Der Zweck in der Architektur

Begegnet einem der Begriff „Zweck“, so fühlen sich Architekten wie Philosophen und vermutlich auch jeder andere zunächst sicher in seinem Verständnis und seiner Definition. Was bei Architekten über Mehrzweckräume, Zweckgebundenheit, über Nutzung, Funktion und die beneidenswerte Zwecklosigkeit in der Kunst gleich gesetzt wird, stellt für den Philosophen ein Bedeutungsgebilde immensen Ausmaßes dar, mit Herleitungsfundamenten aus der Antike und einer vollkommen anderen Perspektive. Im Dialog der historischen Baumeister von Gedankengebäuden mit den Architekten von heute ergeben sich interessante Perspektiven zur Planung und Gestaltung von Architektur und vielem mehr.

I. Der Begriff „Zweck“ ist dem Architekten nicht Feind, sondern Freund!
Architekten stehen in ihrem Schaffen häufig im Spagat zwischen Kunst und Technik – selten im Einklang. Ihre Berufsbezeichnung kann nur im historischen Zusammenhang vollkommen verstanden werden – stets orientiert an gesellschaftlichen, religiösen und politischen Entwicklungen. Sie tragen diese Verantwortung, nah an Funktion und Nutzen Räume zu schaffen, die ein Stadtbild prägen, den Menschen ein Dach bieten, eine Aussage treffen über die Benutzbarkeit, die Wege, den Inhalt. Architekten setzen üblicherweise den Zweck mit Nutzung oder Funktion gleich. In einigen Beiträgen dieses Magazins finden sich Aussagen, die sich genau dieser Definition: Zweck = Funktion, Nutzen bedienen. Bei der Recherche und diesem Exkurs für Architekt und Philosoph taten sich doch Zitate auf, die zeigen: Die Problematik Zweck mit Funktion gleichzusetzen ist nicht neu und die Ausmaße nicht weniger erschreckend. Vielleicht gelingt es an dieser Stelle für eine aus der Philosophie stammenden Herleitung und damit für eine für einige Leser vermutlich neue Sichtweise zu sensibilisieren.

„Architektur ist, unabhängig davon, wie profan oder anspruchsvoll der Zweck ist, dem sie dient, letztlich die Gesamtheit der durch Menschenhand veränderten Umwelt und damit eine kulturelle Leistung der Menschen.“ (Meinhard von Gerkan, Die Verantwortung des Architekten)

Heute sind wir von vielen Gebäuden umgeben, die mit Architektur nicht mehr viel gemein haben: Sie dienen in erster Linie einer Funktion, eingebunden in Finanzierbarkeit, schneller Umsetzung, möglichst geringer Planungskosten. Der Mehrwert, durch den wahre Architektur überhaupt entsteht, liegt IM Zweck, HINTER dem Nutzen und der Funktionalität und ist eigentlich der Augenstern eines jeden verantwortungsvollen Architekten: dieses gewisse ETWAS MEHR an Raumschaffung, Raumformung und Erwartung. Der Zweck ist dem Architekten nicht Feind, sondern Freund, da nur er genau dies im Sinn hat! Die Frage „Wozu das Ganze?“ liefert den Schlüssel – und das könnte die Frage nach dem Zweck sein.

Wir können an dieser Stelle auch die Frage „Muss denn Architektur immer einen Zweck haben – oder gibt es Architektur ohne Zweck?“ mit einem klaren Nein beantworten. Betonend, dass Zweck nicht mit Funktion oder Nutzen gleichzusetzen ist, mag an dieser Stelle folgende Aussage aufräumen: Alles Bauen verfolgt einen Zweck! Jede menschliche Intention ist auf Ziele, also Zwecke gerichtet! Der grundlegende Zweck ist beispielsweise das Wohnen, Mittel zum Zweck sind die Funktion, die Konstruktion, die Form und das Material eines Gebäudes. Dieser Zweckhaftigkeit allen Bauens geht auch der deutsche Philosoph Martin Heidegger nach. „Zum Wohnen, so scheint es, gelangen wir erst durch das Bauen. Dieses, das Bauen, hat jenes, das Wohnen zum Ziel“, so Heidegger in seinem berühmten Vortrag beim Deutschen Werkbund „Bauen – Wohnen – Denken“ von 1951. Jedes Bauen ist Mittel zum Zweck des Wohnens und noch mehr:“Das Wohnen ist die Weise, wie die Sterblichen auf der Erde sind. …Wir wohnen nicht, weil wir gebaut haben, sondern wir bauen und haben gebaut, insofern wir wohnen, d. h. als die Wohnenden sind.“ Als Mensch kann man nicht anders als wohnen. In unserem Bauen und in der Weise, wie wir den gebauten Raum bewohnen, spiegelt sich, wie wir Welt und Wirklichkeit verstehen und was wir für sinnvoll und bedeutungsvoll erachten.

