Der deutsche Beitrag zur Architektur-Biennale 2012

Sozial bedeutsam, gesellschaftlich relevant und unspektakulär – so lauten die Maximen von Muck Petzet, dem diesjährigen Generalkommissar des deutschen Beitrags in Venedig. Maximen für einen Beitrag, der sich namentlich an der Abfallhierarchie orientiert.

REDUCE – REUSE – RECYCLE. Es geht nicht um die Auseinandersetzung und den Stellenwert von Umbau oder Neubau: Neubau ist gar kein Thema. „Es geht um ein heutiges Selbstverständnis, das in der Sache der Dinge liegt: Großmaßstäbliche Schrumpfungs- und Umlagerungsprozesse müssen in Deutschland gesteuert werden, immer mehr müssen sich die Architekten mit dem Vorhandenen auseinandersetzen.“ Jetzt werden viele sagen: Das ist ja nichts Neues, das macht heutzutage jeder Architekturschaffende, viele Bauherren legen selbst Hand an, um umzubauen, zu erweitern, zusammenzufügen, zu modernisieren. Doch Petzet geht es um eine neue Wahrnehmung, um eine Änderung der Perspektive und das Erkennen und Nutzen einer neuen-alten Ressource: der Architektur selbst. „Wo wirtschaftlich vertretbar, werden ‚veraltete‘ Gebäude und Siedlungen abgerissen und durch neue ersetzt. Die ‚graue‘, in den alten Materialien gespeicherte Energie wird bei einer energetischen Bewertung nicht berücksichtigt und bei Abbrüchen bedenkenlos freigesetzt. Werden Gebäude ‚energetisch saniert‘, stehen wirtschaftliche und technische Faktoren im Vordergrund. Ergebnis der auf ‚Energieeinsparung‘ ausgerichteten Sanierung der Gebäude ist meist der Totalverlust der vorhandenen Qualitäten.“

Muck Petzet verlässt mit REDUCE – REUSE – RECYCLE das relativ sichere Gebiet der Sanierung und der Denkmalpflege im historischen Sinne und widmet sich dem Banalen, dem Alltäglichen in Sachen Umbau. Anhand von 16 Projekten zeigt er Strategien und Positionen von Architekten, die den Bestand positiv aufnehmen und verstärken und das Vorhandene als Inspiration und Anstoß zur Weiterentwicklung begreifen. Während des Pressegesprächs im Café Einstein, zu dem sie am 8. Mai in Berlin einluden, erklärte Muck Petzet, dass die Themen Verwandlung, Umwandlung und Restaurierung noch Stiefkinder seien bei den Architekten – was auf großen Widerspruch stieß in der Menge. Wie er das Gesagte meinte, wird deutlich, wenn man sich die Bilder ansieht, die im Pavillon ausgestellt sein werden.

Ästhetisch? Morbide? Architektur- oder künstlerische Fotografie? Zum Überdenken und zum Perspektivwechsel bringt er die Betrachter sicher – bleibt nur die Frage, welches Gefühl sich bei ihm einstellt. „Die Qualität der gezeigten Projekte liegt in intelligenten Strategien und nicht in spektakulären formalen Eingriffen. Die Fähigkeit, sich in den Bestand hineinzuversetzen, zählt auf Dauer mehr, als ihm etwas Neues entgegenzustellen.“ Die Art und Weise der Präsentation wird wohl maßgeblich die assoziativen und inspirativen Welten der Betrachter mitgestalten, über die sich Petzet und sein Team allerdings ausschwiegen.

 

Ob der Überraschungseffekt in Venedig dann den Aha-Effekt beim Architekten mit sich bringt, sei den Akteuren und uns zu wünschen. Hoffentlich gelingt der Transfer von sozialer Bedeutsamkeit und gesellschaftlicher Relevanz durch die Änderung der Wahrnehmung.

Chipperfield schwelgte auf seiner Pressekonferenz fast kindlich-naiv in der Vorstellung, dass die Besucher nachher sagen: „Oh, wie ganzheitlich und sorgfältig Architekten doch tatsächlich denken …“ Es wäre für die deutsche Architektenschaft ein voller Erfolg, wenn Muck Petzet diese Einsicht durch seinen Beitrag bestärken würde. Dann müsste zumindest nicht über Geschmack gestritten werden.

 

 


Beteiligte:

Muck Petzet, Architekt
Generalkommissar des deutschen Beitrags
Konstantin Grcic, Designer
Ausstellungsgestaltung
Erica Overmeer, Fotografin
fotografiert die Ausstellungsprojekte
Thomas Mayfried, Grafikdesigner
Swantje Grundler, Kunsthistorikerin
Florian Heilmeyer, Architekturjournalist
Sally Below, Projektleitung (Agentur sbca)

Talks als Einstieg in das Biennale-Thema:

7.6.2012, 19 Uhr: Andreas Hild, Muck Petzet,
Florian Heilmeyer, DAZ Berlin

28.6.2012, 19 Uhr: Arno Brandlhuber, Muck Petzet,
Florian Heilmeyer, Vorhoelzer Forum TU München

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