Venedigs klamme Stadtverwaltung verhökert das Tafelsilber

Ein Kommentar von Falk Jaeger

In der Lagunenstadt ist Bedenkliches im Gange. Der Modekonzern Benetton hat sich den größten Palazzo am Canal Grande gesichert und will ihn zum Megastore verunstalten.

Der Fondaco di Tedeschi, unmittelbar an der Rialtobrücke gelegen, ist der stattlichste Palazzo am Canal. Genauer gesagt, ein historisches Handelshaus der Deutschen (Tedeschi), das immerhin auf das Jahr 1228 zurückgeht. Der heutige Renaissancebau entstand 1505–07 nach den Plänen des berühmten Baumeisters Fra Giovanni Giocondo und wurde häufig umgebaut, verändert, unter Napoleon als Zollbehörde benutzt und war seit 1870 bis 2011 zuletzt nur teilweise als Hauptpostamt in Gebrauch. Ein Haus mit wechselvoller Geschichte also, ein Kulturdenkmal ersten Ranges, das nun einer neuen Verwendung zugeführt werden soll. An den Modehändler Benetton hat die Stadt mit den notorisch leeren Kassen den Bau 2008 verkauft, damit der das Gebäude saniere und wieder mit Leben erfülle.

Ein dafür prädestinierter Architekt ist leicht zu finden. David Chipperfield kommt einem in den Sinn, Volker Staab, wenn’s denn ein Tedescho sein sollte, Rafael Moneo aus Spanien vielleicht, oder Peter Zumthor, wenn man Zeit und Geld hat. Aber Rem Koolhaas? Jener Koolhaas, der sich für selbstorganisierende Systeme wie die Slums von Lagos interessiert, der über „bigness“ in der Architektur forscht und für den Shopping (so der Titel eines seiner Bücher) die neue Lebensbestimmung des Städters ist?

Der Zyniker unter den internationalen Stararchitekten soll also nach dem Willen der Familie Benetton das Kulturdenkmal im Herzen Venedigs als Konsumtempel gefügig machen. Soll es „reaktivieren“ und in einen „vitalen öffentlichen Raum“ verwandeln.
Und so plant Koolhaas mit seinem Rotterdamer Büro OMA, in dem alten Gemäuer einen Megastore mit 6.800 Quadratmeter Verkaufsfläche einzurichten. Bonbonbunte Rolltreppen sollen den viergeschossigen, arkadenumsäumten Lichthof durchschneiden und die Besuchermassen nach oben schaffen, in die Verkaufsetagen und schließlich auf das Dach. Denn zwei Flügeln der Vierflügelanlage soll das Dach abgenommen werden zugunsten einer geräumigen Dachterrasse, von der aus man einen prominenten Blick auf Canal Grande und Rialto haben soll. Das fehlende Dach werde von unten nicht auffallen und das Profil des Baus nicht stören, lässt das Architekturbüro verlauten. Dass man das Haus an der Biegung des Canal Grande schon von weitem über der Rialtobrücke aufragen sieht, wenn der Traghetto beim Palazzo Grassi um die Ecke biegt, und dass es genauso vom Bahnhof her in der Blickachse steht, wird dabei verschwiegen.
Die (dürftigen) Simulationen aus dem Haus OMA zeigen Menschenmassen auf der Dachterrasse und Großplastiken und eine Filmvorführung im Innenhof. „Das Haus startete als Handelszentrum, und wir bringen es in diese Funktion zurück“, argumentiert der Sprecher des Hauses Benetton und würzt seine Aussage noch mit haltloser Polemik: „Eine Stadt nur mit Museen wird sterben. Es gibt viel Kultur in Venedig, aber du kannst kein Sandwich finden“.

Denkmalschutz? Spielt keine Rolle. 53 Millionen hat der Bauherr für die venezianische Preziose ins Stadtsäckel gezahlt, da kann man schon ein gewisses Entgegenkommen erwarten. Um dem Amtsschimmel noch etwas auf die Sprünge zu helfen, will Benetton weitere 6 Millionen zahlen, wenn die Baugenehmigung innerhalb eines Jahres vorliegt. Koolhaas selbst macht sich über die Denkmalschützer lustig. Die Zeitspanne, nach der man ein Bauwerk unter Schutz stellt, werde immer kürzer, sodass man die Gegenwart bald überholen werde und Denkmalschutz in die Zukunft projiziere.

Nicht nur wegen des rüden, taktlosen Umgangs mit dem Bauwerk, das einst ein berühmter Kollege entwarf, und seiner Absicht, die eindrucksvolle Raumschöpfung des Innenhofs zu zerschlagen, ist Rem Koolhaas wohl kaum der Architekt, dem man ein solches auf uns gekommenes Kulturdenkmal anvertrauen sollte. Er hat noch nirgends unter Beweis gestellt, dass er sich einfühlsam in einen historischen Bau hineindenken, dessen Charakter und Geist erspüren und in diesem Sinne Altes reparieren und Neues sensibel hinzuzufügen vermag. Im Gegenteil, er liebt die Provokation und kokettiert seit jeher damit, dass ihm nichts heilig ist. Generationen von Studenten und jungen Architekten lagen ihm deswegen zu Füßen – und haben sich später abgewandt. Soll er mit einem Handstreich zerstören dürfen, was Jahrhunderte bis in unsere Tage überdauerte?

Doch dazu wird es wohl nicht kommen. In der Stadt regt sich heftiger Widerstand. Die Denkmalschutzorganisation Italia Nostra hat wegen der Beeinträchtigung der „physischen Integrität und historischen Identität des Denkmals“ gegen das Projekt Klage eingereicht. Das Denkmalamt hält sich derweil bedeckt. Über den Fortgang der Planungen und Änderungen nach der öffentlichen Kritik gibt es nur Gerüchte. OMA kommuniziert nur noch unverfängliche Bilder des Projekts. Kritik und Misstrauen muss sich auch Bürgermeister Giorgio Orsoni erwehren, der freilich erst seit 2010 amtiert.

Für die Stadt hat das Projekt über das Denkmalproblem hinaus kaum zu unterschätzende Auswirkungen. Bislang gibt es in der Lagunenstadt kein Warenhaus dieser Größenordnung. Benetton verspricht zwar 400 neue Arbeitsplätze, aber der behauptete Nutzen für die Wohnbevölkerung ist nicht zu erwarten, denn das Luxuskaufhaus wird fast ausschließlich auf die Bedürfnisse der Touristen abgestellt. Die versprochene Kultur im Fondaco ist erkennbar nur Vorwand und Lockmittel für die Stadtverwaltung. Die Touristen indes kommen (bislang) eigentlich nicht zum Shoppen in die Stadt. Ob es klug ist, das zu ändern, ist höchst fraglich. So werden die United Colors zum Booster für die weitere Kommerzialisierung der Serenissima und tragen dazu bei, die Vernutzung der Stadt durch den Massentourismus voranzutreiben.

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