Ein Porträt über die Architektin und Szenenbildnerin Stephanie Ernst

Sie stammt aus einer Architektenfamilie: Für den Großvater, den Vater und zwei ihrer vier Brüder waren ihre Aufgaben immer eindeutig, ihre Herzen schlugen und schlagen bis heute ausschließlich für die Architektur. Anders bei Stephanie Ernst: Nur wenn sie gerade einmal nicht in der Weltgeschichte herumreist, greift sie ihnen in ihrem gemeinsamen Büro ERNST ARCHITEKTEN in Zülpich unter die Arme.

Stephanie Ernst spricht fließend Italienisch, Französisch, Englisch, lebt zu 60 Prozent aus dem Koffer und ist sich nicht zu schade, im Eiscafe nebenan in Köln für 7,- Euro die Stunde zu jobben, wenn weder Brunetti noch die Brüder Max und Markus und auch kein Produzent rufen – und die rufen eigentlich recht oft, und gern auch zeitgleich. Sie hat das typisch rheinländische Gemüt – nichts scheint wirklich mühsam, nichts aussichtslos. Nicht selten verfällt sie in den rheinländischen Slang … bei ihr wirkt es wirklich charmant!

Stephanie ist stets da, wo sie ist. Eins geschieht nach dem anderen mit voller Power, Lebenslust und hundertprozentigem Engagement. Wenn es Zeit ist, am Lido zu liegen, dann ist es Zeit, am Lido zu liegen. Und wenn es Zeit ist, sich für Brunetti-Produktionen in Venedig die Füße plattzulaufen – 16 Stunden am Tag unter höchstem Zeitdruck, ohne Pause, im Regen, obwohl eigentlich Sonne vorhergesagt wurde –, dann ist das eben so.

Sie hätte nach ihrem Studium an der FH Köln auch im Architekturbüro arbeiten können, Möglichkeiten und Talente hatte sie genug: Vor ihrem Diplom, das sie mit Auszeichnung bestand, arbeitete sie u.a. bei Hendro Susanto, Bandung/Java, Peter Eisenman, N.Y., Ivano Gianola im Tessin und Joachim Schürmann, Salzburg/Köln. Doch sie wollte nie länger an einem Ort bleiben und jeden Tag in das gleiche Büro gehen. Sie braucht bis heute die Abwechslung, neue Kontakte, Herausforderungen und Themen, die ihre Faszination wecken.

Im Gespräch sprüht Stephanie Ernst voller Begeisterung, ihr und ihren Kontakten in Venedig haben wir unseren BerührungsPUNKT im Palazzo Loredan dell’Ambasciatore zu verdanken. Und so springen wir in unserem Gespräch von einem Szenenbild zum nächsten – Szenenbilder eines Lebens, das aufregend, nicht immer von grandiosen Erfolgen, doch stets von überschäumendem Optimismus geprägt ist.

Ken Adam hat sie einiges zu verdanken. Die Faszination für seine James-Bond-Szenenbilder der 1960/70er brachte sie vor 14 Jahren zum Film. Ein Volontariat beim WDR und die Fähigkeit, spontan den Lebensmittelpunkt nach Venedig verlegen und die Zelte in Deutschland vorerst abreißen zu können, bescherten ihr den Job, den sie immer wollte: Szenenbildnerin beim Film. Die Donna Leon/Brunetti-Produktionen betreut sie seitdem federführend, außerdem Produktionen in Spanien, Italien und den USA.

„Wenn man Freude empfindet und einem die Arbeit Spaß macht, hat man einfach die nötige Power. Müde werde ich nur, wenn ich etwas nicht gern mache.“

Die langjährige Berufserfahrung, die Fähigkeit, architektonisch, also ganzheitlich und konzeptionell denken zu können, maßgeschneiderte Lösungen zu finden, und die Tatsache, dass sie über großes Organisationstalent und viel Empathie verfügt, machen sie zu einer vielgefragten und in Filmkreisen mittlerweile anerkannten Persönlichkeit.

