Szenografie-Professor Michael Simon über neue Wege der Inszenierung von Ausstellungen und Events

Den bundesweit einzigartigen Studiengang »Szenografie« bietet die Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe an. Das Berufsbild des Bühnenbildners wandelt sich damit zum Gestalter und In-Szene-Setzer von Konzertbühnen, Multimedia-Events, Filmkulissen und Museen. Michael Simon, Regisseur und Bühnenbildner, ist Professor für Szenografie dieses einzigartigen Studienganges. Sein Plädoyer: Einen spielerischen Umgang mit der Komplexität der Realität entwickeln. Mit »berührungspunkte – das magazin« sprach er über Perspektiven neuer Ideen im Spannungsfeld zwischen Architektur, Inszenierung und Auftraggeber.

02133Frage: Herr Simon, Sie plädieren für mehr Mut in der Gestaltung von Ausstellungen, Museen, Kulturtempeln. Wer fällt denn durch Ängstlichkeit auf? Architekten? Ausstellungsmacher / Kustoren? Oder die Auftraggeber?
Michael Simon: Angst hat die Gesellschaft, in der wir leben. Wir haben keinen langen Atem. Jede Veränderung, die nicht erkennbar in eigenen Vorteil umzusetzen ist, wird abgelehnt. Die Architekten sind die Mutigsten, aber wie lange? Wieviel verlorene Wettbewerbe nach dem Studium hält jemand aus, ohne sich zu fragen, ob seine Ideen überhaupt je zu realisieren sind? Daniel Libeskind hat 1999 im Alter von 53 Jahren sein erstes gebautes Projekt, das Jüdische Museum in Berlin vorgelegt. Seine Konsequenz und sein Durchhalten in der 10-jährigen Bauphase führte hier zum überwältigenden Erfolg.
Die Ausstellungsmacher werden immer mehr an Publikumszahlen gemessen. Hier zählt genauso das langfristige Durchhaltevermögen, um neue Ansätze und Inhalte gegen interne Kritik, aber auch gegen schwankende Besucherzahlen durchzusetzen.

Die Auftraggeber sind in öffentliche und private zu teilen, wobei der Museumsbereich an permanenter Unterfinanzierung leidet. Hier braucht es den Mut, Strukturen aufzubrechen und es muss die Angst vor Sponsoring verloren werden. Interessanterweise sind im kommerziellen Bereich die Präsentationen der sogenannten Zukunftsbranchen eine ästhetische Katastrophe. Die Designgeschichte der Computerund Telekommunikations-Ära steckt noch in der Steinzeit. Zwischen dem Anspruch, die Zukunft technisch zu gestalten und der Realität, diesen Inhalt zu präsentieren, klafft eine riesige Lücke. Bill Gates Auftritte haben den Charme eines Kaffeekränzchens. Das Potenzial der Werbebranche steht hier genauso auf dem Prüfstand und muss mit der jährlichen Taktfrequenz-Erhöhung der Chips mithalten. Hier ist der kreative Nachwuchs der Kunst- und Medienhoch – schulen gefragt. Wo sind die von Scholz und Friends, Pixelpark, Microsoft, AOL/Time Warner und T-Online gesponserten internationalen Medienkunstpreise und Ausstellungen? Jede Sparkasse kümmert sich heute mehr um den kreativen Nachwuchs.

Frage: Sie erkennen eine Diskrepanz zwischen den Ansprüchen der Museumsleitung – die historische oder wissenschaftliche Fakten und Werte vermitteln möchte – und den Sehnsüchten der Besucher. Ist diese Diskrepanz neu oder wird sie gerade erst entdeckt?
03116Michael Simon: Das Museum ist ein steingewordenes Manifest des Humanismus. Schon die Museumsarchitektur soll Ehrfurcht erzeugen.
»Bitte auf den Knien durch die Sammlung kriechen«, steht unsichtbar über dem Eingang. Wissensvermittlung ist hier auf weihevolle Betrachtung und Lesen der Bildlegende reduziert. Der gesellschaftliche Wandel seit 1968 hat zuerst die Kinder ins Museum gebracht und schließlich den ganzen didaktisch- wissenschaftlichen Apparat in Frage gestellt. Mancher Kunsthistoriker hätte daraufhin sicher gerne seine Galerie geschlossen und nur der Forschung zu Verfügung gestellt. Die Diskrepanz zwischen der gestiegenen Lust am Sehen, dem gierigen Konsum von Bildern und Inhalten in unserer heutigen Freizeitgesellschaft und dem Anspruch der Wissenschaftler wird bleiben. Der Erfolg der »Körperwelten«-Ausstellung mit der Ethik- und Wissenschaftsdiskussion in Ihrem Umfeld ist ein faszinierendes Beispiel von flächendeckender Präsenz. Gleichzeitig muss man wissen, dass die wissenschaftlichen Sammlungen allein der Berliner Humboldt-Universität 30 Millionen Objekte zählt. Ein unermesslicher Schatz, dessen Hebung Summen braucht, die nur für Forschungszwecke nicht zur Verfügung stehen werden. Ich schlage einen privat finanzierten Themenpark »Wissen« auf dem Schloßplatz in Berlin vor. Sponsoren: Bertelsmann und Schering.

Frage: Ist diese von Ihnen beschriebene Entwicklung ein Zeichen für fortschreitende Demokratisierung der Mehrheit oder für den oft beschworenen »Untergang des Abendlandes«?
Michael Simon: Das letzte Jahr zeigte mit dem schnellen Zusammenbruch der Reality-TV-Welle nach Big Brother und dem Börsencrash am Neuen Markt: Man muss doch arbeiten, um Geld zu verdienen. Wissen ist Macht und das wird so bleiben.