II. Die Unterscheidung von Mittel und Zweck
Die Verwendung des Begriffs „Zweck“ im Alltag ist vielschichtig, uneinheitlich und zum Teil widersprüchlich. Daher ist es sinnvoll sich zu Beginn mit der Herkunft und der geistesgeschichtlichen Tradition des Begriffs zu beschäftigen. Im mittelhochdeutschen bezeichnete „zwec“ einen Nagel oder Stift. So sind Schusterzwecken Nägelchen zum Befestigen der Sohle und erinnern noch heute an den ursprünglich gegenständlichen und lebenspraktischen Verwendungshorizont. Später meinte Zweck das Ziel, d.h. den Nagel im Mittelpunkt der Zielscheibe und schließlich den Zielpunkt. Der Zweckbegriff hat also einen intentionalen Aspekt und ist Ausdruck eines Wollens, der Bewegung auf etwas hin. In enger Verbindung zum Begriff des Zwecks steht der des Mittels und wird im Alltag nur allzu oft mit ihm verwechselt. Das Mittel ist die bewusst eingesetzte Vermittlung zwischen der Intention einer angestrebten Wirkung und deren Realisation. Bildhaft gesprochen steht das Mittel als Ding, Handlung oder Prozess in der Mitte zwischen dem es einsetzenden Menschen und seinem Zweck. Nach dem Zweck fragt man „Wozu machst du das, was ist dein Ziel, deine Intention?“, nach dem Mittel fragt man „Wie erreichst du dein Ziel? Mit welchen Instrumenten und Maßnahmen willst du dein Ziel erreichen?“. Die Schwierigkeit bei der Unterscheidung von Zweck und Mittel ist, dass sie sich in einem Kontinuum befinden. Je nach Perspektive erscheinen die gewählten Mittel zur Realisierung des Zwecks bereits als der Zweck selbst. Nur durch gründliches Nachfragen nach dem „Wozu?“ lassen sich die Zwecke selbst erkennen.

Diese Unterscheidung von Zweck und Mittel hat wesentlichen Einfluss auf das gesamte abendländische Denken gehabt. Kants kategorischer Imperativ ist hier ein Meilenstein der Ethik und bildet auch heute noch die Grundlage unserer Gesetzgebung. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“, ist keine inhaltliche Norm, sondern eher ein Prüfkriterium für Normen und Handlungen. Wenn man nun prüfen will, ob eine Entscheidung oder eine Tat moralisch richtig ist, muss die jeweilige Handlung durch Abstraktion in eine allgemeine Regel verwandelt werden. Dann kann beurteilt werden, ob die Anwendung dieser Regel allgemein wünschenswert ist. Kants kategorischer Imperativ ist somit eine elaborierte Form der goldenen Regel „Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu“. In einer anderen Formulierung heißt es dazu bei Kant „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Dieser Selbstzweck des Menschen ist die Grundlage für die verfassungsmäßig garantierte Unantastbarkeit der Würde eines jeden Menschen. Einen Menschen nur als Mittel, als Instrument zur Zielerreichung zu behandeln, würde ja bedeuten, dass es Zwecke gibt, die über diesen einzelnen Menschen hinausgehen. Dies ist die Gefahr einer jeden Ideologie, die im Zweifel zur Verwirklichung ihrer Utopien auch über Leichen geht. Nach Kant gibt es keine Ideale, keine Ziele, die höher als das einzelne menschliche Leben zu bewerten wären. Menschliches Leben ist nicht unter Nutzenaspekten zu betrachten, es trägt seinen Zweck bereits in sich. „To live for Life“, Menschsein, einfach „Leben“ und Dasein – das allein ist bereits der Zweck menschlicher Existenz.