Welchen Karneval die Rheinländerin bevorzugt? Sie selbst zieht den kölner dem venezianischen vor – schließlich war sie selbst früher Funkenmariechen. Außerdem findet der wahre Karneval in Venedig hinter verschlossenen Türen statt. Den Venezianern wurde 1823 von Napoleon eigentlich verboten zu feiern. Doch 1975, Napoleon war ja schon längst tot, begannen sie wieder an ihre Tradition anzuknüpfen. Fortan feiern sie in Samt und mit Masken in ihren Privatgemächern. Das, was der gemeine Tourist im Nieselregen bei 3 Grad auf dem Markusplatz geboten bekommt, fußt meist nur auf gesponserten Werbemaßnahmen. Einzig sehenswert sei vielleicht die Columbina, ein Engel – heute meist ein Promi-Sternchen, das dann voller Angst und stocksteif vom Campanile schwebt. Mit diesen Aussagen entmystifiziert Stephanie dann auch für die, die noch an ihren Vorstellungen von fantasievollen Kostümen und handgefertigten eleganten Masken festhielten, den Traum vom authentischen venezianischen Karneval auf dem Markusplatz.

Handgemacht ist in Venedig ja ohnehin nur noch recht wenig. Die Gläser von Nason Moretti gehören zu den wenigen, denen man nachweisen kann, dass sie „handmade“ und somit original venezianisch sind: Ein kleiner Knubbel unter dem Boden, an der Stelle, an der der flüssige Glasstrang abgeknipst wird, bleibt immer und ist industriell nicht zu imitieren.
„Pettegolezzi“, der Klatsch und Tratsch auf den Straßen Venedigs, sorgt für den reibungslosen Ablauf der sozialen Belange innerhalb der Stadt. Geheimnisse gibt es praktisch kaum, das Gequatsche hört nie auf, Informationen verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Wenn die „bella bionda“ (in Venedig gelten alle Nicht-Schwarzhaarigen als blond!) morgens um halb acht mit ihren Freunden Carlo (der Metzger), Gino (Gewürzhändler), Primo (versorgt sämtliche venezianischen Bäckereien mit Eiern) und Valter (verkauft Milch und Käse) in ihrem Stammcafé sitzt, wissen alle schon genau Bescheid über ihre Arbeit, die Länge ihres Aufenthalts und mit wem sie schon nachmittags einen Espresso getrunken hat. Venezianer sind, wie die Rheinländer, eben offen, gesprächig und neugierig.

Banditen sind sie auch alle auch ein bisschen – wenn auch meist liebenswerte. Festpreise sind nicht immer Festpreise und Absprachen haben hin und wieder eine recht geringe Halbwertzeit – an Erklärungen mangelt es ihnen nie und um Ausreden sind sie selten verlegen. Apropos Banditen: „Wenn die Venezianer damals nicht alles gestohlen hätten, dann gäb´s Venedig gar nicht! Viele der Skulpturen bestehen ja aus istrischem Gestein. Früher wurden die Kunstwerke zum Beispiel aus dem heutigen Istanbul einfach mitgenommen. Wie die Pferde auf dem Markusplatz. Diese Gesteinsvene wächst von Kroatien aus unter dem Meer nach Süditalien. Heute wird er dort abgebaut, aber er ist nicht so hart, sondern fast porös, weil die Ader zu nah an der Oberfläche ist „, so die Venedig-Expertin.

Regelmäßige Biennale-Besucherin ist sie selbstredend auch – seit Jahren. Familiäre Termine in Deutschland einzuhalten ist für sie fast unmöglich – aber die Brunetti-Episoden werden meist während der Architekturbiennale gedreht. In diesem Jahr wird Stephanie während unseres Aufenthalts schon als Szenenbildnerin für weitere Brunetti-Produktionen aktiv sein – und uns sicher das eine oder andere Mal in unserem Palazzo am Canal Grande besuchen.

PS: Filippo Gaggia war wohl sehr erleichtert, dass Stephanie während der gesamten Berührungspunkt-Venedig-Aktion mit vor Ort ist … mit ihr kann einfach nichts schiefgehen!

Produktionen (Auswahl):
NetworkMovie HH für ZDF, 2011 Hudson-Valley, N.Y.: Katie Fforde; „Leuchtturm mit Aussicht“, Regie: John Delbridge,
„Diagnose Liebe“ (AT), Helmut Metzger
TeamWorx Potsdam für ARD, 2010 Venedig, Donna Leon: Commissario Brunetti „Schöner Schein“ und „Das Mädchen seiner Träume“,
Regie: Sigi Rothemund