene Schicksal zu verachten. Das Wissen um die eigene Aussichtslosigkeit, das seine eigentliche Qual bewirken sollte, vollendet gleichzeitig seinen Sieg. Damit lässt sich für Camus die Angst überwinden.

Wir unterscheiden zwischen der Angst vor der eigenen Existenz (vor dem eigenen Sein) und der Angst um die eigene Existenz. Und: Ist es in unseren Kulturkreisen eine wirkliche Existenzangst – die der ursprünglichen Definition nach gleichzusetzen wäre mit Todesangst – oder eine Angst vor dem Verlust eines Lebensstandards, dem Verlust von Eigentum, Arbeit oder gesellschaftlicher Stellung? Dinge, die in unserer Zeit bedauerlicherweise immer mehr die Beurteilung nach dem Wesen bestimmen. So abgedroschen es klingen mag: Die inneren Werte können nicht bedroht werden. Mit einer Ausnahme: Wenn die Würde des Menschen angetastet wird, ist vielleicht nicht unbedingt das Leben in Gefahr, aber die Wertstellung des eigenen Wesens, welche wiederum den Unterschied bildet zwischen Existenz und Leben. Ein existenzieller Unterschied.

Die Angst um die Existenz des eigenen Büros, seine Anstellung, den Werdegang ist belastend. Doch die Konsequenzen solcher Ängste können sich in Form einer Umentscheidung des beruflichen Kontextes positiv auf das Leben auswirken. Wenn ein Dasein in der klassischen Architektenrolle unmöglich wird, welche Optionen bleiben dann – mit einem Studium, vielleicht einer Spezifizierung, eben einer ganzheitlich angelegten Ausbildung und einer mehr oder weniger langen Berufserfahrung? Angst und Wut können bei Umorientierungen gute Katalysatoren sein und etwas in Bewegung bringen, was in sicherem Zustand schier festbetoniert scheint. Es gibt zu viele Lebensläufe von Architekten (und natürlich aus allen anderen Berufszweigen auch), deren Ausbildung vielleicht nach Plan, das Berufsleben aber häufig zunächst planlos und schließlich in einer vorher unvorstellbaren (im besten Falle vielleicht unbewusst ersehnten) Art verläuft.

Existenzminimum

Als Existenzminimum bezeichnet man die Mittel, die zur Befriedigung der grundlegenden  Bedürfnisse notwendig sind, um zu überleben; dies sind vor allem Nahrung, Kleidung, Wohnung und eine medizinische Notfallversorgung sowie das Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben. Die Definition des Existenzminimums ist immer kulturspezifisch und damit relativ.

Vielleicht sind das Bedürfnis und der Hunger nach einer reichen, wohlgenährten Essenz des eigenen Daseins so essenziell, dass gefühlt die eigene Existenz bedroht ist, wenn die Essenz schwächelt. Im philosophischen Sinne, und auch im spirituellen, ist die Nährung der Essenz keineswegs an materielle Zufuhr gekoppelt. Das reine Dasein bildet durch Begegnungen, Erlebnisse und Beziehungen die Essenz unter der Maßgabe, dass es stets verschiedene Perspektiven gibt, die sich auf die Nährung positiven oder negativen Gutes auswirken und an dem (Nicht-)Gedeihen unseres auf Liebe ausgelegten Wesens beteiligt sind. Im philosophischen Sinne haben Existenzsichern und Essenznähren nicht wirklich etwas miteinander zu tun – im umgangssprachlichen Sinne durchaus. Das Phänomen, dass die meisten Menschen ganz und gar unphilosophisch meinen, ihre Essenz zu nähren (dabei stillen sie nur „primitive“ Bedürfnisse) und damit ihre Existenz zu sichern, ist weit verbreitet.

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Spuren von Existenz: eine Essenz bleibt manchmal spür- und sichtbar.

Die Architekturen, die aus unseren Federn fließen, sollten geprägt sein durch unsere Essenz. Die Bilder unserer Kindheit, der Räume, der Gerüche, der Erlebnisse – ganz gleich ob positiv oder negativ –, unsere Wohnungen, unsere Ausbildung, unsere Begegnungen, Mentoren, Vorbilder und eigenen Erfahrungen lassen aus uns die Architektur herausfließen, die uns entspricht. Und wahrscheinlich wird sie von einer Person in Auftrag gegeben oder gar bewohnt, die spürt, dass beiderlei Wesen über relevante Schnittmengen verfügen. Ein Verständnis für das, was der Bauherr wünscht, der Ort fordert und das Budget hergibt, bildet die Grundlage. Ein befreundeter Architekt sagte einmal in einem Interview: „Ich frage meine Auftraggeber immer zuerst, wie sie denn wohnen möchten: lieber in einer Wolke oder in einer Höhle …“ In diesem Existenz-Kontext gilt es, das Wesen des Bauherrn zu erkennen und maßgeschneidert diesem Wesen eine wesenhafte Architektur zu bieten.

Existenzerfahrung

Die existenzielle Erfahrung des „Umgreifenden“ steht bei Karl Jaspers (1883–1969) im Mittelpunkt seines Denkens. Das Umgreifende ist das, was sich immer nur ankündigt, das man aber nie ganz erkennen kann. In der Grenzerfahrung bekommen wir eine Ahnung davon.

In Grenzsituationen wird der Mensch auf sein Innerstes zurückgeworfen. Es sind Situationen, über die wir nicht hinauskönnen, die wir nicht ändern können, die aber den Einzelnen bis ins Tiefste treffen. Sie lassen die Kluft zwischen Wollen und Erreichbarem, zwischen Endlichkeit und Transzendenz aufscheinen; sie konfrontieren uns mit dem Scheitern des Menschen, das vor allem ein Scheitern des Denkens an der Transzendenz ist. Von den Grenzsituationen aus sind zwei Wege möglich: entweder das Aufgeben, die Enttäuschung, die Ohnmacht, oder das tätige Standhalten, das Annehmen der Herausforderung und die Besinnung auf sich selbst.

Auch die Architektur lebt von diesen Grenzerfahrungen. Ein zentrales Element der Architektur ist gerade die Grenze zwischen innen und außen, zwischen privat und öffentlich, zwischen Transparenz und Masse. Das Ziehen von Grenzen macht den (bewohnbaren) Raum erst möglich. Räume können wie geschaffen sein für Grenzerfahrungen; gotische Kathedralen sind Beispiele für Räume, die über diese Ausstrahlung konzipiert wurden. Das Überwältigtsein von Licht und hohem Raum, von räumlicher Tiefe oder großer Behaglichkeit, von der perfekten Proportion und harmonischem Materialwechsel ist ein Indiz wesenhafter Architektur – wahrgenommen von menschlichen Wesen.

Autoren:
Ann-Kristin Masjoshusmann, BerührungsPUNKTE-Redaktion
Michael Niehaus, Philosoph, Autor und Inhaber der Philosophischen Praxis prophil in Dortmund (www.pro-phil.de)