III. Die Frage nach dem „Wozu“ – Vom Sinn und Zweck der Fragerei Die Frage
„Wozu“ fragt nach dem Zweck, nach den Intentionen, nach den zukünftigen Verwendungen. Gleichwohl fällt auf, dass diese Frage nach dem Zweck selten im Mittelpunkt der praktischen Arbeit vor Ort im Architektenbüro steht. Hier dominieren vor allem die Fragen nach dem „Wie“: Wie, d.h. mit welchen gestalterischen Mitteln lassen sich die Erwartungen und Wünsche des Auftraggebers realisieren, wie müssen Räume beschaffen sein, um eine Funktion erfüllen zu können? Welche Formen und Materialien sind zu wählen, um einen bestimmte gestalterische Qualität zu erreichen? Oder man fragt nach dem „Warum“: In Kausalketten soll geklärt werden, wie Dinge zustande gekommen sind, was sind die Ursachen für Entscheidungen und die daraus resultierenden Fakten. Diese Art von Frage ist vor allem ein Blick in die Vergangenheit. Die Beantwortung dieser Fragen ist natürlich wichtig, aber das „Telos“, das Ziel und der Zweck, der Blick nach vorne, kommen zu kurz. Die Frage nach dem „Wozu“ setzt radikal (radix – Wurzel) an und hinterfragt immer wieder aufs Neue die Zweckbestimmung. Nur wenn der Zweck ausreichend geklärt ist, lassen sich die Mittel zur Realisierung dieses Zwecks sinnvoll wählen. Mit dieser grundlegenden Frage steht der Architekt in der Tradition aller beratenden Professionen. Jede gute Beratung lebt davon, zunächst das Anliegen des Auftraggebers zu klären, also zu fragen, was der Zweck des Bauvorhabens sein soll. Hier schlüpft der Architekt in die Rolle des alten Philosophen Sokrates, der seine Gesprächsund Beratungskunst als Mäeutik, als Hebammenkunst verstand: Im Prozess der Beratung hilft der Architekt dem Auftraggeber, sein Baby zu gebären, seine Idee zu verwirklichen. Architektur (im Sinne von Raumgestaltung) ist hier nur Mittel zum Zweck, im Mittelpunkt steht die Geburt der Idee des Auftraggebers und ihrer Realisierung durch Planung und Bauen.

IV „Wer nicht weiß, welchen Hafen er ansteuert, für den ist kein Wind ein günstiger.“
Dieser Ausspruch des römischen Philosophen Seneca verdeutlicht nochmals die ungemeine Bedeutung der Zweckklärung am Anfang eines jeden Bauvorhabens. Nur wenn der Zweck eindeutig geklärt ist, kann im Laufe des Planungs- und Realisierungsprozesses eine iterative Nachsteuerung auf das Ziel hin erfolgen.

Die Frage nach dem „Wozu“ fordert geradezu die Leistungsphase 0, die es bekannterweise gar nicht gibt, die aber von praktizierenden Architekten gewünscht, eingefordert, ersehnt wird. Was in Leistungsphase 1, der Grundlagenermittlung, rasch und effizient abgeklopft werden muss und in seiner Unvollständigkeit und Unzulänglichkeit schnellstens im Vorentwurf aufs Papier gebracht wird, bedürfte doch ach so viel mehr an Zeit, Überlegung, Gutachten und Gesprächen. Wenn das Ziel klar definiert würde, das Ziel des Bauvorhabens, des Baukörpers und sich Bauherren, Architekten gleichermaßen die Frage beantworten können, wozu denn dieses Bauvorhaben dient, wozu das Haus dort, an jener Stelle, auf bestimmte Art und Weise, in jener Form und Materialität denn gebaut wird – dann… ja, dann würden wir vielleicht qualitätvollerer Architektur ein Stück näher kommen. Mit Architekten, deren Ambitionen zu einem gesteckten Ziel führen, das nicht mit der Leistungsphase 9 erlischt, sondern eigentlich erst dann beginnt, wirklich relevant zu werden. Mit Bauherren, deren Bedürfnisse, Umstände und Eigenarten berücksichtigt werden, unter Einsatz nicht aller zur Verfügung stehenden Mittel, sondern derer, die dem Zweck dienen.

Nach dem Lesen dieses Beitrages dürfte uns nun nicht mehr unwohl sein beim Gedanken an „reine Zweckerfüllung“: Sie ist unser Ziel – der Zweck unseres täglichen, nicht ausschließlich architektonischen Schaffens.

Autoren:
Ann-Kristin Masjoshusmann, 1971, arbeitete mehr als zehn Jahre als Architektin, bevor sie den Masterstudiengang Architektur Mediamanagement an der Hochschule Bochum absolvierte. Als Redakteurin bei gambit verbindet sie seit 2009 ihre Erfahrungen aus der Architekturpraxis mit ihren Kenntnissen aus den Bereichen Architekturtheorie, Kommunikation und Marketing.

Michael Niehaus, Jahrgang 1970, ist Philosoph, Autor und Inhaber der Philosophischen Praxis pro-phil in Dortmund. Studium der Philosophie, Sozialpsychologie und Germanistik, M.A.. Berufsstationen in privaten und öffentlichen Forschungsund Beratungsinstitutionen. Seit 1997 Beratungen, Seminare und Trainings im Bereich Philosophie, Persönlichkeitsentwicklung und Management für Privatpersonen, Organisationen und Unternehmen. www.pro-phil.de