Frage:
Wenn Museen, Ausstellungen etc. immer mehr zum Erlebnis, zum Event werden – ist das eine Absage an den Intellekt?
Michael Simon: Was kann eine Ausstellung? Einem Nichtwissenden kann sie nur Lust auf mehr machen. Je stärker der Eindruck, desto größer die Chance, dass ich mich weiterhin mit dem Thema beschäftigen will. Früher wurde die Nachhaltigkeit einer Ausstellung überhaupt nicht untersucht. Ein Museum gehörte einfach zur kulturellen Grundausstattung, egal wieviele Besucher es hatte. Es gab den intellektuellen Anspruch, aber keine Besucher.

Frage: Welche Rolle spielt die Architektur bei der Inszenierung eines Raumes? Soll sie Möglichkeiten bieten wie der schwarze, leere Raum einer Bühne oder selbst eingreifen ins Spiel?
Michael Simon: Architektur hat den unmittelbarsten Einfluss auf die Wahrnehmung. Unser Körper reagiert unbewusst auf den ihn umgebenden Raum. Beispiele: Platzangst, oder Ermüdung beim Treppensteigen. Das heißt: Die Architektur greift immer bei einer Ausstellung ein. Kleinste Veränderungen von Gangbreiten und Treppenhöhen können maximale Effekte bei der Wahrnehmung der Inhalte haben. Auch die Lichtgestaltung ist von der Architektur nicht zu trennen. Das Verhältnis von Ausstellungsarchitektur und Lichtkonzept zum Inhalt und Budget wird der ewige Streitpunkt bei Ausstellungskonzepten bleiben. Museumsdirektoren und Werbeleiter sollten öfter Geisterbahn fahren und ins Theater gehen.

Frage: Überall wimmelt es von »Events«. Welche – möglicherweise veränderten – Erwartungen gibt es an diese Inszenierungen im öffentlichen Raum?
Michael Simon: Das Qualitätsbewusstsein steigt. Der Eventboom hat eine Unzahl Agenturen hervorgebracht, die keinerlei inhaltlichen oder ästhetischen Kriterien folgen. Nicht das bunte Spektakel allein zählt. Die Verhältnismäßigkeit beim Einsatz der Mittel und der Vermittlung des Inhalts wird wichtiger. Gleichzeitig setzt in der Wirtschaft eine genauere Analyse über die Nachhaltigkeit ein: Wie lange hält der Verkaufsschub, die Mitarbeitermotivation nach einem Event? Im Gegensatz dazu dient das Wort in der Kultur noch als Kampfbegriff: Lieber einmal ein großes Festival, als ein Theater mit seinen Folgekosten das Jahr lang durchzufinanzieren. Aber das Leben besteht nicht nur aus Highlights. Die Basis darf nicht vernachlässigt werden.

01158Frage: Ihre Arbeitsphilosophie heißt: »Spielerischer Umgang mit der Komplexität der Realität.« Ist die Ernsthaftigkeit eines solchen spielerischen Umgangs mit – kostspieligen – Projekten inzwischen in den Köpfen verankert oder gibt es da Kämpfe?
Michael Simon: Das letzte Treatment zur Eröffnung der neuen Terminals des Düsseldorfer Flughafens fand leider keine Mehrheit. 500 Gäste sollten am alten Terminal in einen Jumbo steigen und starten. Geschlossene Fenster und Bildschirme vor jedem Sitz hätten während des Fluges eine Zeitreise über Video ermöglicht, um danach am neuen Terminal auszusteigen. Dort wäre man auf eine Inszenierung mit Menschen aus dem Jahr 2050 gestoßen – eine Eröffnungszeremonie aus der Luft und aus einer anderen Zeit. Schade. Statt dessen werden jetzt wohl Luftballons verteilt und Herbert Grönemeyer singt: »Ich habe Flugzeuge im Bauch.« Die nicht realisierten Projekte bleiben wohl die schönsten, weil sie als Utopie im Kopf stattfinden.

Das Interview führte Beate Schwedler

Fotos: Matthias Stutte Uraufführung von »Dantes Gesichter«, ein szenisches Gedicht von Michael Simon September 1998

Michael Simon, Jahrgang 1958
Bühnenbildstudium bei Prof. Jürgen Rose (Akademie der bildenden Künste, Stuttgart) 1979 Performances und Installationen mit der Gruppe FAMILI (Stuttgart, Köln, New York, Washington)
1981 Regie und Raum für »Memories can´t wait« (Performing Garage, New York)
1982-90 Raum und Lichtarbeiten für William Forsythe und das Frankfurter Ballett
1983-89 Bühnenbilder für Schauspielhäuser in D´dorf, Frankfurt, Freiburg, Darmstadt…
seit 1989 Opern- und Ballett-Bühnenbilder (Amsterdam, Den Haag, Basel, Zagreb, Stockholm, Leeds, Madrid, Zarragossa, New York, Los Angeles, Tokio, Sydney…)
seit 1990 Regie und Bühne eigener Projekte (»Newtons Casino«, »Römische Hunde«, »Narrative Landscape«, »Real Life«, TAT Frankfurt)
seit 1994 Regie u. Bühne »Black Rider« (Dortmund), »Dr. Jekyll & Mr. Hide« (Volksbühne Berlin), »Tosca« (Burgtheater Wien), »Der Glöckner von Notre Dame« (Residenztheater Mücnehn), »Der Auftrag« (Kunstfest Weimar). »Schlaflos, Woyzeck«, »Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen« (Schaubühne Berlin) 1997 Documenta X Beitrag »The Lady is not for burning«
seit 1998 Professor für Szenografie an der HfG Karlsruhe; Regie u. Raum »Narcissus« (Oper Bonn)