Aufbruch in der Architektur-Kommunikation

Kommunikation für Architekten? Gefährlich? Der Architekt steht immer mit einem Bein im Gefängnis. So beispielsweise Mitte der 1990er Jahre: Die ersten Internetseiten von Architekturbüros gehen online.

Aus heutiger Sicht waren diese Büros Vorreiter, damals wurden sie fast als Kriminelle abgestempelt. Anpreisende Werbung ziemte sich nicht für den Berufsstand. Heute lachen wir darüber, aber damals hat das Internet das eingeschränkte Werberecht für die freien Berufe gehörig durcheinandergewirbelt. Das Internet war noch nicht erfunden, aber mit seinem schwarzen Anzug und der breit umrandeten Brille war Le Corbusier bereits ein Meister der Profilierung. Er inszenierte sich selbst, indem er sein Aussehen nie veränderte. Er hat die Marke Le Corbusier geschaffen, indem er sich als Person inszenierte: spektakuläre Entwürfe, leidenschaftliche Vorträge, öffentliche Auftritte. „Le Corbusier fertigte in den zwanziger Jahren gigantische Fresken seiner futuristischen Stadtvisionen an und zeigte sie in Pariser Galerien. Im sprachlichen Duktus eines Revolutionsführers arbeitete er immer wieder den epochalen Umbruch in der Architekturgeschichte heraus“, erläutert Gunnar Klack in seinem Artikel „Le Corbusier“ im Magazin Spex #321 das Vorgehen. „In seiner eigenen Zeitschrift bewarb er die Möbel, die er entwarf, in Vorträgen zeigte er Bilder aus seiner Zeitschrift, und in seinen Büchern nahm er schließlich auf alle Aspekte seiner Arbeit gleichzeitig Bezug. Es handelt sich um einen der ersten Fälle von Cross-Marketing.“

(un)umkehrbar
Im Cross-Marketing verbinden sich mehrere Kommunikationsinstrumente effektiv miteinander. Zu den damaligen Werbeformen kommen heute neue hinzu – unsere Kommunikationsgewohnheiten haben sich verändert. Und angetrieben vom rasanten technischen Fortschritt in der Geräteentwicklung und Computertechnik verändert sich die Kommunikation weiterhin rasend. Das Bedürfnis steigt, jederzeit und überall Informationen zu konsumieren. Sei es mit Laptop, iPhone, iPad oder Social-Media-Plattformen. Nicht nur vom Schreibtisch aus, auch unterwegs können wir auf alle Informationen zugreifen. Und wir können selbst jederzeit und von jedem Ort berichten. Der Siegeszug des Internets ist unumkehrbar. Fast alle Dinge des täglichen Lebens organisieren wir mithilfe des Netzes: Freunde, Urlaub, Einkaufen. Und natürlich auch Information und Kommunikation. Aber wie sieht es mit den sogenannten Social-Media-Netzwerken und -foren aus? Was nützen mir Blog und Twitter als Unternehmer und Unternehmerin? „Das Internet ist kein technisches Netz, sondern ein soziales!“, betont der Hamburger Trendforscher Prof. Peter Wippermann bei einem media coffee der news aktuell GmbH. 65 Prozent der Internetnutzer hatten im Jahr 2009 ein Profil in einem Social Network. Die Zahl der Nutzer hat sich seit 2005 vervierfacht, Tendenz steigend.

(un)persönlich
Der Vorteil von Online-Netzwerken wie beispielsweise XING oder Facebook: Jeder Nutzer entscheidet selbst, was der zukünftige Geschäftspartner von ihm sehen kann und soll. Es geht allerdings nicht darum, sofort einen Auftrag zu generieren – das wird nur in seltenen Fällen funktionieren. Aktiv Kontakte knüpfen und diese pflegen steht im Vordergrund. Und es geht um Vernetzung und Verlinkung, die eigene Sichtbarkeit im Netzwerk und im Allgemeinen erhöhen, den eigenen Internetauftritt bekannt zu machen. Sie sind präsent und können mit potenziellen Auftraggebern, Partnern und Multiplikatoren in Dialog treten. Oder Sie berichten regelmäßig auf einem eigenen Blog. Dieser lebt von der Interaktivität mit den Nutzern. Im Blog können Sie Ihre persönliche Meinung sagen, er lebt von Kommunikation und Reaktion. Die Plattform Twitter dagegen eignet sich für Architekten sehr gut, um auf Themen und Ereignisse aufmerksam zu machen, wie beispielsweise Messen, Vorträge oder Artikel. Blog und Twitter – beide Medien dienen der Kommunikation und Diskussion, dem Austausch von Informationen, Gedanken und Erfahrungen.

(un)interessant
Profilieren Sie sich als Experte und Expertin. Bieten Sie Informationen, sprechen Sie über sich. Die neuen Geschäftspartner durch Social Media kennenlernen, eine perfekte Alternative zu Treffen von Angesicht zu Angesicht? „Die Unternehmer fragen mich, was sie twittern und in ihrem Blog schreiben sollen“, erläutert Brigit Law, Gründerin der Storytellers World Wide. „Ich rate den Architekten ‚concept thinking‘ zu benutzen, wenn sie über ihre Arbeit reden. Das bedeutet, den Kontext, Menschen, soziale Ideen und Emotionen zu betonen – also Schlüsselelemente einer guten Geschichte.“ Jede unserer Handlungen hat für unsere Umgebung automatisch eine soziale Bedeutung. Ein Beispiel dafür bietet Rem Koolhaas, wenn er in seinem Film über seine Reise nach Lagos die Schlüsselthemen der aktuellen Architekturdiskussion anspricht. Das Video bei YouTube hat über 54.400 Zugriffe. „Diese Art des Storytellings vereinfacht es Themen zu finden und vor allem sind sie für eine breite Zielgruppe interessant“, kennt Law den Vorteil. „Je mehr die Geschichte die Menschen bewegt, desto eher antworten sie, erzählen und twittern die Neuigkeiten in ihren eigenen Netzen weiter und verbreiten sie so rasend schnell.“

(un)kommunikativ
Öffentlich Geschichten erzählen? Für viele Architekten nach wie vor nicht vorstellbar. Im Jahr 2002 hat Oliver G. Hamm in einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung den Begriff „kommunikationsgestörte Autisten“ geprägt. Der Zusammenhang war ein anderer, aber er passt zu der noch immer fest sitzenden Einstellung, der Architekt wirbt nur durch sein Werk. Viele Architektinnen und Architekten reden ungern über sich und ihre Arbeit. Und sie möchten ihre Daten und ihre Person nicht öffentlich machen, aus Angst vor Missbrauch und Kontrollverlust. Aber: Werbung als Unternehmen ist unumgänglich! Das Zeitalter des Internets bietet die große Chance, eine neue Art der Kommunikation zu nutzen. Der große Vorteil: Es bietet anders als die anderen Medien die Möglichkeit zum Dialog, ist Plattform zum Austausch. Für Le Corbusier hätte die heutige Kommunikation nach Utopie geklungen. Aber so klingt das Neue am Anfang immer. Er würde uns heute sicherlich auf all seinen Reisen twitternd über seine aktuellen weltbewegenden Projekte auf dem Laufenden halten.

Bildrechte: © Katja Domschky, Anke Domschky